Frauenpower 08.05.2026, 12:00 Uhr

Aufsichtsräte im DAX: Frauen bleiben kürzer

Frauen verlassen DAX-Aufsichtsräte deutlich früher als Männer. Auch die Frauenquote sinkt – Deutschland verliert im Europa-Vergleich weiter an Boden.

Frauen und Männer - symbolbild mit Schuhen

Frauenanteil in DAX-Aufsichtsräten sinkt im internationalen Vergleich, während weibliche Mitglieder deutlich kürzer im Amt bleiben und in zentralen Machtpositionen weiterhin unterrepräsentiert sind.

Foto: picture alliance / dpa | Oliver Berg

Die Personalberatung Russell Reynolds Associates beobachtet in ihrer aktuellen Analyse der DAX-Aufsichtsräte eine wachsende Ungleichheit bei den Amtszeiten von Männern und Frauen in den Kontrollgremien deutscher Großkonzerne.

Frauen verlassen die Aufsichtsräte der DAX-Unternehmen inzwischen deutlich früher als ihre männlichen Kollegen – und die Unterschiede nehmen weiter zu. Während weibliche Aufsichtsräte 2022 im Durchschnitt noch rund zwei Jahre länger im Amt blieben als Männer, hat sich das Verhältnis inzwischen umgekehrt: 2026 scheiden Frauen nach durchschnittlich 5,4 Jahren aus den Gremien aus, Männer dagegen erst nach 9,5 Jahren. Damit ist die durchschnittliche Amtszeit von Frauen nur noch etwa halb so lang. Besonders auffällig: Die Differenz zur Verweildauer der in diesem Jahr ausscheidenden Männer ist inzwischen zweieinhalb Mal so groß wie im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre.

Gleichzeitig geht auch der Frauenanteil in den DAX-Aufsichtsräten zurück. Mit aktuell 38,3 % liegt er zwei Prozentpunkte unter dem Rekordwert von 40,3 % vor zwei Jahren. Zuvor war der Anteil weiblicher Aufsichtsräte über 15 Jahre hinweg kontinuierlich gestiegen und hatte 2024 erstmals die 40-%-Marke überschritten. Der rückläufige Trend setzt sich 2026 weiter fort: Erneut scheiden mehr Frauen aus den Kontrollgremien aus, als neu gewählt werden.

DAX verliert im Europa-Vergleich bei Frauenquote in Aufsichtsräten

Im internationalen Vergleich fällt der DAX bei der Besetzung von Aufsichtsräten mit Frauen weiter zurück. Laut der aktuellen Analyse von Russell Reynolds Associates belegt der deutsche Leitindex unter den zehn wichtigsten europäischen Börsenindizes nur noch Platz acht – und verliert damit das zweite Jahr in Folge an Boden.

Während der Frauenanteil in den Kontrollgremien vieler europäischer Unternehmen weiter steigt, entwickelt sich der DAX gegen den Trend. Mit Ausnahme Frankreichs konnten nahezu alle großen europäischen Aktienindizes ihren Anteil weiblicher Aufsichtsräte zuletzt ausbauen.

Frauenanteil in europäischen Aufsichtsräten im Überblick

  • Frankreich: rund 47 %
  • Norwegen: rund 46 %
  • Großbritannien und Italien: jeweils rund 45 %
  • Dänemark und Niederlande: jeweils rund 43 %
  • Deutschland (DAX): 38,3 %

Mehr Frauen an der Spitze von DAX-Aufsichtsräten

Positiver entwickelt sich dagegen die Zahl weiblicher Aufsichtsratsvorsitzender in den DAX-Konzernen. Inzwischen werden fünf Aufsichtsgremien beziehungsweise 12,5 % der DAX-Unternehmen von Frauen geführt – so viele wie nie zuvor.

Weitere Bewegung wird für Oktober 2026 erwartet: Dann soll Amparo Moraleda den bisherigen Aufsichtsratschef René Obermann an der Spitze von Airbus ablösen. Der Anteil weiblicher Aufsichtsratsvorsitzender im DAX-Umfeld würde damit auf 15 % steigen.

