
„Die Preise sind nicht so stark gesunken, wie wir erwartet haben.“ Mit diesem Satz brachte Hanna Schumacher am Dienstag auf der Hydrogen Technology World Expo in Hamburg auf den Punkt, warum der Wasserstoffmarkt in Deutschland nicht in Schwung kommt. Schumacher leitet im Bundeswirtschaftsministerium die Unterabteilung für Wasserstoff und Gasinfrastruktu. Sie war auch an einem Papier beteiligt, das ihr Haus am Montag vorgelegt hat: zehn Maßnahmen, mit denen Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) den Hochlauf anschieben will. Das Ministerium räumt darin unter anderem ein, dass sich der Aufbau des Marktes „gegenüber bisherigen Erwartungen“ verzögert.
Die Diagnose ist altbekannt. Schon vor einem Jahr zeigte sich die Branche auf derselben Messe im Wartemodus. Die Experten forderten damals drei Dinge: einfachere EU-Regeln für grünen Wasserstoff, eine schnelle Umsetzung der europäischen Quoten in deutsches Recht und staatliche Leitmärkte.
Alle drei Punkte stehen jetzt im 10-Punkte-Plan aus Berlin. Was die Bundesregierung vorhat, was im Papier fehlt und wo der Wasserstoffverband den Grund für den anhaltanden Stillstand verortet.
Inhaltsverzeichnis
Fördergeld für die ersten Abnehmer
Das Ministerium setzt an der Stelle an, die Schumacher in Hamburg als den größten Engpass benannte: der Abnahme. Die Klimaschutzverträge, mit denen der Staat Industrieunternehmen die Mehrkosten klimafreundlicher Produktion ausgleicht, bekommen ein eigenes Fenster für Wasserstoff.
Für die Gebotsrunde 2027 sind dafür mindestens 1,5 Mrd. € vorgesehen, bei hoher Nachfrage kann das Volumen steigen. Insgesamt plant der Bund für die Klimaschutzverträge bis 2050 Verpflichtungsermächtigungen von bis zu 8,7 Mrd. €.
„Förderung ist ein Instrument, um die Kosten zu senken. Das werden wir tun. Aber wir brauchen auch die Industrie“, sagte Schumacher in Hamburg, wo das Panel auf Englisch lief.
Die zehn Maßnahmen im Überblick
Das Papier mit dem Titel „Wasserstoff für Resilienz und Zukunftsfähigkeit Deutschlands“ nennt verschiedene Instrumente entlang der gesamten Wertschöpfungskette:
- Förderung über Klimaschutzverträge: ein eigenes Fenster für Wasserstoffprojekte mit mindestens 1,5 Mrd. € Budget in der Gebotsrunde 2027.
- Wasserstofffähige Kraftwerke: 2027 sollen 2 GW Kraftwerksleistung ausgeschrieben werden, die ab 2040 mit Wasserstoff laufen. Weitere 2 GW sollen zwischen 2030 und 2032 für den Wasserstoffbetrieb ab 2043 folgen.
- Grüne Leitmärkte: Neue Offshore-Windparks müssen einen niedrigeren CO2-Fußabdruck besitzen, was klimafreundlichen Stahl auf Wasserstoffbasis begünstigt. Bis Mitte 2027 will der Bund ähnliche Vorgaben für Stahl und Zement in der öffentlichen Beschaffung erlassen.
- Günstigere Erzeugung: Der Bund will sich für einfachere EU-Kriterien für grünen Wasserstoff einsetzen und Elektrolyseure, die bis August 2029 in Betrieb gehen, vom Netzentgelt befreien. Danach ist ein niedriges Sondernetzentgelt vorgesehen.
- Grüngasquote: Gasversorger sollen verpflichtet werden, gewisse Anteile klimafreundlicher Gase anzubieten. Die genaue Ausgestaltung ist noch offen.
- Ausbau der Infrastruktur: Über 500 km Kernnetz sind seit 2025 in Betrieb, 2200 km in der Realisierung. Bund und Länder stellen 4,2 Mrd. € bereit. Zur Ermittlung des Speicherbedarfs gibt es zunächst ein Gutachten.
- Importe: Etablierung diversifizierter Importkorridore, darunter Ammoniak aus Indien ab 2029, abgesichert mit 587 Mio. €.
- Gleichbehandlung von blauem Wasserstoff: Wasserstoff aus Erdgas mit CO2-Abscheidung erzeugter Wasserstoff soll in der Hochlaufphase förderfähig sein.
