Weniger Ölwechsel, weniger Umsatz: Werden E-Autos zum Problem für Werkstätten?
E-Autos brauchen weniger Wartung – und gefährden damit ein wichtiges Standbein vieler Werkstätten. Drohen sinkende Umsätze und Betriebsschließungen?
Weniger Verschleißteile, mehr Hochvolttechnik: Die Elektromobilität verändert das Geschäft in den Werkstätten grundlegend.
Foto: Smarterpix / ASphoto777
Die zunehmende Verbreitung von E-Autos löst in der Branche gemischte Gefühle aus. Für viele Automobilhersteller, Autohäuser und Werkstattbetreiber steht fest: Elektroautos bringen zwar neue Chancen, könnten sich aber auch negativ auf das etablierte Servicegeschäft auswirken. Denn bei Verbrennern sorgen Ölwechsel, Abgasuntersuchung und zahlreiche Verschleißteile bislang für kalkulierbare Umsätze. Studien und Branchenberichte zeigen, dass der Vormarsch der Elektromobilität das Werkstattvolumen schrumpfen lassen könnte.
Das Servicegeschäft, auch als Aftersales bekannt, macht etwa ein Fünftel der Gesamtumsätze in der Automobilbranche aus und ist damit eine wichtige Säule. Zudem ist es für Hersteller und Händler ein tragendes Element in der Kundenbindung. Für freie Werkstätten, die sich rein auf das Servicegeschäft konzentrieren, geht es sogar um die Existenz.
Inhaltsverzeichnis
- E-Auto: Wartungsarm oder wartungsfrei?
- Was am E-Auto gewartet wird
- Empfohlene Serviceintervalle
- Wie unterscheidet sich eine Inspektion vom E-Auto zum Verbrenner praktisch?
- Was heißt das für die Kosten?
- Welche Vorbereitungen müssen Werkstätten im Detail treffen?
- E-Auto: Wie geht es weiter für die Werkstätten?
E-Auto: Wartungsarm oder wartungsfrei?
Die Elektromobilität als Mobilität der Zukunft ist derzeit gesetzt. Automobilhersteller bieten inzwischen flächendeckend verschiedene Fahrzeugmodelle an. Sie werben unter anderem gern damit, dass ein E-Auto deutlich wartungsärmer sei. Daraus resultierten automatisch weniger Werkstatttermine und niedrigere laufende Kosten. Wartungsarm bedeutet aber nicht wartungsfrei. In E-Autos sind weiterhin Teile verbaut, die regelmäßig geprüft oder ausgetauscht werden müssen.
Das E-Auto erfordert also ein Umdenken und sicherlich auch einen Umbau der Ertragsstrukturen. Hersteller für diese Veränderungen bereits erste Lösungen entwickelt: Batterien im Leasing, die sich nach einer gewissen Anzahl von Jahren austauschen lassen, Serviceflatrates, Abo-Modelle, längere Garantiezeiten, mit denen sich Hersteller und Händler eine längere Kundenbindung versprechen und mehr.
Ausreichen wird das aber vermutlich nicht. Denn im Bereich der Wartung verändert sich vieles.
Was am E-Auto gewartet wird
Fahrwerk, Bremse – ausgenommen die Rekuperation –, Karosserie und Glaselemente sind Bauteile, bei denen sich ein E-Auto nicht von einem Verbrenner unterscheidet. Anders beim Motor: Statt Verbrennungsmotor und Getriebe mit vielen beweglichen Teilen und einer Abgasanlage finden sich beim E-Auto Elektromotor, Leistungselektronik, ein einfacheres Getriebe und die Hochvoltbatterie. Typische Teile wie Motoröl, Ölfilter, Zündkerzen oder Abgaskomponenten, die der Wartung unterliegen, entfallen vollständig. Fahrwerk, Bremsen und Reifen sind beim E-Auto wie beim Verbrenner sicherheitsrelevante Komponenten.
Beim E-Auto rücken vor allem Kühlkreisläufe für Batterie und Elektronik in den Fokus. Grundsätzlich gilt bei modernen Fahrzeugen: Der Service sollte auch die Prüfung der Sicherheits- und Assistenzsysteme beinhalten.
Bei einer Inspektion werden beim E-Auto je nach Hersteller vor allem Bremsen, Reifen, Lenkung, Achsaufhängung, Dichtungen, Fahrwerksteile und die elektrische Anlage geprüft.
Notwendige Wartungsleistungen im Überblick
- Die Bremsen verschleißen beim E-Auto weniger, da sie durch die Rekuperation geschont werden. Eine Prüfung ist dennoch erforderlich, dafür zieht sich der Austausch tendenziell länger hin.
- Reifen, Fahrwerk, Stoßdämpfer, Lenkung gelten als sicherheitsrelevante Bauteile. Sie sollten regelmäßig geprüft werden.
- Weitgehend wartungsfrei sind Elektronik und Elektrik, beides sollte dennoch in festgelegten Intervallen gecheckt werden.
