Hessen macht Hochwassersperre zur Trinkwasserquelle, so soll es funktionieren
Die Kinzigtalsperre soll erstmals auch Trinkwasser liefern. Geplant sind 9 Mio. m³ pro Jahr, ein neues Wasserwerk und eine 8 km lange Leitung.
Die Kinzigtalsperre fasst 7,2 Mio. m³, soll aber jährlich 9 Mio. m³ Trinkwasser liefern. So funktioniert das geplante Projekt.
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Die Kinzigtalsperre im Main-Kinzig-Kreis soll künftig eine zusätzliche Aufgabe übernehmen. Neben Hochwasserschutz und der Stützung der Kinzig bei niedrigen Wasserständen soll sie Rohwasser für die Trinkwasserversorgung liefern. Bis zu 9 Mio. m³ pro Jahr will der Wasserverband Kinzig dafür aufbereiten. Nach Angaben des Verbands wäre eine solche Nutzung einer Hochwasserschutzanlage in dieser Größenordnung in Hessen neu.
Dafür soll unmittelbar an der Talsperre ein neues Oberflächenwasserwerk entstehen. Von dort führt eine rund 8 km lange Trinkwasserleitung zum bestehenden Wasserwerk in Wächtersbach-Neudorf. Für Wasserwerk und Leitung werden zusammen etwa 70 Mio. € veranschlagt.
Aktuell steckt das Projekt noch im Genehmigungsverfahren. Rund 1.400 Seiten Unterlagen hat das Regierungspräsidium Darmstadt bereits geprüft und mit Anmerkungen an den Wasserverband zurückgegeben. Noch 2026 soll der vollständige Antrag eingereicht werden. Läuft das Verfahren nach Plan, könnte das Wasserwerk Ende 2031 in Betrieb gehen.
Inhaltsverzeichnis
- 9 Mio. m³ Trinkwasser aus 7,2 Mio. m³ Stauraum
- Hochwasserschutz und Mindestwasserführung bleiben bestehen
- In der nassen Jahreszeit soll weniger Grundwasser gefördert werden
- Ultrafiltration macht aus Stauseewasser Trinkwasser
- 8 km Leitung bis Wächtersbach-Neudorf
- Frankfurt hält fast 78 % am Wasserverband
- 1400 Seiten für das Genehmigungsverfahren
- Parallel wird der Staudamm saniert
9 Mio. m³ Trinkwasser aus 7,2 Mio. m³ Stauraum
Die beiden Zahlen fallen auf: Die Kinzigtalsperre kann maximal rund 7,2 Mio. m³ Wasser speichern. Das geplante Werk soll trotzdem bis zu 9 Mio. m³ pro Jahr aufbereiten.
Dahinter steckt kein Widerspruch. Die 7,2 Mio. m³ beschreiben das maximale Fassungsvermögen zu einem bestimmten Zeitpunkt. Die 9 Mio. m³ sind dagegen eine Jahresmenge. Über die Kinzig strömt laufend neues Wasser in den Speicher.
Wie viel davon tatsächlich für die Trinkwassergewinnung genutzt werden kann, hängt deshalb nicht allein vom Füllstand ab. Im Genehmigungsverfahren wird unter anderem geprüft, wie viel Rohwasser auch in Trockenperioden verfügbar ist.
Hochwasserschutz und Mindestwasserführung bleiben bestehen
Die Kinzigtalsperre wird seit 1988 betrieben. Sie hält bei hohen Abflüssen Wasser zurück und dient zugleich dazu, die Mindestwasserführung der Kinzig zu sichern. Die geplante Rohwasserentnahme kommt als zusätzliche Nutzung hinzu.
Gerade bei Trockenheit können sich die verschiedenen Anforderungen berühren. Zusätzliche Entnahmen bei niedrigen Abflüssen könnten die Wasserführung unterhalb der Talsperre weiter verringern. Zu den möglichen Auswirkungen zählen Veränderungen von Wassertemperatur, Fließgeschwindigkeit und Lebensräumen im Gewässer.
Deshalb soll die mögliche Trinkwassermenge nicht unabhängig von der jeweiligen wasserwirtschaftlichen Situation feststehen. Die Verfügbarkeit des Rohwassers ist Teil der laufenden Genehmigungsprüfung.
Wie stark steigende Temperaturen und veränderte Niederschläge die Wasserqualität in Speichern verändern können, zeigt auch der ingenieur.de-Beitrag „Forscher warnen: Klima verändert das Trinkwasser in Stauseen“. Dabei geht es unter anderem um Temperatur, Sauerstoffgehalt und die Folgen für die Aufbereitung.
In der nassen Jahreszeit soll weniger Grundwasser gefördert werden
Das Oberflächenwasser soll die vorhandene Grundwassergewinnung nicht ersetzen. Vor allem in der kalten und nassen Jahreszeit will der Wasserverband verstärkt Talsperrenwasser nutzen. Dann könnte die Förderung aus den Brunnen reduziert werden. Der Verband betreibt derzeit zehn Brunnen mit einer genehmigten Fördermenge von maximal 4,55 Mio. m³ pro Jahr.
Grundwasser bleibt trotzdem Bestandteil des Versorgungssystems. Oberflächenwasser reagiert stärker auf Temperatur, Niederschläge und andere Umwelteinflüsse. Im bestehenden Wasserwerk in Wächtersbach-Neudorf soll das aufbereitete Talsperrenwasser mit aufbereitetem Brunnenwasser zusammengeführt werden.
