Mit Wasserstoff über den Subkontinent 22.01.2026, 12:00 Uhr

3100 PS: Indien kündigt stärksten Wasserstoff-Zug der Welt an

Indien plant die mit 3100 PS leistungsstärkste Wasserstoff-Lok der Welt. Doch noch sind zentrale technische Fragen offen.

Menschenmenge an einem gelben Nahverkehrszug in Mumbai, Indien

Nahverkehrszug in Mumbai: Indien will bis 2030 klimaneutral auf der Schiene fahren. Dabei setzt es stark auf Wasserstoff.

Foto: picture alliance / Sipa USA | Hindustan Times / Bhushan Koyande

Hierzulande wird das Thema Wasserstoff-Züge kontrovers diskutiert. Hintergrund sind zum Beispiel Schwierigkeiten in der Versorgung und beim Betrieb wie bei der Heidekrautbahn – Ingenieur.de hatte über „Das Drama mit den Wasserstoffzügen“ berichtet.

Doch in Indien steht man der Technologie sehr wohlwollend gegenüber: Das zeigt ein Auftrag des staatlichen Energiekonzerns NTPC an den Elektronikhersteller Concord Control Systems über rund 5 Mio. €. Das Ziel: Eine konventionelle Diesel-Lokomotive soll auf Wasserstoff-Brennstoffzellen-Antrieb mit 3100 PS (2,3 MW) umgerüstet werden. Laut Concord wäre das die leistungsstärkste Wasserstoff-Lokomotive weltweit.

Der bisherige Benchmark liegt bei etwa 1600 PS. Diesen Wert erreicht etwa der Coradia iLint von Alstom, der seit 2022 im regulären Fahrgastbetrieb in Niedersachsen fährt. Das indische Projekt würde diese Leistung fast verdoppeln. Die Ankündigung lässt aufhorchen, steht sie doch im größeren Kontext einer breiteren Wasserstoff-Offensive Indiens und dem auch in Deutschland wachsenden Interesse an Wasserstoff aus Indien.

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Umrüstung statt Neubau

Das Projekt will Concords Tochtergesellschaft Advance Rail Controls in Zusammenarbeit mit Railway Engineering Works umsetzen, wie das Unternehmen am 16. Januar mitteilte. Innerhalb von 18 Monaten soll die umgerüstete Lokomotive am NTPC-Kraftwerksstandort Sipat im Bundesstaat Chhattisgarh in Betrieb gehen.

Laut dem Fachportal Mercom India, das die Börsen-Disclosure ausgewertet hat, umfasst der Auftrag das komplette Leistungsspektrum:

  • Grundlagendesign für die Umrüstung einer bestehenden Lokomotive oder alternativ eine Neukonstruktion,
  • Detail-Engineering,
  • Beschaffung,
  • Fertigung,
  • Transport,
  • Inbetriebnahme,
  • Leistungstests
  • sowie einen 20-jährigen Wartungs- und Betriebsvertrag.

Das erklärt, warum der Auftragswert mit rund 5 Mio. € vergleichsweise niedrig ausfällt: Die eigentliche Wertschöpfung kommt aus dem langjährigen Service.

Kommerzieller Wasserstoff-Zug

Anders als viele Wasserstoff-Pilotprojekte weltweit handele es sich nicht um einen Laborprototyp, betont Concord in seiner Pressemitteilung. Das System sei für den kommerziellen Güterverkehr konzipiert und solle die Praxistauglichkeit von Wasserstoff im schweren Schienentransport demonstrieren.

„Wir sind stolz darauf, das weltweit erste Wasserstoff-Lokomotiven-Antriebssystem mit 3.100 PS für NTPC zu entwickeln“, sagte Gaurav Lath, einer der beiden geschäftsführenden Direktoren von Concord. Das Unternehmen wolle Antriebssysteme liefern, „die den globalen Weg zu null Emissionen voranbringen“.

Teil der indischen Wasserstoff-Strategie

Als Indiens größter Energieversorger ist NTPC maßgeblich an der Umsetzung der indischen Wasserstoffstrategie beteiligt. Das Unternehmen sieht in dem Lokomotiven-Projekt eine Blaupause für die Machbarkeit von Wasserstoff im Schwerlastverkehr. „Dieses Projekt wird auch das Problem des Wasserstoff-Abnehmerdefizits lösen“, so Ritwick Ghosh von NTPC laut dem Fachportal SolarQuarter. Damit spielt er auf die Herausforderung an, dass die geplanten Wasserstoff-Produktionskapazitäten in Indien bislang wenige Großabnehmer haben.

Das Vorhaben fügt sich in das Ziel der Indian Railways ein, bis 2030 klimaneutral zu werden, vier Jahrzehnte vor Indiens nationalem Klimaziel für 2070. Der indische Eisenbahnminister Ashwini Vaishnaw unterstützt das Projekt laut Concord.

Indien setzt auf Wasserstoff-Züge

Indien arbeitet bereits an weiteren Wasserstoff-Bahnprojekten. Im Rahmen der staatlichen Initative „Hydrogen for Heritage“, die Eisenbahnminister Vaishnaw im Februar 2023 ankündigte, sollen 35 Wasserstoffzüge auf historischen Strecken und Bergbahnen fahren. Laut der indischen Investitionsagentur Invest India kostet jeder Zug umgerechnet rund 8,6 Mio. €, hinzu kommen etwa 7,5 Mio. € für die Bodeninfrastruktur pro Strecke.

Ein Pilotprojekt auf der Strecke Jind–Sonipat im Bundesstaat Haryana soll einen 1200-kW-Dieseltriebzug (DEMU) auf Brennstoffzellenantrieb umrüsten. Die Wasserstoff-Produktions- und Tankanlage in Jind wird laut Invest India mit einem 1-MW-PEM-Elektrolyseur ausgestattet, der täglich rund 430 kg Wasserstoff produzieren soll. Die Anlage umfasst zudem einen 3000-kg-Speicher und Hochdruckkompressoren für schnelles Betanken.

Wie sieht es mit der technischen Machbarkeit aus?

Die Ziele sind so mutig wie klar, doch noch sind wichtige technische Fragen offen. Weder Concord noch NTPC haben bislang Details zur Brennstoffzellen-Technologie, zum Wasserstoffspeichersystem oder zu möglichen Batterie-Hybridkomponenten veröffentlicht. In der Pressemitteilung ist von einer „hydrogen and battery-powered locomotive“ die Rede, ohne die Architektur zu spezifizieren.

Unklar ist auch, wie der Sprung von 1600 PS auf 3100 PS technisch realisiert werden soll. Für eine solche Leistung wären erheblich größere Brennstoffzellen-Stacks und Wasserstofftanks nötig als bei bisherigen Projekten. Das wäre angesichts der begrenzten Platzverhältnisse auf einer Lokomotive durchaus herausfordernd.

Concord selbst ist als RDSO-zertifizierter Zulieferer für Elektronik und Steuerungssysteme im indischen Bahnsektor etabliert, hat aber keine bekannte Erfahrung mit Brennstoffzellen-Antrieben. Wer die Brennstoffzellen liefern soll, ist nicht bekannt.
Ob Indien mit diesem Projekt tatsächlich zum „globalen Technologieführer“ im emissionsfreien Schwerlast-Schienenverkehr wird, wie Concord formuliert, muss sich daher noch zeigen. Klar ist: Das Interesse an Wasserstoff ist in Indien auch auf der obersten Ebene ungebrochen – und das sogar im Schienenverkehr.

Ein Beitrag von:

  • Magnus Schwarz

    Magnus Schwarz schreibt zu den Themen Wasserstoff, Energie und Industrie. Nach dem Studium in Aachen absolvierte er ein Volontariat und war mehrere Jahre als Fachredakteur in der Energiebranche tätig. Seit Oktober 2025 ist er beim VDI Verlag.

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