Altbergbau trifft Verkehrswende 25.09.2025, 14:00 Uhr

Citybahn Essen: Wie Ingenieur*innen den Altbergbau sichern

Die Citybahn ist das aktuell größte innerstädtische Straßenbahnbauprojekt in Nordrhein-Westfalen und ein Lehrstück dafür, wie Ingenieurtechnik Verkehrswende möglich macht. Bevor neue Schienen rollen, müssen Untergrundrisiken identifiziert, gesichert und dauerhaft bereinigt werden. Genau das passiert jetzt – parallel zur sichtbaren Stadtgestaltung an der Oberfläche.

Konzeptbild des Esseners Hauptbahnhof

Die Citybahn Essen zeigt, wie Ingenieurtechnik Risiken des Altbergbaus identifiziert und für eine sichere Verkehrsinfrastruktur sorgt.

Foto: renderstudios GmbH

Baugrund ist Kohleland

Essen baut auf altem Kohleland – mit Risiken für Setzungen bis hin zu Tagesbrüchen. Der Alltag lautet daher: Bohrerkundungen zur Lokalisierung von Hohlräumen, Injektionsverfüllungen zur Stabilisierung und Kontrollbohrungen.

Die Bergbehörde NRW weist darauf hin, dass vom Altbergbau weiterhin Gefahren ausgehen können. Der Geologische Dienst NRW erklärt zudem, dass vor allem flach verlaufende ehemalige Bergwerksbereiche besonders anfällig für sogenannte Tagesbrüche sind. Genau hier wird die neue Citybahn gebaut. Deshalb gibt es ein spezielles Risikomanagement, das mögliche Risiken erfasst, bewertet und gezielt vorbeugt, um Menschen und Sachwerte zu schützen.

Konkret in Essen: Auf dem Abschnitt Frohnhauser Straße bis Westendhof werden bis März 2026 alte Schächte und Hohlräume gesichert. 800 Tonnen Material wurden bereits in den Untergrund eingebracht. Weitere Sicherungen folgen bis Juli 2026 zwischen Westendhof und Hans-Böckler-Straße. Das ist die Vorleistung, damit die oberirdische Trasse dauerhaft tragfähig bleibt.

Die Stadt hat die Inbetriebnahme daher bewusst gestaffelt, um flexibel auf die geologischen Herausforderungen reagieren zu können: Zunächst startet die Citybahn im Sommer 2026 mit der sogenannte Bahnhofstangente und den Haltestellen Betriebshof Stadtmitte, Hollestraße, Essen Hbf und Hindenburgstraße. Der vollständige Ausbau der Strecke ist bis 2028 geplant.

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Oberflächenbau trifft Untergrund

Zu den Arbeiten an der Untergrundsicherung werden gleichzeitig Gleis- und Oberflächenarbeiten durchgeführt. Es werden provisorische Verkehrsführungen eingerichtet, Ampelanlagen umgerüstet und Versorgungsleitungen neu verlegt. Das geschieht alles in engem zeitlichem Zusammenhang, damit die Straßenoberfläche möglichst nur einmal geöffnet werden muss

Zusätzlich verknüpft Essen Ingenieurtechnik mit klimaangepasster Stadtgestaltung: Entlang der Strecke werden Rasengleise, Grünstreifen und spezielle Rigolensysteme eingebaut, die Regenwasser speichern, die Bäume mit Feuchtigkeit versorgen und Hitzelasten mindern. Vor der historischen Zeche Amalie wird ein moderner Shared-Space-Bereich angelegt, der Fußgänger, Radfahrer und den ÖPNV gleichberechtigt integriert.

Straßenbahn als Weichenstellung

Auf der oberirdischen Strecke entstehen elf neue Haltestellen, die das wachsende Stadtviertel Essen 51 erstmals direkt mit der Innenstadt verbinden. Die Fahrzeit beträgt dabei nur 8,5 Minuten. Damit setzt Essen einen langen diskutierten Punkt des städtischen Nahverkehrsplans um – eine durchgehende Strecke zwischen Ost und West bis nach Essen-Steele. Die Gesamtkosten von rund 180 Millionen Euro werden überwiegend von Bund und Land getragen.

Mobilitätswende für das Klima

Die neue Linie soll das bereits bestehende Straßenbahnnetz entlasten, die Tunnel freihalten und vor allem den Autoverkehr reduzieren. Jede Bahn bietet dabei Platz für rund 200 Fahrgäste und kann so jährlich bis zu 1300 Tonnen CO₂ einsparen.

Martin Harter, Vorstand für Stadtplanung und Bauen, betont: „Die Citybahn ist ein entscheidender Schritt für die Verkehrswende in Essen. Sie schafft Kapazitäten im bestehenden Netz und erleichtert den Umstieg auf den ÖPNV.“

Comeback der Tram

Die Region hat Nachholbedarf: Laut Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) ist der Straßenbahn-Anteil im Ruhrgebiet seit Jahren rückläufig. Mit der Citybahn sendet Essen ein Signal, dass die Verkehrswende auch im Revier möglich ist.

Gleichzeitig unterscheidet sich das Projekt von Neubauten in Düsseldorf oder Köln: Dort liegt der Fokus oft auf U-Bahn-Tunneln, während Essen bewusst auf eine oberirdische, stadtbildprägende Lösung setzt – kostengünstiger, schneller umsetzbar und sichtbarer für die Bürgerinnen und Bürger.

Auch die Barrierefreiheit wurde konsequent mitgeplant: breite Bahnsteige, leichter Einstieg und moderne Haltestellen sollen allen Nutzergruppen den Zugang erleichtern.

Ein Beitrag von:

  • Tim Stockhausen

    Tim Stockhausen ist Volontär beim VDI Verlag. 2024 schloss er sein Studium der visuellen Technikkommunikation an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg ab. Seine journalistischen Interessen gelten insbesondere Künstlicher Intelligenz, Mobilität, Raumfahrt und digitalen Welten.

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