Gesundheit

Ernährung im Nord-Süd-Konflikt

Während in Europa Lebensmittelüberschüsse vernichtet werden, hungert weltweit knapp eine Milliarde Menschen; 8,8 Mio. Hungernde sterben jedes Jahr. Es gab viele Anläufe gegen das krasse Ungleichgewicht der Nahrungsverteilung. Bewegt haben sie bisher kaum etwas. Eine Initiative auf Bundesebene sucht nach Auswegen.

Was darf erwartet werden, wenn sich Forscher, Wirtschaftsvertreter, Nichtregierungsorganisationen und Politiker der Lösung globaler Ernährungs- und Gesundheitsprobleme annehmen? Im Dezember versammelten sie sich auf Initiative des Bundesforschungsministeriums und des Bioökonomierats in Berlin.

Die Forschung solle Zivilisationskrankheiten und Übergewicht im Norden sowie Hunger und Mangelernährung im Süden lindern. „Die aktuellen Herausforderungen der Mangelernährung und der ungesunden Ernährung erfordern neue interdisziplinäre Ansätze und eine bessere Abstimmung der Forschungsbereiche“, erklärte Lothar Willmitzer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Molekulare Pflanzenphysiologie in Potsdam-Golm.

Pflanzen-, Gesundheits- und Ernährungsforschung hätten zu lange segregiert nebeneinander existiert. Die verschiedenen Disziplinen sollten nun gemeinsame Sache machen.

„Die Ernährungsforschung ist die Schnittstelle zwischen Agrar- und Gesundheitsforschung“, so Henk van Liempt vom Bundesforschungsministerium. Aus dieser Subduktionszone erwartet er künftig heilbringende Innovationen – etwa neue Nutzpflanzen. Die Nationale Forschungsstrategie Bioökonomie 2030 und das Rahmenprogramm Gesundheitsforschung sollen der neuen interdisziplinären Forschung den Weg bereiten.

Lebensmittelchemiker und Ernährungswissenschaftler haben schon mannigfaltige und wissenschaftlich fundierte Ernährungsempfehlungen ausgegeben. Aber ob diese auch gegen Diabetes und Fettleibigkeit taugen, sei nicht geklärt, wies Hans-Georg Joost vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam auf eine weitere Lücke hin, die ebenfalls aus der Isolation der Forschungszweige entstanden ist.

Große belastbare Studien, wie in der Medizin üblich, fehlten in den Ernährungswissenschaften, begründete Joost. Essen, das gesund macht, gebe es deshalb noch nicht. Das soll sich ändern, fordern die Forscher.

Essen, das gesund erhält, boomt dagegen und wird auch in Zukunft ein Trend bleiben, befand Willmitzer auf dem zweitägigen Expertentreffen. Probiotika, Ballaststoffe mit bestimmten Inhaltsstoffen sowie Nahrung mit mehrfach ungesättigten Fettsäuren nannte er beispielhaft aus dem verfügbaren Segment der funktionellen Lebensmittel.

Doch obwohl die neuen Produkte florieren, sind die Bewohner der Industrienationen keineswegs gesünder geworden. Man wisse zu wenig über die Wirkung einzelner Lebensmittel und noch weniger, weshalb Ernährungsempfehlungen kaum eingehalten werden.

In Deutschland existiere „keine adäquate Konsumforschung“, bemängelte die Ernährungswissenschaftlerin Hannelore Daniel von der TU München und schloss die Forderung an, diese dringend auszubauen.

Joost ist gar überzeugt, dass es ein biologisches System für die Nahrungspräferenz gibt. Es müsse einen Grund geben, weshalb wir ein Butterbrot gern verspeisen, ungern aber Butter pur oder trocken Brot. Ein bestimmtes Verhältnis von Kohlenhydraten und Fett werde bevorzugt, ohne dass die Ursache dafür bekannt ist, verdeutlichte Joost.

Aber führt die Antwort auf diese Frage auch zu einer gesünderen Ernährung in den Industrienationen? „Niemand kann garantieren, dass Forschung zu irgendetwas führt, wenn man sie noch nicht gemacht hat“, erwiderte Joost fast ein bisschen trotzig. „Noch mehr Aufklärung oder Verhaltenstherapie für alle ungesund Ernährten funktioniert jedenfalls nicht.“

„Mit der Forschung übernehmen wir auch international Verantwortung für die Welternährung, die Rohstoff- und Energieversorgung aus Biomasse sowie für den Klima- und Umweltschutz“, verlas Georg Schütte, Staatssekretär vom Bundesforschungsministerium.

Ob neue Forschung dem Hunger auf der einen Seite und dem Überangebot auf der anderen Seite tatsächlich beikommen kann, wurde kaum kritisch hinterfragt. Daniel blieb mit ihrer Warnung auf dem Podium alleine: „Wir dürfen nicht Erwartungen wecken, die die Wissenschaft auf absehbare Zeit nicht erfüllen kann.“ SUSANNE DONNER

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