Katastrophenhilfe 07.09.2012, 11:00 Uhr

TUIS hilft nach Chemieunfall

Um nach Chemieunfällen die meist komplexen Schadenslagen schnell unter Kontrolle zu bekommen, ist Know-how und oft auch Spezialgerät nötig. Hilfe leistet das Transport-Unfall-Informations- und Hilfeleistungssystem (TUIS) der chemischen Industrie.

TUIS: Schnellere Hilfe bei Chemieunfällen.

TUIS: Schnellere Hilfe bei Chemieunfällen.

Foto: Vodafone

Katastrophenalarm im oberfränkischen Michelau: Am Morgen des 14. März stand die Lagerhalle eines Betriebs für Industriebeschichtungen in Flammen. Nach einer Verpuffung hatte sich Kunststoffgranulat entzündet, ätzende Substanzen, darunter Schwefelsäure und Natronlauge, waren ausgetreten. Durch den Brand war zudem die Abwasserbehandlungsanlage in Mitleidenschaft gezogen worden und mit Chemikalien verunreinigtes Löschwasser in einen Entwässerungsgraben und in die Kanalisation gelangt.

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Bei Transportunfällen mit chemischen Produkten, bei Unfällen mit gelagerten Chemikalien und in akuten Gefahrensituationen können Feuerwehr, Polizei, THW und andere Gefahrenabwehrkräfte rund um die Uhr Hilfe anfordern: telefonische Beratung durch Chemiker, Toxikologen, Ökologen und Experten aus der Produktion, entsprechende Beratung direkt an der Unfallstelle sowie technische Hilfe mit Spezialgeräten.

Deutschlandweit gehören 130 Werkfeuerwehren von Chemieunternehmen zum TUIS-Netzwerk. 2011 verzeichnete TUIS 1144 Einsätze, teilte Rolf Haselhorst, Vorsitzender des TUIS-Arbeitskreises im Verband der Chemischen Industrie (VCI) und hauptberuflich Leiter der BASF-Werksfeuerwehr Ludwigshafen, kürzlich bei der Vorstellung des Jahresberichts 2011 in Antwerpen mit.

TUIS-Experten sind besonders als Berater gefragt

Vor allem öffentliche Feuerwehren hätten sich 2011 an TUIS gewandt. Am häufigsten sei telefonische Beratung in Anspruch genommen worden, im Vergleich zum Vorjahr ein Zuwachs um 8 %. „Nahezu konstant“ geblieben, wenn auch auf hohem Niveau, sei die Zahl der Beratungen vor Ort. Technische Hilfe sei im vergangenen Jahr 176 Mal und damit deutlich häufiger angefordert worden als 2010.

Kaum Veränderungen habe es bei der Art der Hilfeleistung gegeben: „Bei jedem dritten Einsatz haben die Chemie-Werkfeuerwehren eine Flüssigkeit umgepumpt, bei jedem vierten eine Leckage abgedichtet oder ein Produkt übernommen. Bei den restlichen Einsätzen befassten wir uns mit der fachgerechten Entsorgung der Produkte.“

TUIS-Einsätze am “Unfallort Straße” nehmen zu

Innerhalb der drei Hilfeleistungsstufen zeigten sich „durchaus unterschiedliche Tendenzen“, stellte Haselhorst fest. „Die telefonische Beratung galt 2011 deutlich stärker den Unfällen bei der Lagerung von Chemikalien als im Vorjahr.“ Auch bei der Beratung vor Ort sei ein deutlicher Anstieg für den Unfallort „Lager“ bzw. „Anlage“ zu verzeichnen, ein deutlicher Rückgang dagegen beim Unfallort „Straße“. In der Fallgruppe „technische Hilfeleistung“ verhalte es sich genau umgekehrt: Hier gingen die Einsätze bei Unfällen in Lagern und Anlagen zurück, am Unfallort „Straße“ stiegen sie.

Erforderlich wurden die Einsätze zu 60 % durch Verkehrsunfälle (2010: 37 %). Die meisten TUIS-Einsätze fanden, wie schon in den Vorjahren, wieder in Nordrhein-Westfalen statt: 558 wurden dort gezählt. In Rheinland-Pfalz waren es 304 und in Hessen 102. „Dies spiegelt nach unserer Einschätzung auch die tatsächlichen Verkehrsströme bei Gefahrguttransporten wider“, so Haselhorst.

Chemikalien gehören – neben Mineralöl – zu den Wirtschaftsgütern, die täglich in großen Mengen auf Straße, Schiene oder Wasserwegen befördert werden. Als Vor-, Zwischen- oder Endprodukte spielen sie in vielen Industriezweigen eine wichtige Rolle. Das bedeutet, dass nicht nur die Chemieunternehmen selbst, sondern auch andere Branchen und Handelsunternehmen chemische Erzeugnisse verfrachten.

Dem Statistischen Bundesamt zufolge wurden 2009 in Deutschland 3,6 Mrd. t Güter transportiert. Rund 371 Mio. t, also mehr als 10 % davon, waren Chemikalien. Bei etwa 40 % handelte es sich um Gefahrgüter. Deren Transport findet verstärkt über Ländergrenzen hinweg statt. „Gefahrguttransporte sind Begleiterscheinungen des internationalen Wirtschaftslebens“, weiß Haselhorst, deshalb sei Sicherheit zu einer grenzüberschreitenden Aufgabe geworden.

„Sie ist nicht nur für die Unternehmen der deutschen chemischen Industrie, sondern für die gesamte Branche von höchster Bedeutung“, unterstreicht Monika von Zedlitz, Pressesprecherin des VCI. „Die Produktverantwortung endet nicht am Werkstor.“

ICE: Europäisches Netzwerk nach dem Vorbild von TUIS

Sicherheit steht zusammen mit Gesundheit und Umweltschutz im Mittelpunkt der Initiative „Responsible Care“, einer weltweit angelegten Selbstverpflichtung der Chemischen Industrie. Auf europäischer Ebene wurde nach dem Vorbild von TUIS ein Hilfeleistungsnetzwerk der Chemie-Werkfeuerwehren geknüpft. Es heißt „Intervention in Chemical Transport Emergencies“ (ICE). Ihm gehören 17 Länder an. Als nationales ICE-Center fungiert die Leitstelle der BASF-Werkfeuerwehr in Ludwigshafen.

Beim Brand in Michelau wurde per Polizeihubschrauber ein Experte der Werkfeuerwehr aus etwa 300 km Entfernung eingeflogen. Er beriet die Kollegen über richtige Schutzkleidung und das weitere Vorgehen beim kontaminierten Löschwasser und den in der Halle verbliebenen Chemikalien. Das Löschwasser wurde mit Dichtkissen vor der Kanalisation aufgefangen und in einem Regenüberlaufbecken zwischengelagert. Um die verformten und beschädigten Chemikalienfässer in der einsturzgefährdeten Halle zu sichern, bedurfte es technischer Hilfe. Eine TUIS-Werkfeuerwehr aus Frankfurt rückte dafür mit einem Gefahrgutzug an.

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