Begründer einer Weltmarke 01.07.2026, 08:00 Uhr

Ferdinand Porsche: Technikpionier mit belastetem Erbe

150 Jahre Ferdinand Porsche: Vom Elektropionier mit Radnabenmotor bis zum VW-Konstrukteur – Innovationen und die Verstrickung ins NS-Regime im Überblick.

Ferdinand Porsche

Ferdinand Porsche entwickelte frühe Elektro- und Hybridantriebe und wurde später zur Schlüsselfigur hinter dem Volkswagen-Projekt.

Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Wer heute Porsche hört, denkt meist an den 911, an SUV-Modelle wie den Cayenne oder an den elektrischen Taycan. Die technische Vorgeschichte dieses Namens beginnt aber nicht mit Sportwagen. Sie beginnt mit Elektrizität, Radnabenmotoren und einem jungen Konstrukteur, der sich viele Grundlagen selbst aneignete.

Ferdinand Porsche wurde am 3. September 1875 in Maffersdorf in Böhmen geboren, dem heutigen Vratislavice nad Nisou in Tschechien. Als Carl Benz 1886 seinen Patent-Motorwagen anmeldete, war Porsche noch zehn Jahre alt. Ein reguläres Studium konnte sich seine Familie nicht leisten. Porsche machte eine Lehre im Betrieb seines Vaters und bildete sich neben der Arbeit technisch weiter.

Schon früh beschäftigte er sich mit elektrischen Anlagen. Mit 13 soll er elektrische Klingeln installiert haben, mit 16 stattete er das Elternhaus mit elektrischer Beleuchtung aus. 1893 ging er nach Wien und begann bei den Vereinigten Elektrizitätswerken Béla Egger & Co. Dort arbeitete er sich in die Elektrotechnik ein. Wenige Jahre später wechselte er zur Wiener Hofwagenfabrik Jacob Lohner & Co.

Dort entstand jener Teil seiner Arbeit, der aus heutiger Sicht besonders modern wirkt.

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Die Porsche-Geschichte beginnt elektrisch

Um 1900 entwickelte Porsche für Lohner ein Elektrofahrzeug mit Radnabenmotoren. Der Antrieb saß direkt in den Vorderrädern. Dadurch entfielen viele mechanische Bauteile, die bei frühen Automobilen üblich waren. Ketten, Wellen und Getriebe spielten bei diesem Konzept eine geringere Rolle. Das Fahrzeug wurde auf der Pariser Weltausstellung 1900 gezeigt und machte Porsche als Konstrukteur bekannt.

Der Radnabenmotor war dabei nicht nur ein einzelnes Bauteil. Zusammen mit Lohner entstand daraus ein modulares Antriebssystem. Es ließ sich in verschiedenen Leistungsstufen denken und sollte für unterschiedliche Fahrzeugtypen nutzbar sein.

Dazu gehörten:

  • Personenwagen
  • Omnibusse
  • schwere Nutzfahrzeuge
  • Rennfahrzeuge
  • Fahrzeuge mit mehreren angetriebenen Rädern

Die Schwäche früher Elektrofahrzeuge blieb allerdings die Reichweite. Bleiakkumulatoren waren schwer, leistungsbegrenzt und auf Ladeinfrastruktur angewiesen, die praktisch nicht existierte. Porsche reagierte darauf mit einem Mischantrieb. Beim Lohner-Porsche Semper Vivus lieferte ein Verbrennungsmotor über einen Generator Strom für die elektrischen Radnabenmotoren. Das Fahrzeug gilt als eines der ersten funktionsfähigen Hybridautomobile der Welt.

1901 folgte mit dem Lohner-Porsche Mixte eine weiterentwickelte Ausführung. Technisch handelte es sich um einen seriellen Hybridantrieb: Der Verbrennungsmotor trieb nicht direkt die Räder an, sondern erzeugte Strom. Die elektrische Maschine übernahm den eigentlichen Antrieb.

Damit arbeitete Porsche an Fragen, die die Autoindustrie mehr als 100 Jahre später wieder beschäftigen sollten: Wie lassen sich Verbrenner, Elektromotor und Energiespeicher sinnvoll kombinieren? Wie lässt sich Antrieb modularer denken? Und wie weit kann man mechanische Komponenten durch elektrische Systeme ersetzen?