Ultrafiltration macht aus Stauseewasser Trinkwasser
Bevor Wasser aus der Talsperre ins Trinkwassernetz gelangt, muss es aufbereitet werden. Der Wasserverband setzt dabei auf ein mehrstufiges Verfahren mit Ultrafiltration. Bei der Ultrafiltration strömt das Wasser durch sehr feinporige Membranen. Sie halten unter anderem Partikel und Mikroorganismen zurück.
Dass sich das Wasser der Kinzigtalsperre grundsätzlich aufbereiten lässt, wurde bereits getestet. Pilotversuche in den Jahren 2020 und 2021 bestätigten nach Angaben des Wasserverbands sowohl die erreichbare Trinkwasserqualität als auch die vorgesehene Aufbereitungsleistung.
Wie aufwendig neue Wasserinfrastruktur für Oberflächenwasser werden kann, zeigt auch ein Projekt in Dresden. Dort soll ein neues Flusswasserwerk Elbwasser für die wachsende Halbleiterindustrie aufbereiten. ingenieur.de hat dazu im Beitrag „Warum Dresdens neue Chipfabriken ein eigenes Wassersystem brauchen“ die geplante Wasserinfrastruktur beschrieben.
8 km Leitung bis Wächtersbach-Neudorf
Das aufbereitete Wasser soll nicht direkt an der Talsperre ins überregionale Versorgungsnetz gehen. Vom neuen Werk führt deshalb eine rund 8 km lange Leitung nach Wächtersbach-Neudorf.
Für die Trasse müssen zahlreiche private Grundstücke gequert werden. Der Wasserverband spricht von rund 100 Eigentümern beziehungsweise Eigentümergemeinschaften und etwa 230 betroffenen Flurstücken. In Neudorf wird das Talsperrenwasser in die bestehende Infrastruktur eingebunden.
Frankfurt hält fast 78 % am Wasserverband
Obwohl die Kinzigtalsperre im Main-Kinzig-Kreis liegt, hat das Projekt große Bedeutung für Frankfurt. Die Stadt Frankfurt hält 77,9 % am Wasserverband Kinzig. Weitere 11,8 % entfallen auf Hanau und 10,3 % auf den Main-Kinzig-Kreis.
Dabei soll nicht das gesamte Wasser nach Frankfurt fließen. Nach Angaben des Wasserverbands bleibt etwa die Hälfte der geplanten Aufbereitungsmenge im Main-Kinzig-Kreis beziehungsweise in Hanau.
Die Größenordnung ist dennoch relevant: Frankfurt benötigt nach aktuellen Angaben rund 50 Mio. m³ Trinkwasser pro Jahr. Die maximal 9 Mio. m³ aus der Kinzigtalsperre könnten damit einen zusätzlichen Baustein im regionalen Versorgungssystem bilden.
1400 Seiten für das Genehmigungsverfahren
Im Juli 2025 legte der Wasserverband dem Regierungspräsidium Darmstadt rund 1400 Seiten Planungsunterlagen zur Vollständigkeitsprüfung vor. Die Unterlagen behandeln unter anderem Rohwasserverfügbarkeit und -qualität, Natur- und Gewässerschutz sowie ein Risikomanagement für Extremwetter und Unfälle mit wassergefährdenden Stoffen.
Das Regierungspräsidium hat die Unterlagen inzwischen geprüft und kommentiert. Der Verband arbeitet die Hinweise derzeit ein. Noch 2026 soll der vollständige Genehmigungsantrag einschließlich eines aktualisierten Wasserbedarfsnachweises folgen.
Der Zeitplan hat sich gegenüber früheren Angaben deutlich verschoben. 2025 ging der Wasserverband noch von einer möglichen Inbetriebnahme 2028 beziehungsweise 2028/29 aus. Nach dem aktuellen Stand ist Ende 2031 vorgesehen.
Parallel wird der Staudamm saniert
Unabhängig vom geplanten Wasserwerk laufen derzeit Arbeiten an der bestehenden Talsperre. Der Wasserverband erneuert die südliche Asphaltdichtung des Staudamms. Dafür wurde der Wasserspiegel planmäßig abgesenkt. Der derzeit niedrige Pegel ist laut Verband daher nicht in erster Linie Folge der Trockenheit.
Die Arbeiten sollen bis Ende Oktober 2026 laufen und kosten rund 3 Mio. €. Hochwasserschutz und Niedrigwasseraufhöhung sollen während der Sanierung erhalten bleiben.
Quellen
-
Wasserverband Kinzig:
Neues Wasserwerk auf der Zielgeraden
– Projektbeschreibung zum geplanten Oberflächenwasserwerk mit Angaben zu 9 Mio. m³/Jahr, rund 70 Mio. € Investition, Ultrafiltration und Verbandsanteilen. -
Wasserverband Kinzig:
Acht Kilometer neue Wasserleitung verbinden Stausee mit Neudorf
– Projektinformationen zur geplanten Trinkwasserleitung nach Wächtersbach-Neudorf. -
Wasserverband Kinzig:
Kinzigtalsperre
– Technische Daten zur Talsperre mit Angaben zu Fassungsvermögen, Hochwasserschutz und Mindestwasserführung. -
Wasserverband Kinzig:
Kinzigtalsperre: Staudammweg vollständig gesperrt
– aktuelle Sanierung der Asphaltdichtung und planmäßige Absenkung des Wasserstands. -
Die Zeit / dpa:
Wasser aus Talsperre für Rhein-Main: Plan nimmt Gestalt an
– aktueller Genehmigungsstand vom 25. August 2026 mit rund 1400 Seiten Unterlagen und geplantem Betriebsstart Ende 2031.
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