Luftkissenfahrzeug für den Privatgebrauch 20.08.2026, 09:30 Uhr

Supercraft: Das 128-km/h-Hovercraft, das nie in Serie ging

128 km/h, Carbon und Hybridantrieb: Das Supercraft sollte das Hovercraft neu erfinden. Zehn Jahre später war der Hersteller insolvent.

Supercraft

2014 sollte das Supercraft mit 128 km/h über Land schweben. Die Serienproduktion kam nie richtig in Gang – 2024 folgte Chapter 7.

Foto: MERCIER-JONES

2014 kündigte das US-Startup Mercier-Jones ein Hovercraft an, das eher wie ein Supersportwagen als wie ein Luftkissenfahrzeug aussah. Noch im selben Jahr sollten die ersten Exemplare ausgeliefert werden. Dazu kam es nicht. Das Projekt lebte trotzdem weiter, wurde elektrisch und deutlich teurer. Im August 2024 beantragte der Hersteller schließlich ein Insolvenzverfahren nach Chapter 7.

Die Ankündigung von Mercier-Jones im März 2014 ließ wenig Zweifel daran, dass die Serienfertigung unmittelbar bevorstand. Zehn Exemplare einer „Collector’s Edition“ sollten bereits ab dem 15. Mai verfügbar sein, weitere 50 Fahrzeuge bis Oktober entstehen. Der Listenpreis für den sogenannten Supercraft: 75.000 US-$.

Auch ingenieur.de berichtete damals über das ungewöhnliche Fahrzeug. Schon der damalige Beitrag verwies allerdings auf ein erhebliches Risiko: Mercier-Jones war erst 2013 gegründet worden und es war unklar, ob das junge Unternehmen über genügend Kapital für eine Serienproduktion verfügte.

Rückblickend war dieser Hinweis berechtigt.

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128 km/h waren zunächst nur ein Versprechen

Besonders spektakulär war die angekündigte Geschwindigkeit. Mercier-Jones stellte mehr als 80 mph in Aussicht, also über 128 km/h. Tatsächlich erreicht hatte der Supercraft dieses Tempo zu diesem Zeitpunkt aber nicht.

In der Pressemitteilung sprach das Unternehmen ausdrücklich von einer geschätzten Höchstgeschwindigkeit. Mercier-Jones wollte damit zunächst den damaligen Geschwindigkeitsrekord für Hovercrafts über Land angreifen.

Der Supercraft sollte sich auf einem Luftkissen über Wasser, Eis, Sand und geeignete Landflächen bewegen. Räder besaß er nicht. Die Karosserie bestand aus Kohlenstofffaser-Verbundmaterial, Fahrer und Beifahrer saßen hintereinander.

Beim Antrieb setzte Mercier-Jones auf ein ungewöhnliches Hybridkonzept. Elektromotoren sollten Hub und Vortrieb übernehmen. Die elektrische Energie erzeugte ein Wankelmotor und speiste sie über eine Lithium-Ionen-Batterie in den Antrieb. Im damaligen ingenieur.de-Beitrag wurden für das 4,32 m lange Fahrzeug zudem 38 l Tankinhalt und knapp 200 km Reichweite nach Herstellerangaben genannt.

Mercier-Jones versah den Supercraft außerdem mit zahlreichen Elementen aus der Autowelt: GPS-Navigation, Android-Display, Bluetooth, WLAN und Sitze im Stil von Formel-1-Rennwagen gehörten zur angekündigten Ausstattung. Selbst Kühlfächer für Getränke waren vorgesehen.

Die angekündigte Produktion begann 2014 gar nicht

Was aus den angekündigten 60 Fahrzeugen wurde, erklärte Firmengründer Michael Mercier erst Jahre später.

2022 sagte er gegenüber dem tschechischen Nachrichtenportal Seznam Zprávy, dass sich das Unternehmen 2014 noch in der Forschungs- und Entwicklungsphase befunden habe. Mit der Produktion habe man damals noch nicht begonnen.

In den folgenden Jahren sei das Fahrzeug weiter verändert worden. Unter anderem überarbeitete das Team das Design und das Steuerungssystem. Vor allem aber verschwand der Hybridantrieb. An seine Stelle trat ein rein elektrischer Antrieb. Mercier nannte 2022 zudem die Finanzierung als einen Faktor für die Verzögerung.