Viermotoriges Lohner-Automobil Typ II. Ferdinand Porsche (links).

Vom Elektropionier zum Chefkonstrukteur

1906 wechselte Porsche zu Austro-Daimler. Dort wurde er technischer Direktor und später Generaldirektor. Er entwickelte Personenwagen, Rennwagen und Flugmotoren. 1910 gewann er die Prinz-Heinrich-Fahrt am Steuer eines Austro-Daimler. 1917 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Technischen Hochschule Wien.

Nach Stationen bei Daimler und Steyr gründete Porsche 1931 in Stuttgart sein eigenes Konstruktionsbüro. Dieses Büro war noch kein Sportwagenhersteller im heutigen Sinn. Es arbeitete als Entwicklungsdienstleister für Motoren, Fahrzeuge und andere technische Systeme.

Porsche und sein Team konstruierten in den folgenden Jahren sehr unterschiedliche Fahrzeuge und Komponenten. Für die Auto Union entstand ein Grand-Prix-Rennwagen mit Mittelmotor, der in den 1930er-Jahren zu den prägenden Rennwagen seiner Zeit gehörte. Für Steyr entwickelte Porsche den Typ 30. Auch bei Fahrwerk, Lenkung und Traktion meldete er technische Lösungen zum Patent an.

Zu den wichtigen Arbeitsfeldern gehörten:

  • elektrische Radnabenmotoren
  • frühe Hybridantriebe
  • Rennwagen mit Mittelmotor
  • Drehstabfederungen
  • Lenkungslösungen
  • Konzepte zur Verbesserung der Traktion
  • Fahrzeugarchitekturen für kleine, robuste Pkw

Porsche war also nicht nur Konstrukteur einzelner Fahrzeuge. Er dachte Fahrzeuge als technische Gesamtsysteme. Antrieb, Fahrwerk, Gewicht, Produktion und Einsatzprofil mussten zusammenpassen. Diese Fähigkeit machte ihn für Hersteller und später auch für politische Auftraggeber interessant.

Der Volkswagen und seine vielen Väter

Der bekannteste Auftrag kam 1934. Porsches Büro sollte ein preiswertes Auto für breite Bevölkerungsschichten entwickeln. Daraus entstand der Volkswagen-Prototyp, später KdF-Wagen genannt. Nach dem Krieg wurde daraus der VW Käfer.

Der Satz, Porsche sei der alleinige „Vater des Käfers“, greift jedoch zu kurz. Die Idee eines günstigen, robusten Volkswagens beschäftigte in den 1920er- und 1930er-Jahren mehrere Konstrukteure. Auch technische Vorarbeiten und ähnliche Konzepte anderer Entwickler spielten eine Rolle. Das betrifft unter anderem Fragen der Karosserieform, des Heckmotors, der Luftkühlung und des kompakten Aufbaus.

Porsches Büro bündelte viele dieser Ansätze und entwickelte daraus ein seriennahes Fahrzeug. Der spätere Käfer wurde damit zu einem zentralen Teil der Porsche-Biografie. Aber seine Entstehung war komplexer als die einfache Erzählung vom genialen Einzelkonstrukteur.

Hinzu kommt: Der Volkswagen wurde vor dem Krieg nicht zum zivilen Massenauto. Das NS-Regime bewarb den KdF-Wagen propagandistisch. Hunderttausende Menschen zahlten in ein Sparsystem ein. Ein privates Auto erhielten sie dafür nicht. Mit Kriegsbeginn verschob sich die Produktion in Richtung Militär und Rüstung. Aus dem zivilen Versprechen wurde Kriegsproduktion.

Porsche und das NS-Regime

Ferdinand Porsche war kein unpolitischer Techniker, der nur zufällig in das Machtgefüge des Nationalsozialismus geriet. Er profitierte vom Regime, nahm Aufträge an und bewegte sich in dessen Strukturen. Er trat der NSDAP bei, wurde SS-Oberführer und erhielt hohe Auszeichnungen. Seine Nähe zur politischen Führung verschaffte Einfluss, Ressourcen und Projekte.

