05.06.2013, 08:48 Uhr | 0 |

Menschen mit Handicap Ein Zusatzmodul am Elektro-Rollstuhl gibt Rollstuhlfahrern Sicherheit

Ein neues Modul verwandelt elektrisch betriebene Rollstühle in eine moderne Kommunikationszentrale. Die Nutzer können damit all die Segnungen der modernen Welt wie SMS, E-Mail und Internet auch unterwegs nutzen. Zusätzlich gibt ihnen das Modul die Vollkontrolle über ihren Rollstuhl und damit Sicherheit.

Zusatzmodul für elektrische Rollstühle
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Mit Hilfe eines Zusatzmoduls lassen sich künftig elektrische Rollstühle per Bluetooth mit Smartphone, PC, TV oder der Spielkonsole verbinden. Dadurch lässt sich beispielsweise die Reichweite des Rollstuhls per App ablesen.

Foto: Fraunhofer IOSB/AST, Martin Käßler

Gemütlich im Café sitzen und eine SMS verschicken, schnell den alten Kumpel in Berlin anrufen, rasch auf dem Smartphone die nächste Zugverbindung nach Frankfurt rausgesucht. Die neue Welt der grenzenlosen Kommunikation ist für die meisten Menschen ein echter Segen. Doch Menschen mit Behinderung bleiben beim multimedialen Spaß weitgehend außen vor. Und das sind in Deutschland immerhin knapp neun Millionen Menschen.

Forscher des Fraunhofer-Instituts fürs Angewandte Systemtechnik (AST) in Ilmenau wollen das jetzt ändern. Sie haben im Auftrag des Medizintechnikunternehmens Otto Bock Mobility Solutions eine Kommunikations-Schnittstelle entwickelt, die Rollstuhlfahrern eine echte Teilhabe am modernen Leben ermöglicht.

Es handelt sich um ein Zusatzmodul für die leise surrenden elektrischen Rollstühle, die einem allerorts in den Städten begegnen. Und dieses Modul ist ein echter Tausendsassa: Es verbindet die vorhandene Rollstuhlsteuerung wie Joystick oder Kinnsteuerung per Bluetooth mit Handy, PC, TV, Spielekonsole und eigentlich so ziemlich alles, was über einen handelsüblichen USB-Anschluss verfügt. „Mit dem Modul kann man alle Mausfunktionen – etwa auf dem Notebook oder dem Smartphone – ausführen und so beispielsweise E-Mails abrufen, sich durchs Internet klicken oder bei Notfällen Nachrichten verschicken. Unterstützt werden alle USB-fähigen Geräte“, sagt Prof. Andreas Wenzel, Gruppenleiter „Eingebettete Systeme“ am AST in Ilmenau. Schnittstelle für die Datenübertragung ist der CAN-Bus des Rollstuhls, wo alle Rollstuhldaten zusammenlaufen.

Kontrolle über die Reichweite des Rollstuhls gibt Sicherheit und Mobilität

Dadurch bietet das Modul Menschen mit Handicap noch wesentlich mehr. Es verfügt über zwei Bluetooth-Schnittstellen, von denen vor allem die zweite Schnittstelle einen echten Zusatznutzen verspricht. „Das System ermöglicht nicht nur die Interaktion mit Elektronikgeräten. Vielmehr lässt es sich auch zum Transfer von Rollstuhldaten wie beispielsweise Batteriekapazität, Motorenströme oder Fehler im Antriebssystem an ein Smartphone nutzen“, erläutert Wenzel. Eine eigens entwickelte Smartphone-App liest die Daten aus und verarbeitet sie weiter. Im Klartext bietet das Modul die volle Kontrolle über den elektrischen Rollstuhl. Das kann sehr nützlich sein und vor allem die Mobilität erhöhen,.

“Besitzer von Elektro-Rollstühlen sind oft unsicher, ob und wie weit der Akku reicht, da der Energiebedarf des Fahrzeugs von Außentemperaturen und Höhenprofilen abhängt“, erklärt Wenzel. „Bei starken Steigungen wird mehr Strom verbraucht als auf ebenen Strecken. Aus Unsicherheit verzichten die Betroffenen daher häufig auf Ausflüge oder andere Unternehmungen.“

Mit dieser Unsicherheit ist Schluss für die künftigen Nutzer des neuen Zusatzmoduls, welches mit einer Größe von 85 x 65 x 32 Millimeter als kleiner rechteckiger Kasten unauffällig am Elektrorolli montiert werden kann. Die Android-App erstellt aus den Daten des elektrischen Rollstuhls eine absolut präzise Reichweitenprognose.

Bei einer Grenzreichweite von 10 Kilometern schlägt die App Alarm

Der Nutzer gibt einfach seinen aktuellen Aufenthaltsort ein. Dann führt das Modul einen Abgleich mit der Batteriekapazität durch und berechnet, ob noch genug Saft vorhanden ist, um nach Hause zurück zu rollen. Die für diese Berechnung erforderlichen Daten besorgt sich die App aus dem Internet. Der Rollstuhlfahrer wird dann per Handy informiert, wie weit er mit der aktuellen Batterieladung noch fahren kann.

Bei einer Grenzreichweite von nur noch zehn Kilometern gibt es eine Warnung auf dem Display des Smartphones. „Das schafft Sicherheit“, sagt Andreas Biederstädt, Entwicklungsleiter für eMobility & Drive Technology bei Otto Bock „Das Handy lässt sich problemlos am Rollstuhl montieren, außerdem sind wir so in der Lage, teure Industriedisplays zu ersetzen.“

Der besondere Clou: Die App verfügt über eine nützliche Navigationsfunktion. Damit lassen sich barrierefreie Wege anzeigen oder auch die nächste behindertengerechte Toilette finden. Ist der rollende Elektrountersatz geländegängig, kann sich der Nutzer auch abseits der Straßen bewegen und sich geeignete Routen anzeigen lassen. „Besitzer von E-Rollstühlen erhalten durch das Zusatzmodul mehr Autonomie, Sicherheit und Komfort“, resümiert Biederstädt. „Nicht nur Behinderte, auch Senioren mit eingeschränkter Mobilität profitieren von solchen Mobilitätskonzepten mit Bluetoothmodul.“

Lieferbar ist das neue Modul ab Herbst in diesem Jahr

Profitieren können Behinderte von dem neuen Zusatzmodul ab dem dritten Quartal dieses Jahres. Bis dahin will Otto Bock erst einmal eine Nullserie auf Basis der ersten erfolgreich abgeschlossenen Tests mit Rollstuhl-Prototypen der neuen Generation bauen.

Auch die Forscher am Fraunhofer-Institut AST denken bereits weiter. „Im nächsten Schritt binden wir unser Bluetoothmodul an die Hausautomation an. So kann ein behinderter Mensch vom Rollstuhl aus beispielsweise die Klimaanlage steuern, Jalousien öffnen und schließen oder das Licht ausschalten“, sagt Wenzel. Gute Nachrichten für die knapp neun Millionen Menschen mit Handicap.

Otto Bock wächst kräftig

Die Otto Bock Mobility Solutions ist eine Tochter der Otto Bock HealthCare und hat ihren Sitz in der Stadt Königssee in Thüringen. Die Otto Bock HealthCare Gruppe ist stark auf Wachstumskurs. Sie hat ihren Umsatz 2012 gegenüber 2011 um 14,2 Prozent auf 666 Euro steigern können. Der Boom spiegelt sich auch in der Mitarbeiterzahl wider. Im letzten Jahr stieg die Anzahl der Vollzeitstellen um 406 auf 5196 an.

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Von Detlef Stoller
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