Damit war aus dem 2014 angekündigten Serienstart eine jahrelange Entwicklungsphase geworden.

Aus Mercier-Jones wurde VonMercier

Auch das Unternehmen veränderte sich. Die SEC-Unterlagen zeichnen die Entwicklung eindeutig nach: Mercier-Jones LLC war am 5. April 2013 in Illinois gegründet worden. Am 1. März 2021 wurde die Firma in eine Delaware Corporation umgewandelt und in VonMercier Inc. umbenannt.

Das Hovercraft erhielt ebenfalls einen neuen Namen: Arosa.

Der Grundgedanke blieb erhalten. Auch der Arosa war als exklusives zweisitziges Freizeitfahrzeug gedacht, das sich über Wasser und verschiedene feste Untergründe bewegen konnte. Optisch erinnerte das Carbonfahrzeug weiterhin stärker an einen Sportwagen als an ein klassisches Hovercraft.

Beim Antrieb war vom ursprünglichen Wankelmotor jedoch nichts mehr übrig.

Drei Elektromotoren treiben den Arosa an

Der Arosa setzte auf drei unabhängig arbeitende Elektromotoren. Einer trieb das Gebläse für das Luftkissen an, zwei weitere erzeugten seitlichen Schub für Vortrieb und Steuerung. VonMercier bezeichnete das System als „HoverDrive“.

Dass das Konzept grundsätzlich funktionierte, zeigen veröffentlichte Tests mit Prototypen. Auch auf der Crowdfunding-Plattform Republic gab VonMercier an, mehrere Prototypen in Originalgröße gebaut und erprobt zu haben. Eine Carbonkarosserie für eine produktionsnahe Version befand sich demnach ebenfalls im Bau.

2024 wurden für den Arosa drei Elektromotoren mit zusammen 178 kW Leistung genannt. Käufer sollten zwischen Batterien mit 18 und 36 kWh wählen können. Die dazugehörigen Reichweiten gab der Hersteller mit bis zu 65 beziehungsweise 130 km an.

Mit den Leistungsangaben ist allerdings Vorsicht geboten. Unabhängige Messungen sind nicht dokumentiert. VonMercier nannte etwa 32 km/h als Reisegeschwindigkeit und 80 km/h als „aerodynamic speed limit“. Das ist nicht dasselbe wie eine nachgewiesene Höchstgeschwindigkeit.

Die 128 km/h, mit denen Mercier-Jones 2014 Aufmerksamkeit erzeugt hatte, tauchten beim späteren Arosa nicht mehr als Leistungsziel auf.

111.629 US-$ von 185 Investoren

Für die geplante Serienproduktion brauchte VonMercier weiteres Kapital. 2022 sammelte das Unternehmen über die Plattform Republic 111.629 US-$ von 185 Investoren ein. Sieben Kunden hatten zu diesem Zeitpunkt bereits Anzahlungen geleistet. Daraus stellte VonMercier einen möglichen Umsatz von 700.000 US-$ in Aussicht.

Die Finanzlage blieb dennoch angespannt. Für 2022 meldete das Unternehmen 0 US-$ Umsatz, einen Verlust von 321.009 US-$ und langfristige Schulden von 527.983 US-$. Ende des Jahres standen lediglich 59.242 US-$ liquide Mittel zur Verfügung.

Zum 31. März 2023 waren es knapp 77.700 US-$. Zusammen mit einem erwarteten Förderdarlehen sollte das Geld nach eigener Einschätzung noch rund zehn Monate reichen. VonMercier wies selbst darauf hin, dass weiteres Kapital nötig werden könnte.

Die Vermarktung lief trotzdem weiter. 2023 kam eine Vertriebspartnerschaft mit Aeroauto hinzu, Anfang 2024 konnten Interessenten den Arosa noch für 1000 US-$ reservieren. Der Preis war inzwischen allerdings stark gestiegen: Statt der 2014 angekündigten 75.000 US-$ sollte der elektrische Arosa 200.000 bis 249.000 US-$ kosten. Zu einer Serienproduktion kam es nie.

Die Idee des Freizeit-Hovercrafts war nicht einzigartig

Dabei lag das Problem nicht grundsätzlich darin, dass kleine Hovercrafts technisch nicht funktionieren würden. Andere Hersteller bauen ähnliche Fahrzeuge – wenn auch meist erheblich konventioneller.