Das betrifft besonders den Volkswagen-Komplex. Das Werk wurde unter nationalsozialistischen Bedingungen aufgebaut. Während des Krieges entstanden dort nicht die versprochenen Volksautos, sondern militärische Fahrzeuge und Rüstungsgüter. Dazu gehörten unter anderem Kübelwagen, Schwimmwagen und Teile für die Kriegswirtschaft.

Der schwerste Punkt ist der Einsatz von Zwangsarbeit. Im Volkswagenwerk arbeiteten während des Zweiten Weltkriegs Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge. Diese Menschen waren Teil eines Systems aus Ausbeutung, Gewalt und rassistischer Hierarchie. Die Produktion beruhte nicht nur auf technischer Organisation, sondern auch auf Entrechtung und Zwang.

Auch Porsches eigenes Konstruktionsbüro war in die Kriegswirtschaft eingebunden. Die spätere historische Forschung beschreibt Porsche als Unternehmer, der die politischen Möglichkeiten des Regimes nutzte, um sein Familienunternehmen abzusichern und auszubauen. Ob dies aus ideologischer Überzeugung, wirtschaftlichem Kalkül oder persönlichem Ehrgeiz geschah, ändert nichts am Ergebnis: Seine Karriere war eng mit dem NS-Staat verflochten. Hier endet die Erzählung vom neutralen Ingenieur.

Nachkrieg und Porsche-Mythos

Nach dem Krieg wurde Ferdinand Porsche in Frankreich festgenommen und saß fast zwei Jahre in Haft. 1947 kam er gegen Kaution frei. 1948 wurde er formell freigesprochen. Das ist juristisch wichtig. Historisch erledigt es die Frage nach Verantwortung aber nicht.

Die Sportwagenmarke Porsche entstand erst nach dem Krieg. Sein Sohn Ferry Porsche trieb die Entwicklung des Porsche 356 voran. Dieses Fahrzeug wurde ab 1948 zum Ausgangspunkt der späteren Sportwagenmarke. Ferdinand Porsche blieb für die Familien- und Markengeschichte dennoch die zentrale Gründerfigur, weil sein Konstruktionsbüro von 1931 die Grundlage dafür gelegt hatte.

Damit stehen zwei Linien nebeneinander. Die eine führt zu technischen Innovationen, die den Automobilbau geprägt haben. Die andere führt in eine belastete Geschichte aus NS-Nähe, Kriegswirtschaft und Zwangsarbeit.

Was von Ferdinand Porsche bleibt

Ferdinand Porsche war ein außergewöhnlicher Konstrukteur. Seine Arbeiten an Elektroantrieben, Hybridtechnik, Radnabenmotoren, Rennwagen, Fahrwerken und kompakten Fahrzeugarchitekturen waren für ihre Zeit bemerkenswert. Manche Ideen wirken heute aktueller als lange nach seinem Tod.

Aber technische Leistung hebt historische Verantwortung nicht auf. Porsche war nicht nur ein kreativer Ingenieur. Er war auch ein Unternehmer, der politische Macht nutzte und von einem verbrecherischen System profitierte.

Gerade deshalb ist seine Biografie bis heute relevant. Sie zeigt, dass Technik nie losgelöst von ihren Bedingungen entsteht. Maschinen brauchen Auftraggeber, Rohstoffe, Fabriken, Arbeitskräfte und politische Räume. Wer Technik entwickelt, gestaltet nicht nur Produkte. Er trägt auch Verantwortung für die Systeme, in denen diese Produkte entstehen.

Ferdinand Porsche bleibt deshalb keine einfache Heldengeschichte. Er steht für frühe Elektromobilität, für Renntechnik und für den späteren Volkswagen. Er steht aber auch für die Frage, wie weit Ingenieure gehen, wenn technische Möglichkeiten, wirtschaftliche Interessen und politische Macht zusammenfallen.

Ein Beitrag von:

  • Alexandra Ilina

    Alexandra Ilina ist Diplom-Journalistin (TU-Dortmund) und Diplom-Übersetzerin (SHU Smolensk) mit mehr als 20 Jahren Berufserfahrung im Journalismus, in der Kommunikation und im digitalen Content-Management. Sie schreibt über Karriere und Technik.

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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