2024 gesunken 01.07.2025, 13:00 Uhr

Nach der Bergung: So sieht es im Inneren der „Bayesian“ wirklich aus

Luxusyacht „Bayesian“ geborgen – Ermittlungen sollen klären, warum sie trotz moderner Technik bei Sturm unterging.

„Bayesian“

Zehn Monate nach dem tragischen Untergang der Luxusyacht „Bayesian“ vor Sizilien wurde das Wrack nun erfolgreich geborgen.

Foto: picture alliance / ANSA/Perini Navi Press Office

Zehn Monate nach dem tragischen Untergang der Luxusyacht „Bayesian“ ist das Wrack endlich geborgen – und mit ihm neue Erkenntnisse. Nun gewähren erste Aufnahmen aus dem Inneren einen Einblick in die letzte Nacht des Unglücks. Sie zeigen verwüstete Räume, aufgerissene Möbel und durchfeuchtete Wände. Die Bilder werfen weitere Fragen auf: War das Schiff technisch wirklich so sicher, wie behauptet? Oder liegen hier eklatante Konstruktionsfehler vor? Welche Rolle spielte die Crew?

Komplizierte Bergung

Die 56 Meter lange Megajacht wurde Mitte Juni 2025 vor der Küste Siziliens aus rund 50 Metern Tiefe gehoben. Der aufragende 72-Meter-Mast musste zuvor entfernt werden. Die Bergung gestaltete sich kompliziert: Starke Strömungen, instabile Strukturen und ein tragischer Todesfall – ein niederländischer Taucher verunglückte bei einem Einsatz – verzögerten das Vorhaben monatelang. Die Küstenwache arbeitete eng mit internationalen Spezialkräften zusammen.

Nach der erfolgreichen Hebung wurde das Wrack in den Hafen von Termini Imerese geschleppt. Dort laufen die Untersuchungen weiter – koordiniert von der Staatsanwaltschaft, Sachverständigen und der Küstenwache.

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Verwüstete Räume im Inneren

Der italienische Sender Rai News veröffentlichte erste Bilder aus dem Inneren. Sie zeigen das ganze Ausmaß der Zerstörung: schlammverkrustete Böden, durchnässte Polster, aufgebrochene Möbel, zerrissene Stoffe. Ein ehemals eleganter Empfangsbereich wirkt wie ein verlassener Kellerraum. Diese Aufnahmen stammen direkt aus dem Schiffsrumpf – und sind zentrale Beweismittel für die weiteren Ermittlungen.

Blick in den Innenraum der Bayesian

Blick in den Innenraum der Bayesian: Vom einstigen Glanz der Yacht ist nicht viel übrig.

Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS/Antonino Di Cristofalo

Die Nacht des Unglücks

Es war der 19. August 2024. Die „Bayesian“ lag vor Porticello an der Küste Siziliens. Ein Sturm war angekündigt – doch offenbar unterschätzte die Crew die Intensität der bevorstehenden Wetterlage. Gegen 4:06 Uhr morgens trafen Windböen mit bis zu 129 km/h auf das Schiff. Die Yacht kenterte binnen Sekunden. Innerhalb von 15 Sekunden neigte sich das Schiff um 90 Grad und schlug zur Seite. Wasser drang über die Steuerbordseite ein. Menschen, Möbel und Ausrüstung wurden mitgerissen.

Sieben Menschen kamen ums Leben, darunter der britische Technologieunternehmer Mike Lynch und seine 18-jährige Tochter. Der Milliardär galt als prominente Figur der britischen Techszene. Medien bezeichneten ihn als „britischen Bill Gates“.

Fehlende Stabilitätsdaten und technische Grenzen

Laut einem Zwischenbericht der britischen Marine-Unfalluntersuchung (MAIB) war das Schiff nicht auf seitlichen Starkwind über 117 km/h ausgelegt. Genau das aber war in jener Nacht der Fall. Die Yacht hatte ihre Segel eingeholt und das Schwert eingezogen – eigentlich ein Sicherheitsmodus. Doch das senkte zugleich die seitliche Stabilität des Rumpfes.

Die MAIB ließ an der Universität Southampton Simulationen erstellen. Diese zeigen: Solche Windstärken reichen aus, um ein Schiff dieser Größe zum Kentern zu bringen, wenn es nicht aktiv gesteuert oder stabilisiert wird. Die Untersuchenden stellen klar: Diese Gefahren wurden in den Bordunterlagen nicht korrekt abgebildet – weder für den Eigentümer noch für die Crew.

Andrew Moll, leitender Inspektor der MAIB, erklärte: „Sobald die Yacht mehr als 70 Grad Neigung erreicht hatte, war die Situation nicht mehr zu retten.“

Fehler in der Vorbereitung?

