Verkehrssicherheit 12.10.2012, 19:54 Uhr

Fußgänger-Airbag soll schwächere Verkehrsteilnehmer besser schützen

Zunehmend wird von Automobilherstellern die Sicherheit von Fußgängern ernst genommen. Diverse Zulieferer arbeiten an entsprechenden Lösungen, die die schwächeren Verkehrsteilnehmer künftig besser schützen sollen. Vorreiter ist dabei ein Hersteller aus Schweden – Volvo mit seinem speziellen Außenairbag.

Volvo verfolgt bei der Entwicklung neuer Modelle ehrgeizige Sicherheitsziele.

Volvo verfolgt bei der Entwicklung neuer Modelle ehrgeizige Sicherheitsziele.

Foto: Volvo

Die Autoindustrie bemüht sich seit Jahrzehnten um die aktive und passive Sicherheit ihrer Fahrzeuge. Seit einiger Zeit nimmt die Kritik aber zu, es würde sehr viel für die Insassen des Fahrzeuges, aber wenig für die Sicherheit der anderen Verkehrsteilnehmer getan. Insbesondere Fußgänger und Zweiradfahrer wären zu wenig geschützt. Im Jahr 2011 waren rund 15 % der Verkehrstoten in Deutschland Fußgänger.

Das Risiko des Fußgängers für schwere oder tödliche Verletzungen ist bei Unfällen mit Kraftfahrzeugen sehr hoch. Gefährlich wird es für Fußgänger meist dann, wenn Beine, innere Organe und die Brustpartie betroffen sind – besonders schwerwiegend sind Kopfverletzungen.

Fußgänger rücken in den Fokus von Sicherheitssystemen

Die Statistiken geben den weltweiten Kritikern der Ungleichbehandlung von Verkehrsteilnehmern recht. Peter Lake, Vorstandsmitglied beim Automobilzulieferer TRW, Michigan/USA, stellt fest: Während die Zahl der Insassenunfälle mit Todesfolge in den Industriestaaten sinkt, nimmt der Anteil der bei Unfällen getöteten Fußgänger an der Summe der Verkehrstoten zu.

Ein erfolgversprechender Ansatz, der die Entwicklung aufhalten könnte, kommt von der Versicherungswirtschaft, die schon bei einer typischen Aufprallgeschwindigkeit von 40 km/h eine erhebliche Verletzungsgefahr ausgemacht hat: Die „Verletzungsschwere bei Fußgängern ließe sich bei Fußgängern deutlich reduzieren, wenn das Tempo vor dem Crash nur um 10 km/h verringert würde“, heißt es in einer Studie der Unfallforschung der Versicherer (UDV).

Das Abbremsen um 20 km/h brächte nochmals signifikant weniger Kopfverletzungen bei Erwachsenen und Kindern. Notbremssysteme mit Fußgängererkennung sollten deshalb schnellstens in allen Fahrzeugklassen angeboten werden, verlangt UDV-Sprecher Siegfried Brockmann.

TRW hat gerade die zweite Generation eines Fußgängerschutzes entwickelt. Sie nutzt eine Kombination von verbesserten Beschleunigungs- und Drucksensoren und soll 2016 serienreif sein. Bei diesem System wird der hintere Teil der Motorhaube pyrotechnisch angehoben. Dies schafft mehr Deformationsraum und bewirkt, dass die Energie, die beim Aufprall des Fußgängers auf die Motorhaube entsteht, sanfter abgebaut wird. Da der Fußgängerschutz im Euro NCAP-Rating 20 % der Fahrzeuggesamtwertung ausmacht, nutzen Hersteller wie Porsche und Chrysler schon seit 2009 die erste Generation dieser Technik, um eine Fünfsternebenotung zu erreichen.

Volvo entwickelt Fußgänger-Airbag

Noch einen Schritt weiter geht jetzt der schwedische Hersteller Volvo mit seinem neuen V40. Beim definierten Zusammenprall mit einem menschlichen Bein lösen an der Fahrzeugfront angebrachte Sensoren den Fußgänger-Airbag aus.

Dabei wird die Motorhaube an ihrem hinteren Ende eine Handbreit angehoben. Fast gleichzeitig legt sich der große 120-l-Airbag wie eine u-förmige Wulst um die Unterkante und die A-Säulen der Frontscheibe. Alles geschieht in Bruchteilen von Sekunden, sobald die Treibsätze ausgelöst und gezündet sind. Jan Ivarsson, leitender Sicherheitsmanager bei Volvo, spricht von einem neuen Sicherheitsstandard.

Das serienmäßige System im neuen Volvo V40 funktioniert bis 50 km/h. Das reiche insofern aus, dass sich die meisten Fußgängerunfälle unter 50 km/h ereignen die wenigen, die darüber passieren, enden meist tödlich. Ergänzend trägt der Notbremsassistent mit Fußgängererkennung zur Verminderung der Aufprallgeschwindigkeit bei. Er arbeitet bis 80 km/h. Fachleute schätzen den Sicherheitsgewinn durch die automatische City-Bremse hoch ein. Selbst der VW-Kleinstwagen Up kann mit einem vereinfachten System schon geordert werden.

Die Notwendigkeit, das Fahrzeug vor dem Aufprall automatisch abzubremsen, bestätigt letztlich auch ein Crashtest mit dem Fußgänger-Airbag im Volvo-Sicherheitszentrum Göteburg. Schon bei 40 km/h würden offenbar die Beine des Fußgängers beim Aufprall auf die Frontpartie schwer verletzt – Knochen und Gelenke werden zertrümmert. Auch andere Körperteile können Schaden nehmen, selbst wenn der Kopf relativ weich vom Airbag aufgefangen wird. Es kann sich also nur um einen Zwischenschritt handeln, denn schon für Unfälle mit Radfahrern müsste eine weiterführende Lösung gefunden werden.

Der Fußgänger-Airbag ist nur ein erster Schritt

Die bisherige Arbeit der Schweden hat sich dennoch bereits gelohnt: Kürzlich hat das NCAP-Institut in Brüssel den Volvo V40 für das beste Ergebnis und mit der höchsten je vergebenen Punktzahl beim Fußgängerschutz ausgezeichnet. Das Kompaktmodell, das seit Mitte September auf dem Markt ist, ist damit „eines der sichersten Fahrzeuge der Welt“, freut sich Volvo-Sicherheitschef Thomas Broberg.

Er sieht den Hersteller auf gutem Weg: Volvo hat sich bei der Entwicklung neuer Modelle zum Ziel gesetzt, dass bei Unfällen ab dem Jahr 2020 niemand mehr in einem Fahrzeug der Marke verletzt oder getötet wird. Ein ehrgeiziges Ziel. Aber noch ambitionierter ist der Plan, dass bis 2030 kein anderer Verkehrsteilnehmer mehr durch einen Volvo schwer verletzt oder getötet wird. Der Fußgänger-Airbag ist nur ein erster Schritt.

  • Ingo Reuss

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