Umwelt 22.10.2010, 19:49 Uhr

Russische Lieferanten setzen weiterhin auf Weißasbest

Russland will weiter Asbest abbauen, einsetzen und ausführen. Die Gesundheit der Arbeiter scheint dabei für die Baugewerkschaft eine untergeordnete Rolle zu spielen.

Das Asbestverbot gilt in 52 Staaten. Doch weiterhin werden jährlich rund 2 Mio. t Asbest abgebaut. Das preisgünstige, aber als krebserregend erachtete Silikatmineral wird in Asien, Lateinamerika und Afrika in Bodenbelägen, Dichtungen, Brems- und Kupplungsbeläge sowie in Platten, Rohren, Wellplatten und Lüftungsleitungen aus Asbestzement eingesetzt.

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Weltweit wichtigster Asbestlieferant ist Russland. Jedes Jahr werden in Minen im Ural oder bei Ak-Dowurak im südlichen Sibirien rund 1 Mio. t Weißasbest (Chrysotil) aus der Erde geholt. Ein Teil davon wird in russischen Fabriken, Wohnhäusern, Krankenhäusern, Schulen oder Kindergärten verbaut – ein Großteil wird jedoch ausgeführt.

„Arbeitsschutz ist in der russischen Bauindustrie ein Fremdwort“, erklärte Alexandra Caterbow von der Umwelt- und Verbraucherorganisation WECF (Women in Europe for a Common Future) anlässlich einer Konferenz am 14. und 15. Oktober in Moskau. Einfache Arbeitsschutzmaßnahmen wie Mundschutz seien die Ausnahme. „Niemand klärt die Menschen über die Gefahren durch Asbest auf“, ergänzte Olga Speranskaya vom russischen Umweltverband Eco-Accord. Erfasst werde zudem nicht, wie viele Arbeiter eigentlich an Asbestose, Lungen-, Kehlkopf- oder Lungenfellkrebs erkranken und sterben.

Eco-Accord und WECF hatten die internationale Konferenz organisiert. Mehr als 60 Fachleute aus Russland und Deutschland sowie von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Internationalen Arbeiterorganisation (ILO) diskutierten dabei zwei Tage lang über gefährliche Chemikalien. Sie forderten Russland in einer Resolution auf, sicher mit Asbest umzugehen und dem Rotterdamer Übereinkommen beizutreten. Das Rotterdamer Übereinkommen ist eine Chemikalienkonvention der Vereinten Nationen (UN). Es regelt den Handel mit 29 Pestiziden wie DDT und Lindan sowie mit elf Industriechemikalien zwischen den 139 Ländern, die der Konvention bereits zugestimmt haben.

Auch Weißasbest könnte bald vom Übereinkommen erfasst werden. Die große Mehrheit der Vertragsstaaten – auch Deutschland – spricht sich dafür aus. Alexander Nies, Chemikalienexperte aus dem Bundesumweltministerium, hält das für wichtig. „Exporteure müssen dann über Gefahren und Risikominderungsmaßnahmen informieren.“ Bislang erfasst das Übereinkommen nur fünf wirtschaftlich unbedeutendere Asbestformen wie Blauasbest (Krokydolith) und Braunasbest (Grunerit).

Es sei unnötig, Weißasbest in das Übereinkommen aufzunehmen, widersprach Andrey Kholzakov von der russischen Baugewerkschaft und Vorsitzender der internationalen Gewerkschaftsallianz Chrysotil. Diese vertritt Gewerkschaften etwa aus Russland, Kanada, Kasachstan und Brasilien, die sich gegen ein Asbestverbot wehren. Der Erhalt der Arbeitsplätze sei sehr wichtig und dürfe nicht unbewiesenen Behauptungen über mögliche Gefahren für die Gesundheit geopfert werden, betonte Kholzakov.

Dass sich die Baugewerkschaft nicht für Arbeitsschutz wie in Westeuropa einsetzt, wunderte Caterbow nicht. Ihnen sei der Arbeitsplatzerhalt wichtiger als Gefahren für die Gesundheit zu vermeiden. „Sie ist gleichgeschaltet und tritt für den Profit der Asbestproduzenten ein“, so Caterbow.

Aber es gebe Hoffnung, meinte Speranskaya. Vertreter des russischen Gesundheits- und des Umweltministeriums hätten die Resolution angenommen. Im September habe zudem in Moskau die Regionalkonferenz der WHO-Region Europa stattgefunden, bei der alle europäischen Staaten inklusive Russland beschlossen hätten, Programme aufzustellen, um die Zahl asbestbezogener Krankheiten letztlich auf Null zu senken. RALPH AHRENS

Ein Beitrag von:

  • Ralph H. Ahrens

    Chefredakteur des UmweltMagazins der VDI Fachmediengruppe. Der promovierte Chemiker arbeitete u.a. beim Freiburger Regionalradio. Er absolvierte eine Weiterbildung zum „Fachjournalisten für Umweltfragen“ und arbeitete bis 2019 freiberuflich für dieverse Printmedien, u.a. VDI nachrichten. Seine Themenschwerpunkte sind Chemikalien-, Industrie- und Klimapolitik auf deutscher, EU- und internationaler Ebene.

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