T-Roc geht, Rüstung kommt: So soll das VW-Werk Osnabrück gerettet werden
VW will sein Werk in Osnabrück an Aurelius und Niedersachsen abgeben. Rafael soll dort Luftverteidigungstechnik bauen. Rund 1200 Jobs sollen bleiben.
Das Volkswagen-Werk in Osnabrück: Nach dem Ende der T-Roc-Cabriolet-Produktion 2027 sucht der Konzern eine neue Nutzung für den Standort. Im Gespräch ist unter anderem eine Beteiligung des israelischen Rüstungskonzerns Rafael.
Foto: picture alliance/dpa | David Ebener
Für das Volkswagen-Werk in Osnabrück zeichnet sich erstmals eine konkrete Zukunft nach dem Ende der Autoproduktion ab. Der Investor Aurelius Capital und das Land Niedersachsen wollen den Standort übernehmen. Rafael soll dort als erstes großes Projekt Luftverteidigungstechnik produzieren. Für rund 1200 Stellen gibt es eine Beschäftigungssicherung bis Ende 2029. Ganz abgeschlossen ist der Verkauf allerdings noch nicht.
Noch läuft in Osnabrück das T-Roc Cabriolet vom Band. Im Spätsommer 2027 soll damit Schluss sein. Volkswagen wird danach keine eigenen Fahrzeuge mehr an dem Standort produzieren. Monatelang war deshalb offen, was aus dem Werk und seinen Beschäftigten werden soll. Nun gibt es erstmals ein konkretes Modell.
Aurelius Capital und das Land Niedersachsen wollen das Werk gemeinsam übernehmen. Der israelische Investor soll dabei die Mehrheit halten. Grundlage sind Eckpunkte für den Übergang der Volkswagen Osnabrück GmbH in eine neue Gesellschaft, auf die sich die Beteiligten am 7. September verständigt haben.
Aus dem traditionsreichen Autowerk soll schrittweise ein Kompetenzzentrum für Sicherheits- und Verteidigungstechnik werden. Als erstes sogenanntes Ankerprojekt ist eine Zusammenarbeit mit dem israelischen Rüstungskonzern Rafael Advanced Defense Systems vorgesehen.
Volkswagen spricht von einer möglichen Fertigung von Systemen und Komponenten für Luftverteidigungssysteme für Deutschland und Europa. Weitere Projekte sollen folgen. Reuters: Aurelius und Niedersachsen wollen VW-Werk Osnabrück übernehmen
Inhaltsverzeichnis
- Rund 1200 Arbeitsplätze sollen zunächst gesichert werden
- Baut Rafael in Osnabrück künftig für Iron Dome?
- Warum eignet sich ausgerechnet ein Autowerk dafür?
- VW Osnabrück hat bereits Militärfahrzeuge entwickelt
- Aurelius ist auf Verteidigungs- und Dual-Use-Technik spezialisiert
- Katar hatte Vorbehalte gegen einen direkten Rafael-Deal
- Osnabrück ist Teil eines wesentlich größeren VW-Umbaus
Rund 1200 Arbeitsplätze sollen zunächst gesichert werden
Für die Belegschaft gibt es damit erstmals konkrete Zahlen. Nach Angaben von IG Metall und Betriebsrat beschäftigt Volkswagen derzeit noch rund 1800 Menschen in Osnabrück. Knapp 1400 von ihnen sollen eine Anschlussperspektive erhalten.
Weil die Belegschaft bis zum Produktionsende unter anderem durch Renteneintritte und Altersteilzeit weiter schrumpfen dürfte, rechnen die Arbeitnehmervertreter derzeit mit rund 1200 Stellen im neuen Kompetenzzentrum. Für diese Größenordnung wurde eine Beschäftigungssicherung bis Ende 2029 vereinbart. Auch die Tarifbindung in der Metall- und Elektroindustrie soll erhalten bleiben.
Damit ist die Zukunft allerdings nicht für sämtliche Beschäftigte geklärt. Volkswagen bleibt nach Ansicht von Betriebsrat und IG Metall auch für diejenigen verantwortlich, die nicht in die neue Gesellschaft wechseln können.
Die Gewerkschaft spricht deshalb zwar von einem wichtigen Schritt, aber noch nicht vom Abschluss der Transformation. Um möglichst viele Arbeitsplätze langfristig zu erhalten, müssten neben Rafael weitere Projekte nach Osnabrück kommen. IG Metall: Osnabrück bleibt Industriestandort – jetzt beginnt die eigentliche Arbeit
Baut Rafael in Osnabrück künftig für Iron Dome?