Neu gewählte Aufsichtsrätinnen im DAX 40: neue Frauen in den Gremien

Im Zuge der diesjährigen Hauptversammlungen der DAX-40-Unternehmen wurden bzw. werden insgesamt zwölf Frauen neu in die Aufsichtsgremien berufen (Vorjahr: 10). Damit setzt sich der langsame, aber kontinuierliche Zuwachs weiblicher Aktionärsvertreterinnen in den Kontrollorganen der größten deutschen Börsenunternehmen fort. Auffällig ist zudem der hohe Anteil deutscher Staatsbürgerinnen: Zehn der neuen Aufsichtsrätinnen stammen aus Deutschland, was einem Anteil von 83 % entspricht (Vorjahr: 70 %).

Im Bereich der DAX-Aufsichtsratsvorsitze zeigt sich ein positiver Trend: Fünf der 40 Aufsichtsgremien werden aktuell von Frauen geführt. Das entspricht einem Anteil von 12,5 % und markiert den bisherigen Höchststand.

Die aktuellen weiblichen Aufsichtsratsvorsitzenden sind:

  • Simone Bagel-Trah – Henkel
  • Clara-Christina Streit – Deutsche Börse und Vonovia
  • Katrin Suder – DHL Group
  • Sabrina Soussan – Continental

Sollte Amparo Moraleda im Oktober 2026 wie geplant René Obermann an der Spitze des Airbus-Aufsichtsrats ablösen, würde der Anteil weiblicher Aufsichtsratsvorsitzender im DAX auf 15 % steigen.

Neu gewählte Aufsichtsrätinnen im DAX 40: zwölf Frauen mit Top-Management-Erfahrung
Im Zuge der diesjährigen Hauptversammlungen der DAX-40-Unternehmen wurden bzw. werden insgesamt zwölf Frauen neu in die Aufsichtsgremien gewählt (Vorjahr: 10). Damit setzt sich der vorsichtige Ausbau weiblicher Expertise in den Kontrollorganen der größten deutschen Börsenunternehmen fort. Der Anteil deutscher Staatsbürgerinnen unter den Neubesetzungen liegt bei 83 % (10 von 12; Vorjahr: 70 %).
Die neu berufenen Aufsichtsrätinnen bringen überwiegend umfangreiche Führungserfahrung aus Vorstandsfunktionen, CEO-Positionen oder strategischen Schlüsselrollen in internationalen Konzernen mit.

Damit zeigt sich eine leichte Zunahme weiblicher Präsenz in den DAX-Aufsichtsräten, auch wenn die Verteilung in den Kontrollgremien weiterhin unausgewogen bleibt.

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Die neuen Mandatsträgerinnen verfügen überwiegend über Erfahrung in Top-Management- und Vorstandsfunktionen. Dadurch gewinnt die weibliche Perspektive in den DAX-Aufsichtsräten zwar weiter an Gewicht, bleibt im Gesamtbild der Kontrollgremien jedoch weiterhin ausbaufähig.

Frauen in DAX-Aufsichtsräten: Rückstand bei „Positions of Power“ wächst

Bei den sogenannten „Positions of Power“ in den DAX-Aufsichtsräten zeigt sich laut Analyse der Russell Reynolds Associates kaum Fortschritt für Frauen – im Gegenteil: Während es beim Aufsichtsratsvorsitz und bei einzelnen Ausschussvorsitzen leichte Bewegung gab, stagniert die Entwicklung in den zentralen Machtpositionen weitgehend oder verschlechtert sich sogar.

Der Anteil weiblicher stellvertretender Vorsitzender ist im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen. Auch die allgemeinen Ausschusssitze verloren an Frauenanteil – von 39 % auf 35 %. Besonders deutlich zeigt sich die Unterrepräsentation im Präsidialausschuss, in dem zentrale strategische Weichenstellungen für die Aufsichtsräte erfolgen: Hier liegt der Frauenanteil nur bei 11,6 %. Insgesamt bedeutet das, dass Frauen in den entscheidenden Machtstrukturen bis zu 15 Jahre hinter ihrem Anteil in den Aufsichtsräten zurückliegen.

„Gesuchte CEO-Erfahrung benachteiligt Frauen“

„Das zweite Jahr in Folge gab es keinen Fortschritt auf dem vor kurzem noch sicher geglaubten Weg hin zur Parität – und das gegen den europäischen Trend. Es herrscht Stillstand. Wir liegen beim Frauenanteil erneut unter der 40 %-Marke. Zudem bleiben Frauen deutlich kürzer im Amt, zuletzt nur noch rund halb so lang wie Männer. Die Besetzung zentraler Machtpositionen mit Frauen – wie beispielsweise in den Präsidialausschüssen – hinkt weiterhin deutlich hinterher. Das ist in Summe keine gute Entwicklung“, so Jens-Thomas Pietralla, Leiter der Global Board & CEO Practice bei.

Er ergänzt zudem, dass in Zeiten großer Unsicherheit insbesondere CEO-Erfahrung stark nachgefragt werde. Da Frauen in der Vergangenheit deutlich seltener an der Spitze von DAX-Unternehmen standen, sei der Pool an weiblichen Kandidatinnen mit entsprechender Erfahrung strukturell kleiner. Dies wirke sich nach seiner Einschätzung nachteilig auf die Besetzung von Aufsichtsratspositionen mit Frauen aus.

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Frauenanteil in DAX-Aufsichtsräten: Drei Unternehmen bleiben unter 30 %-Marke

Im Jahr 2026 zeigt sich im DAX ein gemischtes Bild bei der Geschlechterverteilung in den Aufsichtsräten. Während einige Unternehmen hohe Frauenquoten erreichen, bleiben mehrere Konzerne weiterhin deutlich unter den regulatorisch angestrebten Schwellenwerten. Grundlage der Auswertung ist die Analyse der Russell Reynolds Associates.

An der Spitze der 40 DAX-Unternehmen steht erneut Beiersdorf mit einem Frauenanteil von 58 % (Aktionärs- und Arbeitnehmervertretungen). Dahinter folgen Bayer, Fresenius Medical Care und Vonovia, die jeweils auf 50 % kommen.

Insgesamt erreichen mehr als die Hälfte der DAX-Unternehmen (24 von 40) einen Frauenanteil von mindestens 40 %. Gleichzeitig bleiben drei Unternehmen klar unter der Zielmarke von 30 %:

  • Porsche SE mit 20 %
  • adidas mit 25 %
  • SAP mit 28 %

Frauen verlassen Aufsichtsräte im Schnitt deutlich früher

Ein weiterer Trend betrifft das Alter der ausscheidenden Aufsichtsratsmitglieder: Frauen scheiden deutlich jünger aus ihren Mandaten aus als Männer. Im vergangenen Jahr lag das durchschnittliche Alter der ausscheidenden Frauen bei 59,2 Jahren, während Männer im Schnitt erst mit 66,9 Jahren ausschieden. Damit sind weibliche Aufsichtsratsmitglieder rund acht Jahre jünger – nach sechs Jahren im Vorjahr und fünf Jahren noch zwei Jahre zuvor.

Vernetzung in DAX-Aufsichtsräten auf historischem Tiefstand

Parallel dazu nimmt die Vernetzung innerhalb der Aufsichtsräte weiter ab. Die Zahl der Mehrfachmandate erreicht 2026 einen historischen Tiefstand. Besonders stark ist der Rückgang bei Männern ausgeprägt, während Frauen ihre Zahl an Mehrfachmandaten weitgehend stabil halten.

Haupttreiber dieser Entwicklung sind der DAX-Ausstieg der Porsche AG sowie gezielte Mandatsreduzierungen in einzelnen Gremien. Dadurch sinkt die Verflechtung zwischen den Aufsichtsräten insgesamt spürbar.

Die Analyse der DAX-Aufsichtsräte basiert auf den Daten nach den diesjährigen Hauptversammlungen sowie auf den bereits angekündigten personellen Veränderungen bei noch ausstehenden Versammlungen laut Tagesordnung. Russell Reynolds Associates erhebt diese Daten seit 16 Jahren jährlich und gilt damit als etablierte Referenz für die Zusammensetzung von Aufsichtsgremien in Deutschland.

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Ein Beitrag von:

  • Alexandra Ilina

    Alexandra Ilina ist Diplom-Journalistin (TU-Dortmund) und Diplom-Übersetzerin (SHU Smolensk) mit mehr als 20 Jahren Berufserfahrung im Journalismus, in der Kommunikation und im digitalen Content-Management. Sie schreibt über Karriere und Technik.

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