Heiko Mell

Flugangst

Ich bin noch relativ jung, Ingenieur im Management eines mittelständischen Unternehmens und erwäge derzeit den Wechsel in einen größeren Konzern.
In meiner heutigen Firma habe ich bei Dienstreisen ausschließlich den Pkw benutzt, bei der neuen Position gehe ich jedoch davon aus, dass Flugreisen erforderlich sind.
Obwohl ich als Ingenieur meine, die Risiken des Fliegens objektiv einschätzen zu können, habe ich panische Flugangst und leide sehr darunter. Diese Ängste habe ich erst im Laufe der Jahre entwickelt – noch vor zehn Jahren bin ich gern geflogen.

Ich befürchte nun, in eine schwierige Situation zu kommen, wenn man in meiner neuen Firma eine Flugreise von mir erwartet, die ich nicht antreten möchte. Meines Erachtens wird so etwas weder in Vorstellungsgesprächen noch im Arbeitsvertrag geklärt.

Was sollte ich tun, wenn der Chef von mir eine Flugreise erwartet? Sollte ich darüber vor Vertragsabschluss reden oder verwirke ich damit sogar den Vertragsabschluss? Kann ich zur Benutzung des Flugzeuges gezwungen werden oder brauche ich ein ärztliches Attest, um dies zu vermeiden? Soll ich überhaupt darüber reden?

Antwort:

Ihre Angst, diese Vermutung drängt sich auf, ist inzwischen so schlimm, dass Sie schon „Angst vor der Angst“ haben. Das beginnt, die Rationalität Ihres Handelns zu gefährden. Beispiel: Sie schreiben uns anonym, bitten dafür um Verständnis. Grundsätzlich akzeptieren wir das nicht, machen hier aber eine – seltene – Ausnahme.

Nur: Was denken Sie, hätte ich mit Ihrem Namen angestellt? Halbseitige Inserate in der Presse aufgegeben „Herr Schulze aus A-Dorf hat Flugangst“? Also bleibt mir nur der Rat: Ihr Problem ist bereits ein medizinisches, lassen Sie sich fachkundig helfen. Sonst frisst es Sie auf.

Zur Sache: Nach Problemen rein psychischen Ursprungs wird in Vorstellungsgesprächen nicht gefragt, vertragliche Vereinbarungen („Herr … muss keine Flugreisen akzeptieren“) habe ich noch nicht gelesen, sie kommen wohl auch kaum vor.

Ich sehe zwei wesentliche Aspekte:

1. Wenn Sie zu dem neuen Arbeitgeber gehen und vorher nichts sagen, lähmt Sie allein die Angst vor der Angst. Jeden Tag befürchten Sie, es käme zur „Nagelprobe“ und jemand würde von Ihnen die Benutzung eines Flugzeuges erwarten. Das geht nicht, das macht Sie kaputt.

2. Wenn Sie im Gespräch vor Vertragsabschluss Ihr Problem ansprechen, riskieren Sie eine Ablehnung. Der medizinische Laie, der Ihnen gegenübersitzt, ist ganz sicher kein Spezialist für Phobien – und fürchtet vermutlich, Ihre Flugangst sei nur die Spitze eines Eisbergs. In so einem Fall lautet die Grundregel für ihn: „Vorsicht, lass die Finger von dem Mann, stell lieber einen anderen ein, von dem bisher nichts Kritisches dieser Art bekannt geworden ist.“

Bleibt aus meiner laienhaften Sicht die dringende Wiederholung der Empfehlung: Holen Sie sich fachkundige Hilfe. Die gibt es ganz sicher, schon Ihr Hausarzt müsste Adressen besorgen können.Wenn Sie das nicht wollen oder wenn das nicht hilft, dann ist es aus meiner Lebenserfahrung heraus am besten, Sie stehen völlig offen dazu. Erzählen Sie es jedermann, machen Sie es zu einem Teil Ihrer Persönlichkeit. Dann verzichten Sie eben auf Jobs, bei denen Fliegen wichtig wäre – wie Sie ja auch Positionen „abschreiben“ müssen, bei denen Sie perfektes Französisch können müssten (oder was auch immer). Dann wäre wenigstens die Angst weg, jemand könnte merken, dass Sie Angst haben. Und Sie könnten wieder bei „harmlosen“ Anfragen an die Karriereberatung Ihren Namen benutzen.

Falls es Sie tröstet: Wir alle haben vor irgend etwas Angst. Nur Dummköpfe haben keine, das ist eine uralte Erkenntnis. Das Ziel ist auch für Sie nicht, keine Angst mehr zu haben – sondern vernünftig damit umzugehen.

Kurzantwort:

Angst vor etwas zu haben, ist ganz natürlich. Aber mit der Angst, andere könnten merken, dass man eine Phobie hat, ist eine erfolgreiche Managertätigkeit kaum möglich.

Frage-Nr.: 1500
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 24
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-06-23

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