Rafael ist vor allem durch seine Luftverteidigungssysteme bekannt. Dazu gehört Iron Dome, das unter anderem Kurzstreckenraketen, Artilleriegeschosse und Drohnen abfangen soll.
Deshalb liegt die Vermutung nahe, dass in Osnabrück künftig Komponenten für dieses System produziert werden könnten. Tatsächlich hatte Reuters bereits im Juni berichtet, dass Rafael Teile für Iron Dome an dem Standort fertigen wolle.
Die aktuelle Vereinbarung ist allerdings deutlich weiter gefasst. Volkswagen spricht lediglich von Systemen und Komponenten für Luftverteidigungssysteme. Welche Produkte tatsächlich in Osnabrück entstehen sollen, ist noch nicht öffentlich festgelegt.
Das Werk jetzt als künftige „Iron-Dome-Fabrik“ zu bezeichnen, wäre deshalb zu weitgehend. [Wie Iron Dome funktioniert und warum auch moderne Luftverteidigungssysteme bei großen Angriffswellen an Grenzen stoßen, erklärt ingenieur.de in diesem Beitrag: Zu viele Raketen: Darum ist Israels Iron Dome am Limit
Frühere Reuters-Berichte nannten neben anderen Komponenten auch Teile von Flugkörpern als mögliche Produkte. Explosive Komponenten sollten demnach an einem anderen, stärker gesicherten Standort gefertigt werden. Diese Angaben stammen jedoch aus einer früheren Phase der Verhandlungen und sind nicht Teil der nun bekanntgegebenen Eckpunkte.
Warum eignet sich ausgerechnet ein Autowerk dafür?
Auf den ersten Blick liegen ein Cabriolet und ein Luftverteidigungssystem weit auseinander. Produktionstechnisch gibt es dennoch Berührungspunkte. Volkswagen Osnabrück ist kein typisches Werk, das ausschließlich Hunderttausende identische Fahrzeuge pro Jahr montiert. Der Standort ist auf Klein- und Kleinstserien spezialisiert.
Auf mehr als 430.000 m² befinden sich unter anderem technische Entwicklung, Versuchsbau, Werkzeug- und Anlagenbau, Presswerk, Karosseriebau, Lackierung und Montage. Fahrzeuge können dort vom Konzept über Prototypen bis zur Serienfertigung entwickelt werden.
Gerade für Spezialfahrzeuge, Systemträger oder andere komplexe Produkte in vergleichsweise kleinen Stückzahlen kann eine solche Struktur interessant sein. Maschinen, Hallen und Entwicklungsabteilungen sind bereits vorhanden. Noch wichtiger ist das Personal mit Erfahrung in Konstruktion, Fertigungsplanung, Qualitätssicherung und Montage. Volkswagen Osnabrück: Standort und technische Kompetenzen
Der Wechsel von der Auto- zur Verteidigungsindustrie funktioniert trotzdem nicht durch einen einfachen Austausch der Produkte. Militärische Systeme unterliegen anderen Anforderungen, Zulassungen und Sicherheitsvorgaben. Lieferketten und Fertigungsprozesse müssen angepasst werden, möglicherweise sind neue Maschinen und besonders geschützte Produktionsbereiche notwendig.
Der Vorteil Osnabrücks besteht deshalb weniger darin, dass dort bereits die passenden Produktionslinien stehen. Interessanter sind die vorhandene Infrastruktur und das Wissen darüber, komplexe technische Produkte in kleinen Serien industriell zu entwickeln und zu fertigen.
VW Osnabrück hat bereits Militärfahrzeuge entwickelt
Ganz neu ist das Thema Verteidigung am Standort ohnehin nicht. Anfang 2026 entwickelten Beschäftigte in Osnabrück zwei Fahrzeuge für militärische Anwendungen. Auf der Sicherheits- und Verteidigungsmesse Enforce Tac in Nürnberg wurden der MV.1 auf Basis des VW Amarok und der MV.2 auf Basis des VW Crafter gezeigt.
Nach Angaben des NDR bezeichnete Volkswagen die Fahrzeuge damals als Teil einer „ergebnisoffenen Markterkundung“. Eine Serienfertigung war damit nicht beschlossen.
Die Projekte zeigen dennoch, welche Fähigkeiten am Standort vorhanden sind. Ein bestehendes Fahrzeug kann dort nicht nur montiert, sondern für neue Anforderungen konstruktiv verändert und als Kleinserie vorbereitet werden. Das ist für die neue Nutzung mindestens ebenso relevant wie die Größe der Werkshallen.
