Heiko Mell 01.01.2016, 16:48 Uhr

Mit 26 in der Sackgasse?

Ich bin 26 Jahre jung und habe an der FH Maschinenbau/Fertigungstechnik studiert (2,0).

Danach habe ich mich überreden lassen, im Betrieb meines Onkels, einem Kfz-Sachverständigenbüro, anzufangen. Dafür habe ich eine Weiterbildung zum Prüfingenieur mit abschließender Prüfung vor dem Landesverkehrsministerium absolviert.

In diesem Bereich kann ich mir aber meine Zukunft nicht vorstellen – für diese Tätigkeit habe ich mich nicht durch das Maschinenbaustudium gearbeitet!!

Seit ca. vier Monaten bewerbe ich mich bei mehreren großen Automobilkonzernen – es hagelt nur Absagen.Ich habe gelesen, dass der Wechsel von kleinen zu großen Unternehmen sehr schwierig ist (auch schon mit 26?).Habe ich mir sämtliche Chancen genommen, weil ich erst in einem kleinen mittelständischen Unternehmen mit ca. 16 Mitarbeitern angefangen habe?

Dabei können sich meine Voraussetzungen, finde ich, sehen lassen: schnelles Studium, überdurchschnittliche Note, REFA-Grundschein, nicht ortsgebunden, erst 26 Jahre und nun auch noch Prüfingenieur Fahrzeugtechnik.

Antwort:

Letzteres ist genau das Problem. Ein Kfz-Sachverständiger ist ein hochanständiger Mann. Punkt. Ein Ingenieur in der Fertigung eines Kfz-Herstellers ist auch ein hochanständiger Mann. Auch Punkt. Aber beide sind in hohem Maße „anders“, jeweils vom anderen Standpunkt aus betrachtet. Im Normalfall haben die im ganzen Leben keinen beruflichen Kontakt miteinander, sie leben in verschiedenen Welten.

Die Kfz-Hersteller sehen in Ihrer bewussten Entscheidung für den Sachverständigenberuf mit der von Ihnen im Lebenslauf stark herausgestellten Spezialausbildung, mit der von Ihnen dort breit formulierten zweijährigen Tätigkeit im Gutachterbüro und Ihrer stolzen Hervorhebung der Leitung eines Zweigbüros ein Riesenschild, das Sie sich umgehängt haben. Darauf steht: „Zwar will ich zu euch – aber ich bin total anders.“ Resultat: siehe Ihre Erfahrungen. Hier geht es um mehr als kleine/große Betriebe, hier geht es um die vermutete Persönlichkeit eines Bewerbers, dokumentiert durch seine (ungewöhnliche) Arbeitgeber- und damit berufliche Richtungswahl: Ich bin, was ich tue.

Mein Rat: Hängen Sie Ihre heutige Tätigkeit tief. Lassen Sie die Spezialprüfung ebenso weg(!) wie die Zweigbüroleitung. Und machen Sie die ganze Tätigkeit zur familiär bedingten vorübergehenden Aushilfstätigkeit im Büro Ihres Onkels (von Anfang an befristet). Und nun ist das beendet, Ihr Onkel kommt wieder allein zurecht – und Sie fangen jetzt so richtig mit Ihrem Beruf an. Vielleicht auch nicht bei einem großen Hersteller, sondern bei einem mittelgroßen Zulieferer.

Frage-Nr.: 1885
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 40
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-09-30

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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