Die British Hovercraft Company führt beispielsweise das zwei- bis dreisitzige Modell Beast als „Sports Cruiser“. Ein 993-cm³-Viertaktmotor treibt das rund 220 kg schwere Hovercraft an. Der Hersteller nennt eine Höchstgeschwindigkeit von bis zu 56 km/h.

Auch der US-Hersteller Hoverstream hat seit 2013 Freizeit-Hovercrafts angeboten. Für den aktuellen Marlin III nennt das Unternehmen Platz für zwei bis drei Personen und maximal 40 mph, also rund 64 km/h.

Mercier-Jones hatte das Hovercraft daher nicht neu erfunden. Außergewöhnlich waren vielmehr der Anspruch und die Verpackung: Carbonkarosserie, Sportwagendesign, aufwendige Steuerung, elektrische beziehungsweise hybride Antriebstechnik und ein Preis im Luxussegment.

Andere Hovercrafts waren sogar schneller als die angekündigten 128 km/h

Auch die 128 km/h wären für ein Hovercraft kein grundsätzlicher technischer Durchbruch gewesen.

Der von Guinness World Records geführte Geschwindigkeitsrekord für ein Hovercraft auf dem Wasser liegt bereits seit 1995 bei 137,4 km/h. Der US-Amerikaner Bob Windt stellte ihn auf dem Rio Douro in Portugal mit dem 5,8 m langen „Jenny II“ auf. Das Fahrzeug besaß einen V6 mit 82 kW, der getrennte Gebläse für Hub und Vortrieb antrieb. Die Geschwindigkeit wurde über einen fliegenden Kilometer gemessen.

Bemerkenswert am Supercraft war somit weniger die Geschwindigkeit allein. Mercier-Jones wollte eine solche Leistung in ein komfortables, zweisitziges Freizeitfahrzeug verpacken, das sich über unterschiedliche Untergründe bewegen sollte.

Genau dieser Schritt vom spektakulären Prototyp zum marktfähigen Serienprodukt erwies sich als schwierig.

Im August 2024 folgte Chapter 7

Am 30. August 2024 stellte VonMercier Inc. beim US Bankruptcy Court für den District of Maryland schließlich einen freiwilligen Insolvenzantrag nach Chapter 7. Das Verfahren trägt das Aktenzeichen 24-17330.

In der Anmeldung gab das Unternehmen Vermögenswerte zwischen 100.001 und 1 Mio. US-$ an. Dem standen Verbindlichkeiten zwischen 1 Mio. und 10 Mio. US-$ gegenüber. Die Zahl der Gläubiger wurde mit einem bis 49 angegeben.

Chapter 7 ist im US-Insolvenzrecht grundsätzlich ein Liquidationsverfahren. Ein bestellter Trustee verwertet dabei vorhandene Vermögenswerte und verteilt die Erlöse nach den gesetzlichen Regeln an die Gläubiger. Für Unternehmen unterscheidet sich das damit wesentlich von Chapter 11, das eine Reorganisation ermöglichen kann.

Das Verfahren zog sich über das Jahr 2024 hinaus. Das öffentlich einsehbare Docket verzeichnet als bislang letzten dort aufgeführten Eintrag den 13. Januar 2026.

60 Fahrzeuge waren für 2014 angekündigt – produziert wurden sie nicht

Damit schließt sich der Kreis zu den großen Versprechen vom Frühjahr 2014. Damals kündigte Mercier-Jones an, die ersten zehn Supercraft bereits im Mai auszuliefern und bis Oktober weitere 50 Fahrzeuge herzustellen. Acht Jahre später erklärte Michael Mercier selbst, dass die Produktion 2014 überhaupt nicht begonnen hatte.

Das Projekt verschwand danach nicht. Es entstanden weitere Prototypen, das Antriebskonzept wurde vollständig elektrifiziert und das Unternehmen versuchte über Crowdfunding und Vertriebspartner, die Serienfertigung doch noch auf den Weg zu bringen. 2022 standen allerdings weiterhin 0 US-$ Umsatz in der Bilanz. Zwei Jahre später folgte der Chapter-7-Antrag.

 

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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