35-Stunden-Woche, Sonderzahlung, Stellenangst: Bei Mercedes brodelt es
Bundesweite Proteste bei Mercedes: Beschäftigte wehren sich gegen Sparkurs, drohenden Jobabbau, längere Arbeitszeiten und verschobene Sonderzahlungen.
Eskalation in der Autoindustrie: Mercedes macht den Anfang – wer folgt?
Foto: picture alliance/dpa | Bernd Weißbrod
Bei Mercedes-Benz eskaliert der Streit über Kosten, Arbeitszeiten und tarifliche Leistungen. Tausende Beschäftigte protestierten am Freitag bundesweit gegen den verschärften Sparkurs des Konzerns. Im Zentrum stehen eine verschobene Sonderzahlung, mögliche längere Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich und die Sorge vor weiterem Stellenabbau.
Die Kundgebungen fanden vor allem an mehreren Werkstandorten statt, unter anderem in Sindelfingen und Stuttgart (Untertürkheim). Weitere Aktionen gab es in Rastatt, Kuppenheim, Bremen, Berlin, Hamburg und Germersheim.
Protest bei Mercedes als Startpunkt für weitere Aktionen
Der Protest bei Mercedes-Benz soll laut IG Metall nur der Anfang weiterer Aktionen in der Autoindustrie sein. Die Gewerkschaft kündigte an, dass die Beschäftigten der Hersteller und Zulieferer den Unternehmensführungen „einen heißen Sommer und Herbst“ bereiten werden – solange diese weiterhin auf Stellenabbau und Standortverlagerungen setzen, statt nach Lösungen für die aktuellen Probleme zu suchen.
„Die Beschäftigten der Automobilindustrie sind es leid, dass planlose Vorstandsvorsitzende ihre Zukunft verspielen – gemeinsam mit der IG Metall wehren sie sich gegen den Kahlschlag. Den Anfang machen am Freitag die Beschäftigten von Mercedes-Benz. In einem bundesweiten Aktionstag gehen sie auf die Straße. Es ist der Auftakt“, heißt es in der Mitteilung IG Metall.
Nach Angaben der IG Metall hätten die Entscheider der deutschen Automobilindustrie im vergangenen Jahr rund 50.000 Arbeitsplätze gestrichen. Die Gewerkschaft warnt, dass dieser Trend anhalten könnte. Gleichzeitig betont sie, dass die Beschäftigten nicht für die Krise verantwortlich seien.
Ein Sprecher von Mercedes-Benz reagierte auf die Proteste und erklärte, man nehme Unsicherheiten und Sorgen der Beschäftigten ernst. Das Unternehmen lege Wert auf eine frühzeitige und transparente Kommunikation, auch bei schwierigen Entscheidungen. Zudem respektiere man, dass sich der Betriebsrat zur sogenannten Produktivitätsoffensive äußere. Die Arbeitnehmervertretung hatte das Unternehmen im Vorfeld über die geplanten Aktionen informiert.
Große Beteiligung an Protestaktionen bei Mercedes
Vor allem in Baden-Württemberg, dem Kernstandort des schwäbischen Autobauers, beteiligten sich zahlreiche Beschäftigte an den Protesten. Eine zentrale Kundgebung fand in Sindelfingen statt, wo unter anderem die S-Klasse produziert wird. Nach Angaben der Gewerkschaft beteiligten sich dort rund 20.000 Beschäftigte. Das Unternehmen selbst sprach dagegen von etwa 10.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern.
Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Ergun Lümali sprach bei der Kundgebung am Tor 7 zu den Beschäftigten. Bereits zuvor hatte er erklärt: „Die Beschäftigten sind mit den Plänen des Vorstands und dem Abbau des Sozialstaats nicht einverstanden.“ Das Management wolle hart erkämpfte Errungenschaften zurücknehmen. Das sei keine Grundlage für weitere Gespräche.
Auch Gewerkschaftschefin Christiane Benner äußerte sich bei einer Kundgebung in Düsseldorf deutlich. Sie sagte: „Wer ernsthaft über Wettbewerbsfähigkeit reden will, darf nicht bei den Arbeitsbedingungen ansetzen. Der Schlüssel für eine starke Autoindustrie liegt in Investitionen in zukunftsfeste Produkte, Standorte und Beschäftigte.“
Mercedes setzt auf Kostensenkung und verschiebt Sonderzahlung
In einem Schreiben an die Beschäftigten in Deutschland informierte der Vorstand von Mercedes-Benz Ende vergangener Woche, dass man „weiterhin mit Hochdruck die Kosten senken“ müsse, um bei den Preisen für die Produkte wettbewerbsfähig zu bleiben. „Trotz all unserer Anstrengung ist die Situation heute in Deutschland dramatisch“, hieß es darin.