- Förderung von Wasserstoff-Forschung: Eine neue Technologie-Roadmap soll im Rahmen der Hightech Agenda erarbeitet werden.
- Neubesetzung des nationalen Wasserstoffrats: Die erste Sitzung ist für den 17. November angesetzt.
Erst Dänemark, dann Übersee
Beim Import setzt das Ministerium eine klare Reihenfolge. „Wir konzentrieren uns auf die Versorgung aus Deutschland und von unseren europäischen Nachbarn“, erklärt Schumacher beim Eröffnungspanel der Messe. Am weitesten sei die Zusammenarbeit mit Dänemark: Aus dem nördlichen Nachbarland würden die ersten Importe fließen. Mit Frankreich und Spanien arbeite man ebenfalls eng zusammen, das werde aber deutlich länger dauern.
Die Erklärung lieferte Schumacher gleich mit. Zwar seien die Erzeugungskosten in Asien und speziell Indien weit niedriger als alles, was sie aus Deutschland kenne. Doch für reinen Wasserstoff aus Indien gebe es keinen Transportweg nach Deutschland. Er müsste in ein Derivat wie Ammoniak umgewandelt werden, was Energie kostet und den Preis wieder nach oben treibt.
„Man kann nicht nur auf die Erzeugungskosten schauen, sondern muss das Paket als Ganzes betrachten“, so Schumacher. Europäische Produktionsstandorte seien nach jetzigem Stand wettbewerbsfähig. Beim Förderprogramm H2Global würden derzeit die Ergebnisse für die regionalen Lose erwartet.
Große Abnehmer brauchen große Anlagen
Wer den Wasserstoff am Ende kaufen soll, ist seit Jahren die offene Frage des Hochlaufs. In Deutschland standen Ende 2025 erst rund 0,2 GW Elektrolyseleistung, das Ziel der Nationalen Wasserstoffstrategie waren 10 GW bis 2030.
Erste Projekte laufen bereits, doch diese sind noch sehr fragil, wie Schumacher erst vor drei Wochen in Berlin beschrieben hatte. Die Kette aus dem RWE-Elektrolyseur in Lingen, der Pipeline und der Abnahme in Marl nannte sie ein Vorzeigeprojekt mit hohem Risiko für alle Seiten – falle ein Akteur aus, breche „das ganze Kartenhaus zusammen“.
Hohe Erwartungen an den neuen Plan dämpfte sie in Hamburg: Auf die Frage, was in drei Jahren erreicht sein werde, sagte sie, das erste Projekt aus der neuen Ausschriebungsrunde werde dann kaum fertig gebaut sein – aber es werde eine finale Investitionsentscheidung haben.
Lob für Berlin, Kritik an Brüssel
Im Papier fehlt allerdings auch etwas: Das von der Ampelkoalition unterstrichene 10-GW-Ziel für 2030 taucht nicht mehr auf, stattdessen ist von einem „substantiellen und gleichzeitig realistischen Markthochlauf“ die Rede. Und für Wasserstoffspeicher gibt es vorerst nur ein Gutachten, kein Geld. Andreas Kuhlmann, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Wasserstoff-Verbandes (DWV), mahnte in Hamburg, das Kernnetz reiche nicht, wenn die Speicher in den Regionen fehlten.
Am Plan selbst ließ der Verband dennoch wenig Kritik erkennen. Kuhlmann bedankte sich auf dem Eröffnungspanel ausdrücklich dafür: Wasserstoff sei „keine verlorene Agenda“. Sein Kollege Raphaël Börger, Leiter Gremienarbeit beim Deutschen Wasserstoff-Verband wurde auf LinkedIn noch deutlicher: „Entgegen der landläufigen Meinung tut diese Bundesregierung sehr viel für den Wasserstoffhochlauf.“ Leitmärkte, Differenzverträge und Grüngasquote seien wichtige Instrumente.
Den Grund für die schlechte Stimmung in der Branche sieht Börger in Brüssel, wo Dinge „erst verweigert, dann versprochen und letztlich wieder nicht eingehalten“ würden, etwa bei den Regeln, die festlegen, wann Wasserstoff als grün gilt. Von der Bundesregierung wünscht er sich deshalb vor allem eines: „maximalen Druck auf die EU-Kommission“.
Wann der sich auszahlt, ließ sich in Hamburg an Kuhlmanns Antwort auf die Frage nach seiner Wunschentwicklung der nächsten drei Jahre ablesen. Sie lautete: dass die EU ihren Rechtsakt für grünen Wasserstoff endlich geändert hat.

























