Gesundheit

Hormonähnliche Chemikalie in Kassenbons gefunden

Der Streit um Bisphenol A geht in eine neue Runde. Kunden kommen in Supermärkten mit dem hormonell wirksamen Stoff direkt in Kontakt. Die Suche nach unbedenklichen Ersatzstoffen wird durch Datenlücken zum Teil erheblich erschwert.

Kassenzettel aus Thermodruckpapier können Bisphenol A enthalten. Das zeigt eine vom Westdeutschen Rundfunk (WDR) in Auftrag gegebene Untersuchung. Kassenbons bei Aldi, Edeka, Lidl, Real sowie Kaiser’s Tengelmann enthalten bis zu 1,5 % an Bisphenol A. Es steckt in der dünnen thermosensiblen Oberfläche, wo sie etwa 20 % ausmacht. Kassenzettel bei Rewe enthielten die Substanz nicht. Die Handelskette hat schon vor einigen Monaten mit der Umstellung auf Bisphenol-A-freie Kassenzettel begonnen.

Bisphenol A dient im Thermopapier als Entwickler für den eigentlichen Farbstoff. Bei der chemischen Reaktion wird es nur teilweise verbraucht. „Kassiererinnen und Verbraucher kommen in direkten Kontakt mit der Chemikalie“, sagt Manfred Krautter von EcoAid, einem Hamburger Beratungsunternehmen für Produktsicherheit und Nachhaltigkeit. In der Regel ist die thermosensible Oberfläche nur bei hochwertigen Tickets mit einer Schutzschicht überzogen.

In der EU werden jährlich etwa 1900 t Bisphenol A in rund 170 000 t thermosensiblem Papier als Kassenbelege, Selbstklebeetikette, Faxpapiere, Automatenbelege oder Lotteriezettel eingesetzt. Hauptsächlich ist die Substanz, von der weltweit ca. 3,8 Mio. t/Jahr hergestellt werden, jedoch Ausgangsstoff für Polycarbonatkunststoffe und Epoxidharze.

Strittig ist, ob Bisphenol A wirklich so giftig ist, dass auf sie verzichtet werden muss. Sie gilt weder als krebserregend noch als fruchtbarkeitsschädigend. In Laborversuchen aber wirkt sie wie das weibliche Sexualhormon Östrogen. Zwar bindet sie weniger gut an biologische Rezeptoren, doch ist sie chemisch stabiler und stört nachweislich bei Nagetieren und Fischen die Fortpflanzung.

„Die vorliegenden Kenntnisse sollten ausreichen, die Verwendung bestimmter Bisphenol-A-haltiger Produkte vorsorglich zu beschränken“, sagt auch Jochen Flasbarth, Präsident des Umweltbundesamtes. Er hat vor allem Konsumprodukte wie Konservendosen, Thermopapier, Lebensmittelverpackungen und Babyflaschen im Blick.

Herstellern und Nutzern der Chemikalie rät Flasbarth zu Alternativen. Er verweist auf Länder, die Bisphenol A vorsorglich in einigen Produkten verbieten. In Kanada dürfen seit 2008 keine Bisphenol-A-haltigen Babyflaschen verkauft werden. Die dänische Regierung hat ab Juli 2010 die Substanz in Babyfläschchen und Verpackungsmaterialien, die mit Nahrung für Kleinkinder in Kontakt kommen, verboten.

Doch die Kunststoffindustrie wehrt sich gegen Einsatzbeschränkungen. Jasmin Bird vom Verband der europäischen Plastikhersteller PlasticsEurope verweist auf die EU-Lebensmittelsicherheitsbehörde, die Bisphenol-A-haltige Produkte für Verbraucher für unbedenklich hält. Auch das Bundesumweltministerium (BMU) sieht keinen Handlungsbedarf, da die Substanz fast nicht über die Haut aufgenommen werde.

Kunststoffexpertin Bird betont zudem, Bisphenol A zähle zu den am besten untersuchten Substanzen. Sie warnt davor, einen gut verstandenen Stoff durch Chemikalien, von deren Gefahren und Risiken wenig bekannt ist, zu ersetzen.

Ein möglicher Ersatzstoff wäre Bisphenol S, das sich nur durch den Austausch eines Kohlenstoffatoms durch ein Schwefelatom von Bisphenol A unterscheidet. Doch liegen kaum Studien vor. In der Umwelt sei es schwerer abbaubar als Bisphenol A und ein Labortest zeige eine vergleichbare östrogene Wirkung. Zu anderen Ersatzstoffen ist nach UBA-Angaben noch weniger bekannt.

PlasticsEurope empfiehlt daher, weiter an Bisphenol A festzuhalten. Auch Krautter will den Teufel nicht mit dem Beelzebub austreiben. Er verweist auf verkapselte Farbstoffe, die auf dem Markt erhältlich seien.

Die Argumente pro und contra Bisphenol A sind lange Zeit gleich geblieben. Doch Ende 2010 könnte die eingefahrene Diskussion durch die EU-Chemikalienverordnung Reach neuen Schwung bekommen. Denn Hersteller und Importeure müssen Gefahren und Risiken der Stoffe bei Herstellung und Anwendung bewerten. Das UBA werde diese Bewertung für Bisphenol A prüfen und dann entscheiden, ob zusätzliche Maßnahmen zum Schutz von Mensch und Umwelt möglich und notwendig sind, so Flasbarth. Reach ermöglicht es, nicht nur krebserregende oder fruchtbarkeitsschädigende Stoffe zu verbieten, sondern auch den Einsatz hormonell wirksamer Stoffe zu beschränken – soweit große Besorgnis besteht.

Aldi, Edeka, Lidl und Kaiser“s Tengelmann wollen nicht auf eine ausführliche Neubewertung warten. Sie haben angekündigt, auf Bisphenol-A-haltige Kassenbons zu verzichten oder zu prüfen, ob Ersatz möglich ist. Eine führende Rolle bei der Umstellung auf gesundheitlich unbedenkliche Thermopapiere spiele Rewe, sagt Pressesprecher Pierre de la Motte. Mit den Lieferanten werde zurzeit die Auswahl möglichst sicherer und nachhaltiger Einsatzstoffe optimiert. RALPH AHRENS

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