Etwa 90.000 der rund 108.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Deutschland erhalten demnach als Sofortmaßnahme nicht wie erwartet im Juli eine tarifliche Sonderzahlung. Diese werde auf das kommende Jahr verschoben, hieß es in dem Schreiben. Bei der Sonderzahlung handelt es sich um den jährlichen „Transformationsbaustein“. Dieser beträgt 18,4 % vom regelmäßigen individuellen Monatsentgelt. In Betrieben in wirtschaftlichen Krisen könne die Sonderzahlung verschoben oder ausgesetzt werden, heißt es auf der Webseite der IG Metall.
„Wir werden bei Mercedes-Benz Prozesse radikal beschleunigen und gewachsene Strukturen verschlanken“, hieß es weiter. Die Arbeitsstunde müsse günstiger werden. Zugleich will das Management mit dem Betriebsrat in den kommenden Wochen über eine Verlängerung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich sprechen, wie das Unternehmen mitteilte. Laut Tarifvertrag arbeiten die Beschäftigten zurzeit 35 Stunden in der Woche.
Lesen Sie auch: 91 % Gewinnverlust: Warum Porsche 3,9 Milliarden Euro abschreiben musste
Solidarität aus der Autoindustrie: BMW und Audi unterstützen Proteste
Die Beschäftigten von BMW und Audi sowie die bayerische IG Metall stellen sich hinter die bundesweiten Proteste bei Mercedes-Benz. Dabei geht es nicht nur um Solidarität – auch in Bayern steht die Automobilbranche unter Druck, Arbeitsplätze sind gefährdet und Arbeitnehmerrechte werden verstärkt diskutiert.
Der Vorsitzende des Audi-Betriebsrats, Jörg Schlagbauer, kritisiert die Entwicklungen deutlich: „Die unverblümten Angriffe gegen die Tarifverträge bei Mercedes sollen uns alle treffen“, sagt er. „In einer Zeit von Absatzeinbrüchen, globalen Krisen und Konflikten“ versuchten Verantwortliche bei Mercedes „die Gunst der Stunde zu nutzen, um hier tarifpolitische Grenzlinien zu verschieben und die Belegschaften zu erpressen“, so Schlagbauer weiter. „Und wir wissen, wie es weitergehen soll: Erst Stuttgart, dann Wolfsburg, dann München und Ingolstadt. Dieses abgekartete Foulspiel der Arbeitgeber dürfen wir Ihnen nicht durchgehen lassen.“ Er betont, dass nun Solidarität und Geschlossenheit über Werksgrenzen hinweg nötig seien.
Auch der Gesamtbetriebsratsvorsitzende von BMW, Martin Kimmich, äußert sich klar: «Wem heutzutage nichts anderes einfällt, als nach der 40-Stunden-Woche zu schreien, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt», sagt er. „Die Kolleginnen und Kollegen bei Mercedes haben unsere volle Solidarität und wir stehen in diesem Kampf Seite an Seite.“
Lesen Sie auch: Volkswagen: 50.000 weitere Stellen und vier Werke vor dem Aus
Warnungen der IG Metall in Bayern
„Mit dem Verzicht von Beschäftigten sichern wir keine Arbeitsplätze“, sagt der bayerische IG Metall-Chef Horst Ott und betont: „Wer die 35-Stunden-Woche angreift, legt sich mit der gesamten IG Metall an.“
Auch in Bayern ist die Krise der Autoindustrie deutlich spürbar. Nicht nur Zulieferer bauen tausende Stellen ab. Auch Audi hat bereits im vergangenen Jahr eine deutliche Reduzierung der Belegschaft angekündigt. Bei BMW wird seit einer starken Gewinnwarnung im Juni darüber spekuliert, dass ebenfalls tausende Arbeitsplätze wegfallen könnten.
Bayern sei dabei keine „Insel der Seligen“, heißt es aus Branchenkreisen: Die großen Umbrüche in der Autoindustrie – darunter die Schwäche des wichtigen chinesischen Marktes und der international zunehmende Wettbewerb – träfen alle deutschen Hersteller gleichermaßen.
Auch das aktuelle Branchenbarometer des ifo Institut zeigt die angespannte Lage. Seit rund drei Jahren liegt die Stimmung in der Branche durchgehend im Minus. Im Juni sank der Wert leicht auf minus 21,4 Punkte.
Lesen Sie auch: BMW überrascht mit Gewinnwarnung – und plötzlich geht es um Tausende Jobs
Ein Beitrag von: