Sparkurs 27.08.2026, 12:30 Uhr

Volkswagen: Jetzt müssen auch die Manager dran glauben

Bei den Betriebsversammlungen in Emden und Zwickau nennt Oliver Blume erstmals konkrete Größenordnungen: ein Viertel weniger Managementstellen, 500.000 Fahrzeuge weniger Kapazität in Europa. Für vier Werke fehlt die Perspektive für die 2030er-Jahre.

Mann mit Anzug schaut in die Kamera

Geht in die Offensive: Oliver Blume, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen Group,

Foto: picture alliance/dpa | Kay Nietfeld

Volkswagen verschärft seinen Sparkurs: Bis zu 50.000 Stellen stehen weltweit zur Disposition. Die Hälfte davon könnte Deutschland treffen. Gleichzeitig will Konzernchef Oliver Blume das Management um ein Viertel verkleinern. Besonders die Werke in Emden und Zwickau stehen unter Druck.

25.000 VW-Stellen könnten in Deutschland wegfallen

Inzwischen ist klarer, wie Volkswagen diese Größenordnung verteilen will: Nach aktuellen Angaben Blumes soll etwa die Hälfte der möglichen Stellenreduzierung auf Deutschland entfallen. Damit könnten hierzulande bis zu 25.000 weitere Arbeitsplätze zur Disposition stehen. Gleichzeitig soll der Abbau nicht allein die Produktion treffen. Blume kündigte bei den Betriebsversammlungen in Emden und Zwickau in dieser Woche an, das Management um rund ein Viertel zu verkleinern.

Diese Zahl ergibt sich laut Blume aus dem Vorhaben, die Kosten für Verwaltung, Infrastruktur und Unterstützung des Kerngeschäfts auf ein wettbewerbsfähiges Niveau zu senken. Die entsprechenden Kosten lägen bei Volkswagen noch um 30 % über dem Durchschnitt vergleichbarer Unternehmen. Das bedeute, dass „eine theoretische Ableitung ohne Veränderung der Arbeitskosten rund 50.000 Stellen weltweit ergeben“ würde.

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Bei den jüngsten Betriebsversammlungen wurde zudem konkretisiert, dass Volkswagen seine Produktionskapazitäten in Europa weiter reduzieren will. Nach Angaben Blumes sollen sie um rund 500.000 Fahrzeuge pro Jahr sinken. Der Konzernchef begründet den Sparkurs mit den weiterhin hohen Kosten sowie dem zunehmenden Wettbewerbsdruck durch chinesische Hersteller, schwächere Absatzperspektiven und die Belastungen durch internationale Handelskonflikte.

Management wird drastisch zurückgebaut

Bemerkenswert ist, dass Volkswagen den Personalabbau laut Blume ausdrücklich auch auf die Führungsebene ausweiten will. Rund ein Viertel der Managementstellen soll wegfallen. Damit reagiert der Konzern auf den Vorwurf, die geplante Transformation dürfe nicht allein zulasten der Beschäftigten in den Werken gehen. Blume betonte, dass alle Bereiche ihren Beitrag zur Kostensenkung leisten müssten.

Der Managementabbau ist dabei Teil eines größeren strukturellen Umbaus. Volkswagen will Prozesse vereinfachen und die Organisation verschlanken. Nach Einschätzung des Konzerns sind die heutigen Strukturen zu komplex und verursachen Kosten, die im internationalen Vergleich nicht mehr wettbewerbsfähig sind.

Emden und Zwickau: Zukunft nach 2030 offen

Aktuell hat Blume die Diskussion um die vier Standorte Hannover, Emden, Zwickau und das Audi-Werk in Neckarsulm eingeordnet. Bei den Betriebsversammlungen in Emden und Zwickau bestätigte er, dass für Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm derzeit noch keine wettbewerbsfähige Belegung für die 2030er-Jahre gesichert sei. Eine konkrete Entscheidung zur Schließung eines dieser Werke gebe es jedoch nicht. Werksschließungen seien vielmehr die letzte Option.

Dazu sagte Blume laut dpa „Überkapazitäten kosten Geld.“ Und: „Die Wahrheit ist auch, dass wir heute für die Werke Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm in den 30er-Jahren noch keine wettbewerbsgerechte Belegung bestätigen können.“ Wichtig sei ihm: „Intelligente Lösungen sind immer besser, als ein Werk zu schließen.“

Besonders brisant ist die Situation in Emden. Das Werk wurde erst in den vergangenen Jahren mit Milliardenaufwand auf die Produktion von Elektrofahrzeugen ausgerichtet. Dort entstehen unter anderem der ID.7 und der ID.7 Tourer. Rund 7700 Menschen arbeiten am Standort. Trotzdem fehlt nach derzeitigem Planungsstand eine belastbare Produktionsperspektive für die 2030er-Jahre. Blume kündigte deshalb an, innerhalb der kommenden sechs bis zwölf Monate konkrete Perspektiven für die betroffenen Standorte entwickeln zu wollen.