Kurz vor dem Unglück lag die Windgeschwindigkeit noch bei etwa 9 mph. Innerhalb einer Stunde stieg sie jedoch auf über 80 mph an – mehr als 129 km/h. Diese enorme Zunahme innerhalb kurzer Zeit war wohl entscheidend.

Dr. Simon Boxall von der Universität Southampton sieht das Hauptproblem in der Vorbereitung: „Es ist nicht wie bei einem Auto, wo man einfach einsteigt und den Schlüssel dreht. Bei einem Schiff dieser Größe dauert es fünf bis zehn Minuten, bis die Motoren gestartet sind.“ Laut seinen Aussagen war die Yacht „zur falschen Zeit am falschen Ort“. Die Crew schloss rechtzeitig Luken und Türen – anders als zunächst spekuliert wurde. Doch der Sturm kam zu schnell.

Zwei Gäste mussten sich mit Schubladen als Kletterhilfe aus ihrer Kabine befreien. Ein Crewmitglied wurde durch den Wind ins Meer geschleudert.

Äußeres der Bayesian

Äußerlich sieht die Bayesian zwar schmutzig, aber doch einigermaßen intakt aus.

Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS/TMC Marine

Spekulationen um sensible Daten an Bord

Die Staatsanwaltschaft in Italien verfolgt noch einen anderen Aspekt: An Bord der „Bayesian“ soll sich ein Tresor befunden haben, möglicherweise mit vertraulichen Daten. Hintergrund ist die frühere Tätigkeit von Mike Lynch. Der Unternehmer hatte engen Kontakt zu britischen Geheimdiensten. Ob sich im Tresor relevante Unterlagen befanden, ist bisher unklar. Die Ermittlungen laufen.

Wer trägt die Verantwortung?

Ermittelt wird gegen den neuseeländischen Kapitän und zwei weitere Crewmitglieder. Ihnen wird vorgeworfen, Warnungen ignoriert und sich selbst in Sicherheit gebracht zu haben, ohne sich um alle Gäste zu kümmern. Bislang ist offen, ob es zu einem Prozess kommt.

Fakt ist: Von insgesamt 22 Personen an Bord überlebten 15. Neben der Ehefrau von Mike Lynch und mehreren Crewmitgliedern retteten sich auch einige Gäste – teils schwer verletzt.

Technische Fragen bleiben offen

Warum sank ein als besonders stabil geltendes Schiff innerhalb von Sekunden? Diese zentrale Frage beschäftigt nicht nur die Angehörigen der Opfer, sondern auch die zuständigen Behörden in Großbritannien und Italien. Erste Simulationen deuten auf eine Kombination aus starken Seitenböen, eingezogenem Schwert und unzureichender Stabilität hin. Doch die jüngsten Entwicklungen zeigen: Die Analyse steht noch ganz am Anfang.

Jetzt sind Fachleute gefragt, heikle Fragen zu beantworten. Wie konnte die „Bayesian“ so schnell volllaufen, obwohl die Luken geschlossen waren und der Rumpf ersten Erkenntnissen zufolge keine größeren Schäden aufweist? Handelte es sich um ein technisches Problem? Spielte menschliches Versagen eine Rolle – oder war es sogar Sabotage?

Untersuchungen nach Ankunft im Hafen

Die Yacht wurde nach ihrer Bergung in den Hafen von Termini Imerese gebracht. Dort sollen nun detaillierte Untersuchungen beginnen. Die Ermittlerinnen und Ermittler gehen davon aus, dass eine Verkettung mehrerer Fehler zum schnellen Untergang führte – während ein heftiges Gewitter über der Region Porticello tobte.

Einzelne Elemente an Bord könnten nun eine zentrale Rolle für die Rekonstruktion der Ereignisse spielen. Deshalb nehmen Sachverständige im Auftrag der Staatsanwaltschaft jedes noch so kleine Detail unter die Lupe. Allerdings ist der Zugang zum Inneren des Schiffes derzeit noch nicht möglich.

Dekontaminierung notwendig

Bevor die ersten Bilder geschossen werden konnten, war zunächst eine vollständige Dekontaminierung notwendig. Diese war nötig, da sich über Monate hinweg giftige Gase gebildet haben könnten. Erst nach Freigabe durch Spezialteams können Elektronik, Daten und Mechanik nun analysiert werden.

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Ein Beitrag von:

  • Alexandra Ilina

    Alexandra Ilina ist Diplom-Journalistin (TU-Dortmund) und Diplom-Übersetzerin (SHU Smolensk) mit mehr als 20 Jahren Berufserfahrung im Journalismus, in der Kommunikation und im digitalen Content-Management. Sie schreibt über Karriere und Technik.

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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