- Gleiches gilt für die Batterie, allerdings ist hier die Kontrolle durch einen Fachbetrieb ratsam.
- Ein Elektromotor weist seltener Schäden auf, eine Überprüfung bei der Inspektion ist trotzdem Standard.
- Eine Klimaanlage braucht Kältemittel, damit sie gut funktioniert. Das sollte die Werkstatt nachsehen, nachfüllen oder austauschen. Das ist nicht zwingend automatisch Teil der Inspektion, obliegt also auch der Verantwortung der Fahrerin oder des Fahrers.
- Hinzu kommen Softwareupdates, Diagnose von Fehlercodes und Kontrollen der Hochvoltsicherheit.
Empfohlene Serviceintervalle
Die empfohlenen Serviceintervalle ähneln oft denen von Verbrennern, etwa alle zwölf bis vierundzwanzig Monate oder nach einer bestimmten Kilometerleistung, in der Regel immer nach 15.000 oder 30.000 Kilometern. Dennoch ist der tatsächliche Arbeitsumfang bei einem Service meist geringer, weil viele Verschleißarbeiten entfallen.
Wie unterscheidet sich eine Inspektion vom E-Auto zum Verbrenner praktisch?
Im Vergleich zum Verbrenner ist das Wartungsprofil eines Elektroautos also insgesamt schlanker. Während bei klassischen Motoren Ölwechsel, Zahnriemen, Abgasuntersuchung und umfangreiche Motorinspektionen anfallen, konzentriert sich der Service beim Stromer auf wenige mechanische Komponenten und die Elektronik. Die Abgasuntersuchung entfällt bei einem E-Auto natürlich komplett, da keine Abgase entstehen.
Was heißt das für die Kosten?
Der Allgemeine Deutsche Automobilclub (ADAC) hat Inspektionskosten von E-Autos und Verbrennern in verschiedenen Städten verglichen. Dabei fielen E-Autos bei einem Teil der Werkstätten durch höhere Stundensätze auf, was zunächst den Eindruck erweckt, der Service sei teurer. Gleichzeitig zeigt die Auswertung, dass die Gesamtrechnungen für Elektroautos über alle Marken hinweg meist niedriger ausfallen, weil weniger Arbeiten zu erledigen sind. Aus Sicht des Automobilclubs ist der sogenannte Elektroaufschlag technisch kaum begründbar, sodass die Kundendienstkosten bei Stromern eigentlich noch stärker sinken könnten.
Der Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe betont dagegen, dass höhere Stundensätze für E-Autos durchaus gerechtfertigt seien. Werkstätten müssten in Ausbildung, Hochvolttechnik, zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen und neue Diagnosesysteme investieren, was sich in den Verrechnungssätzen widerspiegele.
Welche Vorbereitungen müssen Werkstätten im Detail treffen?
Die notwendigen Investitionen sind tatsächlich beträchtlich. Damit eine Werkstatt E-Autos sicher warten kann, braucht es deutlich mehr als einen zusätzlichen Steckschlüssel. Beschäftigte benötigen spezielle Hochvoltschulungen, um an Batterie, Kabelsträngen und Leistungselektronik arbeiten zu dürfen, ohne sich und andere zu gefährden. Zusätzlich sind isolierte Werkzeuge, persönliche Schutzausrüstung, spezielle Hebebühnenlösungen und abgesicherte Arbeitsplätze erforderlich.
Diese Investitionen sind für kleinere Betriebe eine Hürde und müssen sich in irgendeiner Form tragen. Viele Inhaberinnen und Inhaber warten momentan daher noch ab, ob genügend Elektroautos in die Werkstatt kommen, um die Kosten für Schulung und Ausrüstung zu rechtfertigen.
Viele Autohäuser und Vertragswerkstätten richten eigene E-Kompetenzzentren ein, um das vorhandene Know-how zu bündeln. Dort werden Diagnosegeräte, Softwarezugänge und Hochvoltarbeitsplätze konzentriert, während andere Standorte ein einfacheres Serviceportfolio anbieten.
E-Auto: Wie geht es weiter für die Werkstätten?
Wirklich einig ist sich die Branche nicht. Während einige von Werkstattschließungen in größerem Umfang ausgehen, betrachten andere die Elektromobilität als Chance, sich mit neuen Technologien auseinanderzusetzen. Schließlich habe man sich auch in der Vergangenheit unter anderem auf neue Motorvarianten und immer komplexer werdende neue Systeme im Auto einstellen müssen. Das habe immer schon die regelmäßige Schulung der Mitarbeitenden erfordert sowie den Einkauf neuer Werkzeuge oder gar die Anpassung der Räumlichkeiten.
Ein Blick nach Norwegen zeigt: Der Anteil neuer E-Autos liegt dort bei 96 Prozent, und VW gibt gleichzeitig einen Rückgang des Werkstattumsatzes von 46 Prozent an. Geht man davon aus, dass sich diese Entwicklung flächendeckend ausbreitet, wird ein Teil der Werkstätten vermutlich schließen müssen.
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