Spanien

Ingenieure haben in Katalonien einen Platz an der Sonne

Barcelona zieht als innovativer Schmelztiegel für neue Trends auch Ingenieure aus aller Welt an. Katalonien gilt auch deutschen Unternehmen als „Spanisches Baden-Württemberg“. Karriereperspektiven für flexible und international ausgerichtete Jungingenieure mit Sprachkenntnissen sind gut.

Barcelona wird als Arbeitsplatz für Ingenieure beliebter.

Barcelona wird als Arbeitsplatz für Ingenieure beliebter.

Foto:  Mark Burry / Temple Expiatori de la Sagrada Familia

Lluís Surós arbeitet seit einem halben Jahr als Junior Developer beim deutschen IT-Dienstleister GFT. Und zwar am Standort in Barcelona. Der 27-jährige Ingenieur der Telekommunikation gehört aber keineswegs zur „Generation Hoffnungslos”, wie sich die gut ausgebildeten Universitätsabsolventen in Spanien gelegentlich abschätzig etikettieren lassen müssen.

In Sant Cugat bei Barcelona ebenfalls wie Lluís Surós seit geraumer Zeit mit von der Partie ist Jordi Martínez. Der 25-Jährige hat bei GFT als technischer Analyst angeheuert. „Von der Krise voll erwischt werden vor allem jene Abgänger aus den humanistischen Bildungscurricula, während naturwissenschaftliche Studiengänge auch weiterhin interessante neue Perspektiven eröffnen“, erklärt Martinez.

Fest steht: Das Klischee einer durch die spanische Wirtschafts- und Finanzkrise ins Abseits gestellten Universitätsgeneration trifft gerade bei innovativen Zukunftstechnologien keineswegs zu. Kein Wunder also, dass auch deutsche Unternehmen weiterhin bereit sind zu investieren. Erleichtert wird dies auch durch ein Lohnniveau, das wieder ein wettbewerbsfähiges Niveau erreicht hat.

So bündelt etwa der deutsche IT-Dienstleister GFT seine weltweiten Innovationsideen am Standort in Barcelona. Mehrere hundert Mitarbeiter sollen landesweit in den nächsten Jahren hinzukommen, unter anderem mit Blick auf die attraktiven lateinamerikanischen Wachstumsmärkte. „In Spanien finden wir die richtigen Fachkräfte“, betont Firmenchef Ulrich Dietz.

Barcelona fungiert dabei nicht nur als europäische Hauptstadt und Gastgeber des Mobile World Congress, der jedes Jahr im Februar stattfindet. Die kulturelle Metropole sieht sich auch als aktiver gesellschaftlicher Treiber dieser Entwicklung. „Die mobile Innovationswelle wird sich in den Unternehmen noch stärker auswirken als in der ersten Internetphase seit Anfang der neunziger Jahre“, prognostiziert jedenfalls Ginés Alarcón, CEO der Mobile Word Capital (MWC) Barcelona.

Auch in den modernen Ausbildungszentren tut sich einiges. So offeriert die IESE Business School auf dem Campus in Barcelona nicht nur einen fantastischen Panoramablick über die pulsierende Stadt.

Gemeinsam etwa mit der Stadt München hat man auch ein attraktives Managementprogramm „Munich-Barcelona“ für die berufstätige künftige Führungselite aufgelegt, die über den Tellerrand hinausschauen mag. Als Programmdirektor für das MBA-Programm am IESE über den Dächern der Stadt fungiert dort übrigens der mit einem MIT-Doktortitel in den Ingenieurswissenschaften ausgestattete Franz Heukamp. Das kreative Ambiente ziehe Professionals aus aller Welt an, lautet sein Credo.

Den einen oder anderen Ingenieur scheint es dabei gar nicht mehr vom Mittelmeer wegzutreiben. Immerhin seit zwölf Jahren im Industriegürtel um Barcelona arbeitet Matthias Meier. Der 44-jährige Ingenieur hat für den deutschen Energiezuführungsspezialisten Igus die regionale Vertriebszentrale aufgebaut.

„Barcelona und Spanien sind nach wie vor interessant für deutsche Ingenieure, allein durch den Sprachvorteil, wenn man für oder mit einem Unternehmen in Deutschland arbeitet“, sagt Meier. Die Geschäfte laufen entgegen dem allgemeinen Stimmungsbild bei Igus positiv. Sechs neue Mitarbeiter kamen in Barcelona in den vergangenen drei Jahren sogar hinzu.

Jaume Cané, bei der Unternehmensgruppe Freudenberg verantwortlich für die Region Spanien, Portugal und Nordafrika, ist weiterhin von der Zukunft Südeuropas überzeugt. „Spanien hatte schon immer ein sehr gutes Ingenieurwissen, was sich durch zahlreiche Projekte vor allem im Bereich der Wind- und Solarenergie belegen lässt.“

In den Ausbau des Produktionsstandortes Parets del Vallés in der Nähe von Barcelona hat Freudenberg in den letzten Jahren bereits rund 40 Mio. € investiert. Spaniens hochwertiges Know-how der Ingenieure, es dürfte künftig auch jenseits von groß angelegten Projekten in der Bauindustrie gefragt sein.

Die nähere Zukunft der iberischen Halbinsel prognostiziert Regionalchef Jaume Cané von Freudenberg vor allem in der nachhaltigen Energieerzeugung, wo das Land traditionell zu den Pionieren gehöre. „Wir sehen bezüglich der nationalen Industrie außerdem eine verstärkte Nachfrage nach qualitativ hochwertiger Expertise, wie sie gerade von unseren Ingenieuren mitgebracht wird.“

Und noch mit einem weiteren Plus können die Katalanen punkten. Traditionell stark präsent sind in der Region die kleinen und mittelständischen Unternehmen. „Wir sehen etwa im mobilen Bankensektor eine starke Nachfrage nach innovativen und kosteneffizienten IT-Services, wie sie gerade mittelständische Spezialisten liefern können“, bilanziert Carlos Eres, Managing Director bei GFT.

Der Unternehmensgründer von GFT Ulrich Dietz plädiert ohnehin für das Motto „anpacken statt jammern und wehklagen“. Denn schließlich sei Katalonien das spanische Pendant zu Baden-Württemberg. Deshalb glaubt man bei dem im Schwarzwald in St. Georgen gegründeten IT-Spezialisten mit weltweit 1400 Mitarbeitern auch weiterhin an gute Geschäfte. Und GFT nimmt dafür auch bares Geld in die Hand, ganz so, wie es sich im sonnenverwöhnten Barcelona gehört, bei „Tapas und Tannenzäpfle“ (Anm. der Red.: badisches Bier).

  LOTHAR LOCHMAIER

Von Lothar Lochmaier

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