Thermoportal kontrolliert Lkw 06.05.2013, 08:50 Uhr

Gotthard-Tunnel: „Fiebermessung“ im Vorüberfahren

Die Testphase ist vorbei. Kameras und eigens entwickelte Software haben ihre Bewährungsprobe bestanden. Jetzt sorgt seit einigen Wochen am Gotthard ein aufwendiges Thermoportal dafür, dass überhitzte Lkw nicht in den Tunnel fahren dürfen.

Arbeiten am neuen Basistunnel. Die Eröffnung ist für 2017 geplant. 

Arbeiten am neuen Basistunnel. Die Eröffnung ist für 2017 geplant. 

Foto: AlpTransit Gotthard AG

Nach der verheerenden Brandkatastrophe im Gotthard-Tunnel, bei der 2001 elf Menschen ums Leben kamen, sorgen die Schweizer Behörden mit einer Reihe von Präventivmaßnahmen dafür, dass sich ein derartiger Horrorunfall nach menschlichem Ermessen kaum wiederholen kann.

Seit seiner Wiedereröffnung ist der 17 km lange Straßentunnel für Lastwagen wechselweise nur noch in Einbahnrichtung befahrbar. Ein von einer Ampel am Tunneleingang gesteuertes sogenanntes Tropfenzählersystem stellt einen Mindestabstand von 150 m zwischen zwei Lastwagen sicher. Seit dem 3. März dieses Jahres sorgt zusätzlich ein aufwendiges Thermoportal dafür, dass überhitzte Lastwagen gar nicht erst in den Tunnel einfahren.

Thermoportal kontrolliert Lastwagen vor der Einfahrt in den Tunnel

Das Thermoportal wurde bereits 2010 vor der Südeinfahrt bei Airolo errichtet. In einer zweijährigen Testphase sammelten die dort installierten Messgeräte Daten für die Entwicklung einer speziellen IT-Software und zur Bestimmung von Schwellenwerten für die Temperatur von Fahrzeugkomponenten wie Motor, Reifen, Auspuffanlage, Laderaum oder Fahrerhaus.

Durchgeführt wurde das Projekt vom Schweizer Bundesamt für Straßen (Astra), das auch einen ausgeklügelten Aktionsplan für die Betreiber des Thermoportals – Kantonspolizei und Schadenwehr Gotthard – erstellt hat.

Durchfährt ein Lastwagen das Portal, erfasst zunächst ein Lasergerät dreidimensional die Außenabmessungen des Fahrzeugs. Daraus lassen sich die wichtigsten Kennwerte wie Fahrzeugklasse, Länge, Breite, Höhe und gefahrene Geschwindigkeit ableiten. Zwei Infrarotkameras messen die Temperaturen der erwähnten Fahrzeugkomponenten, während eine Videokamera die Seitenansicht des vorbeifahrenden Fahrzeugs aufzeichnet. Auf der Grundlage der in der Testphase ermittelten Messprofile wurde eine Datenbank mit den Solltemperaturwerten der jeweiligen Fahrzeugteile angelegt.

Alarmsignal landet auf Tablet des Sicherheitsbeauftragten

Registriert das System eine Überschreitung dieser Grenzwerte, löst es ein Alarmsignal aus und schaltet die Ampel des Tropfenzählersystems auf Rot, so dass kein weiteres Fahrzeug in den Tunnel einfahren kann.

Das Alarmsignal landet auf dem Tablet-PC des diensthabenden Sicherheitsbeauftragten, der innerhalb von höchstens 90 s am betreffenden Fahrzeug eintrifft, den Fahrer zum Parken auffordert und die Tropfenzählerampel wieder auf Grün schaltet, um unnötige Staus zu vermeiden. Am angehaltenen Fahrzeug messen dann Fachleute der zeitgleich alarmierten Feuerwehr nochmals die einzelnen Temperaturen. Bestätigt sich dabei eine Überhitzung, ermittelt ein speziell geschulter Mechaniker die Ursache. Erst wenn alle Messwerte unterhalb der kritischen Grenze liegen, darf der Lastwagen bis zur Raststätte City Quinto weiterfahren.

Der Fahrer bekommt von der automatischen Temperaturkontrolle nur dann etwas mit, wenn er angehalten wird. Im ersten Betriebsmonat ist das etwa zwei Dutzend Mal passiert, in einigen Fällen löste das System auch Fehlalarm aus.

Projektkosten betrugen rund 1,6 Millionen Euro

Solche Kinderkrankheiten sollen in den kommenden Monaten behoben werden. „Insbesondere muss geprüft werden, ob sich die Schwellenwerte in verschiedenen Situationen, bei unterschiedlichen Lastwagentypen und veränderlichen Umgebungstemperaturen als angemessen erweisen“, teilt das Bundesamt für Straßen mit. „Es ist nicht ausgeschlossen, dass dieser Kalibrierungsprozess die eine oder andere anfängliche Unannehmlichkeit zur Folge hat.“

Die Projektkosten für das südliche Thermoportal beliefen sich auf rund 2 Mio. CHF (ca. 1,6 Mio. €), die in voller Höhe von der Schweizer Bundesregierung übernommen wurden. Über die Betriebskosten lassen sich noch keine belastbaren Aussagen treffen. Die Installation eines zweiten Tunnelportals an der Nordseite bei Göschenen befindet sich daher noch im Stadium der Abwägung.   

Von Hans W. Mayer
Von Hans W. Mayer

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