Aurelius ist auf Verteidigungs- und Dual-Use-Technik spezialisiert
Mit Aurelius Capital kommt ein Investor ins Spiel, dessen Portfolio zur geplanten Neuausrichtung passt. Aurelius Capital Ltd. nennt Tel Aviv und New York als Standorte. Das Unternehmen investiert vor allem in Technologien für Verteidigung, Cybersecurity und kritische Infrastruktur. Zu den Schwerpunkten gehören Drohnen- und Satellitentechnik, autonome Fertigung und sichere Kommunikation.
Zum Team gehören mehrere ehemalige hochrangige Vertreter aus Militär und Nachrichtendiensten. Senior Partner Amir Eshel war beispielsweise Kommandeur der israelischen Luftwaffe und später Generaldirektor des israelischen Verteidigungsministeriums. Aurelius Capital: Unternehmen und Investitionsschwerpunkte
Aurelius soll nach dem derzeitigen Modell die Mehrheit an der neuen Gesellschaft übernehmen. Niedersachsen würde sich ebenfalls beteiligen. Wie hoch die jeweiligen Anteile ausfallen und wie viel Geld die Beteiligten investieren, wurde noch nicht veröffentlicht.
Die Ende August kursierende Zahl von mindestens 200 Mio. € für eine Beteiligung Niedersachsens ist damit weiterhin nicht bestätigt. Auch bei der Vorstellung der neuen Eckpunkte wurden keine finanziellen Details genannt.
Katar hatte Vorbehalte gegen einen direkten Rafael-Deal
Dass Rafael nicht selbst das VW-Werk übernimmt, sondern nun Aurelius und Niedersachsen als Eigentümer vorgesehen sind, folgt auf mehrere Monate komplizierter Verhandlungen. Dabei spielte auch die Qatar Investment Authority eine Rolle. Der Staatsfonds hält rund 17 % der Stimmrechte an Volkswagen.
Reuters berichtete im Juni unter Berufung auf mit den Gesprächen vertraute Personen, Katar habe Bedenken gegen eine direkte Vereinbarung zwischen Volkswagen und dem israelischen Staatsunternehmen Rafael geäußert. Dadurch seien die Gespräche komplizierter geworden. Ein formales Veto wurde nicht belegt.
Im Juli wurden deshalb bereits verschiedene Modelle geprüft. Dazu gehörte auch die Möglichkeit, dass Niedersachsen den Standort übernimmt und Rafael anschließend dort produziert.
Ob Katars Einwände ausschlaggebend für die jetzt gewählte Konstruktion waren, ist nicht bekannt. Die neue Eigentümerstruktur trennt Volkswagen jedoch weitgehend von der späteren Verteidigungsproduktion: Nach einem Verkauf wären Aurelius und Niedersachsen für die weitere Entwicklung des Werks verantwortlich.
Osnabrück ist Teil eines wesentlich größeren VW-Umbaus
Die Entscheidung fällt in einer schwierigen Phase für Volkswagen. Der Konzern baut seine deutschen Strukturen deutlich um und will Kosten sowie Produktionskapazitäten reduzieren. Erst wenige Tage vor der Osnabrücker Vereinbarung hat der Aufsichtsrat einen neuen Zukunftsplan gebilligt. Volkswagen will weitere Zehntausende Stellen abbauen, die Modellvielfalt verkleinern und seine Werke stärker auslasten.
Wie tief Volkswagen derzeit in seine Strukturen eingreift und warum selbst eine Zahl von 50.000 Stellen den Umbau nur teilweise beschreibt, hat ingenieur.de hier analysiert: 50.000 Stellen weg: So radikal baut Volkswagen um
Für Osnabrück bedeutet die neue Vereinbarung deshalb eine Sonderrolle. Während an anderen Standorten vor allem über geringere Kapazitäten und weniger Beschäftigte gesprochen wird, soll dort ein komplett neues Industriegeschäft entstehen.
Quellen
Reuters, 7. September 2026: Aurelius und Niedersachsen planen Übernahme des VW-Werks, Rafael als Ankerprojekt
IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, 7. September 2026: Beschäftigtenzahlen, Tarifbindung und Beschäftigungssicherung
Volkswagen Osnabrück: Standort, Werksgröße und technische Kompetenzen
Reuters, 17. Juni 2026: Rafael, Iron Dome und Vorbehalte der Qatar Investment Authority
Aurelius Capital: Unternehmen, Team und Investitionsschwerpunkte
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