Alternativen in Prüfung

Es geht aktuell also weniger um eine unmittelbar bevorstehende Werksschließung als um die Frage, welche Produkte und Produktionsvolumina die Standorte langfristig erhalten können. Denkbar seien dabei auch Kooperationen mit externen Partnern oder alternative industrielle Nutzungen. Blume hat zudem angedeutet, dass neue Geschäftsfelder beziehungsweise Partnerschaften geprüft werden sollen.

Auch Zwickau bleibt ein kritischer Fall. Das Werk ist vollständig auf die Produktion von Elektrofahrzeugen ausgerichtet und beschäftigt derzeit rund 8000 Menschen. Bei seinem Besuch am 26. August lobte Blume ausdrücklich die Fortschritte bei Kostensenkungen, verbesserten Abläufen und dem Personalumbau. Gleichzeitig verwies er darauf, dass die Arbeitskosten in Zwickau noch immer mehr als doppelt so hoch seien wie an vergleichbaren europäischen Standorten.

Das ist für den Standort besonders problematisch, weil Zwickau als Vorzeigeprojekt der elektrischen Transformation von Volkswagen gilt. Eine Schließungsentscheidung gibt es nach aktuellem Stand zwar nicht. Doch auch für Zwickau fehlt eine langfristig abgesicherte Auslastung über die 2020er-Jahre hinaus. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer setzt deshalb darauf, dass zusätzliche Produktionsaufträge nach Zwickau vergeben werden und das Werk seine Effizienz weiter steigert.

Beschäftigungssicherung erschwert Stellenabbau

Wie ein Stellenabbau in dieser Größenordnung umgesetzt werden könnte, ist derzeit unklar. Bei Volkswagen gilt eine Beschäftigungssicherung bis Ende 2030, bei Audi sogar bis Ende 2033. Damit sind betriebsbedingte Kündigungen nur eingeschränkt möglich.

Volkswagen will deshalb nach Möglichkeit auf freiwillige Instrumente setzen. Dazu gehören unter anderem Altersteilzeit, vorgezogene Renteneintritte und die Nutzung der natürlichen Fluktuation. Ein Teil des geplanten Personalabbaus soll zudem bereits über den laufenden Personalumbau erfolgen.

Gleichzeitig dürfte die Auseinandersetzung über die konkrete Umsetzung erst noch beginnen. Der Volkswagen-Aufsichtsrat soll am 4. September erneut über die weitere strategische Ausrichtung beraten. Bis dahin versuchen Vorstand und Arbeitnehmerseite, eigene Konzepte für die Zukunft des Konzerns durchzusetzen.

IG Metall: „Unverantwortliche Drohungen“

Die IG Metall reagiert mit scharfer Kritik auf die Berichte. Die Erste Vorsitzende Christiane Benner erklärte:

„Die erneuten Medienberichte verunsichern unsere Belegschaft und unsere Standortregionen zu Recht. Aber: Angriffe auf das VW-Gesetz, die Mitbestimmung und unsere Standorte sind unverantwortliche Drohungen. Sollten solche Pläne vorangetrieben werden, würden wir sie mit aller Macht verhindern.“

Benner forderte den Vorstand auf, sich auf seine eigentlichen Aufgaben zu konzentrieren. Statt „blinden Aktionismus“ brauche der Konzern wettbewerbsfähige Produkte, neue Technologien sowie effizientere Konzernstrukturen und Synergien. Nur so lasse sich Beschäftigung langfristig sichern.

Die jüngsten Betriebsversammlungen haben den Konflikt zwischen Vorstand und Arbeitnehmervertretung deshalb nicht entschärft. In Wolfsburg wurde Blume von Teilen der Belegschaft mit Pfiffen und Protesten empfangen. In Emden und Zwickau blieb vor allem die Frage nach der langfristigen Zukunft der Werke unbeantwortet. Der Konzernchef betont zwar, dass Schließungen nicht beschlossen seien – zugleich macht er aber unmissverständlich klar, dass die bisherigen Kostenstrukturen aus seiner Sicht nicht dauerhaft tragfähig sind.

Damit steht Volkswagen vor einem schwierigen Balanceakt: Der Konzern muss seine Kosten deutlich senken, darf dabei aber die industrielle Basis in Deutschland nicht so stark beschädigen, dass Know-how, Produktionskapazitäten und Entwicklungsleistungen verloren gehen. Ob sich dieser Spagat mit freiwilligem Personalabbau, einer schlankeren Managementstruktur und neuen Produktionsperspektiven für die gefährdeten Werke bewältigen lässt, dürfte sich in den kommenden Monaten entscheiden.

Lesen Sie auch: VW ohne Einigung: Betriebsrat stellt Blume Ultimatum

Ein Beitrag von:

  • Claudia Burger

    Claudia Burger ist Redakteurin im VDI Verlag. Besondere Expertise hat sie in den Bereichen Arbeitsmarkt, Karriere, Arbeitsrecht, Bildung und Gesellschaft. Im Karriere-Podcast „Prototyp“ spricht sie mit prominenten Gästen aus Wirtschaft, Forschung und Bildung über das, was die Arbeitswelt von Ingenieurinnen und Ingenieuren bewegt.

  • Peter Kellerhoff

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: Automobil, Nutzfahrzeuge, Schiff, Bahn, Verkehr, Mobilität, E-Mobilität, Software, Cloud, Internet, KI

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