VW baut um und spart Milliarden: Warum der Sparkurs zum Recruiting-Problem werden könnte
VW baut um und spart Milliarden. Für viele Beschäftigte bedeutet das Unsicherheit – und für Volkswagen könnte der Sparkurs noch an einer anderen Stelle zum Problem werden: beim Recruiting. Ein Wirtschaftspsychologe warnt, dass der Autobauer zwar weiterhin viele Bewerbungen erhalten könnte, darunter aber möglicherweise weniger geeignete Kandidatinnen und Kandidaten.
Der VW-Sparkurs verändert den Konzern – und könnte auch Folgen für die Personalgewinnung haben.
Foto: picture alliance/dpa | Moritz Frankenberg
Nach der Einigung auf einen verschärften Sparkurs bei Volkswagen hat der Wirtschaftspsychologe Uwe Kanning vor möglichen Folgen für die Personalgewinnung gewarnt. „Zu erwarten ist nicht unbedingt, dass die Anzahl der Bewerbungen deutlich sinkt, wohl aber die Eignung derjenigen, die sich bewerben“, sagte der Osnabrücker Wirtschaftspsychologe Uwe Kanning der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“.
Verschlechtere sich das Arbeitgeberimage, werde es zunehmend schwieriger, leistungsstarke Menschen für ein Unternehmen zu gewinnen, so Kanning. Für Volkswagen könnte das zum Problem werden: Der Umbau verändert nicht nur Arbeitsplätze und Strukturen, sondern möglicherweise auch die Wahrnehmung des Konzerns bei Fachkräften und Ingenieurinnen und Ingenieuren.
VW will 50.000 Stellen abbauen
Der Aufsichtsrat von Volkswagen hat sich nach wochenlangen Auseinandersetzungen einstimmig auf einen „Zukunftsplan“ geeinigt. Dieser sieht einen deutlichen Umbau des Konzerns vor. Die Produktion soll auf neun Millionen Fahrzeuge pro Jahr sinken, gleichzeitig soll die operative Umsatzrendite auf 9 % steigen.
Das Management um Konzernchef Oliver Blume hat damit den Auftrag, den Konzern umzubauen und Milliarden einzusparen. Weltweit sollen in den kommenden Jahren rund 50.000 Stellen wegfallen – zusätzlich zu den bereits laufenden Abbauprogrammen.
Für die Beschäftigten bedeutet der Sparkurs erhebliche Veränderungen. Gleichzeitig stellt sich die Frage, welche Folgen der Umbau für die Arbeitgeberattraktivität von Volkswagen hat. Unternehmen konkurrieren um qualifizierte Fachkräfte und Ingenieurinnen und Ingenieure. Wie ein Konzern mit einem tiefgreifenden Stellenabbau umgeht, kann dabei auch für potenzielle Bewerberinnen und Bewerber relevant sein.
Diese VW-Standorte stehen besonders unter Druck
Besonders ungewiss ist die Zukunft der VW-Werke in Emden, Hannover und Zwickau sowie des Audi-Standorts in Neckarsulm. Für diese Standorte kann der Vorstand derzeit keine wettbewerbsfähige Folgebelegung garantieren. Die Veränderungen sollen nach den bisherigen Plänen gestaffelt zwischen 2031 und 2034 greifen.
Für die Beschäftigten geht es damit nicht nur um mögliche Veränderungen ihrer Arbeitsplätze, sondern auch um die langfristige Perspektive ihrer Standorte. Wirtschaftspsychologe Kanning sieht darin eine zusätzliche Belastung.
„Das wird den Selbstwert vieler Menschen angreifen und darüber hinaus noch mehr Betroffenen Angst bereiten“, sagte Kanning der Zeitung.
Eine Schließung der vier Standorte wurde zunächst allerdings nicht vereinbart. Bis Mitte 2027 soll vielmehr ein Konzept für eine wettbewerbsfähige europäische Produktionsstruktur vorliegen. Für die betroffenen Werke sollen zudem „parallel und ergänzend alternative Verwendungsmöglichkeiten geprüft“ werden.
Damit bleibt für viele Beschäftigte zunächst offen, wie es an ihren Standorten weitergeht. Diese Unsicherheit könnte nach Einschätzung Kannings auch über die direkt betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hinaus Folgen haben – etwa wenn potenzielle Bewerberinnen und Bewerber Volkswagen als Arbeitgeber künftig kritischer bewerten.
Lesen Sie auch: Volkswagen: Jetzt müssen auch die Manager dran glauben
Transparenz wird für Volkswagen zum wichtigen Faktor
Für Beschäftigte dürfte nicht nur die Frage entscheidend sein, was mit ihren Arbeitsplätzen passiert. Auch der Umgang des Unternehmens mit der Unsicherheit spielt eine Rolle. Transparenz und Ehrlichkeit seien für die meisten Menschen leichter zu verkraften als eine Hinhaltetaktik, die immer wieder neue Frustrationen auslöse, erklärte Kanning. Die dpa zitiert den Wirtschaftspsychologen unter Berufung auf die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“.
Ein wiederholtes Hin und Her könne zudem die Glaubwürdigkeit eines Arbeitgebers beschädigen, warnte Kanning demnach. Für Volkswagen könnte das langfristig auch Folgen für die Arbeitgebermarke und damit für das Recruiting haben.
Wenn der Arbeitgeberstolz verloren geht
Kanning verweist laut dpa zudem auf die Bedeutung des Arbeitgeberimages für den Selbstwert von Beschäftigten. Gerade bei renommierten Unternehmen, die über Jahrzehnte ein hohes Ansehen in der Bevölkerung genossen hätten, hätten viele Menschen auch Stolz aus ihrer Zugehörigkeit zu diesem Unternehmen gezogen.
Dieser positive Selbstwert könne gefährdet werden, wenn ein Unternehmen nun vor allem als rückständig wahrgenommen oder dargestellt werde, sagte Kanning der Zeitung.
Für Volkswagen stellt sich damit neben der wirtschaftlichen Frage eine weitere Herausforderung: Der Konzern muss nicht nur Kosten senken und seine Produktion neu ausrichten. Er muss zugleich für Fachkräfte attraktiv bleiben. Gerade Ingenieurinnen und Ingenieure mit gefragten Kompetenzen können sich ihren Arbeitgeber häufig genauer aussuchen. Ein angeschlagenes Arbeitgeberimage könnte deshalb langfristig schwerer wiegen als die Zahl der eingehenden Bewerbungen. (mit dpa)
Lesen Sie auch: Automotive-Ingenieure wechseln in die Rüstungsindustrie: Hensoldt sagt, welches Know-how gefragt ist
Ein Beitrag von: