Deutschlands Grundwasser fällt und Sommerregen lösen das Problem nicht
Eine neue Studie mit 5844 Messstellen zeigt, warum manche Grundwasserspeicher Trockenheit schnell überwinden und andere jahrelang leiden.
Grüne Vegetation auf der einen, ausgedörrte Landschaft auf der anderen Seite: Dürre verändert nicht nur die Oberfläche, sondern kann im Grundwasser noch Jahre nachwirken.
Foto: Smarterpix / kevron2002
Deutschland ist mit einem Niederschlagsdefizit in den Sommer gestartet. Im Frühjahr 2026 fielen bundesweit nur rund 70 % der im langjährigen Mittel üblichen Niederschlagsmenge. Regen im April und Mai durchfeuchtete zwar regional den Oberboden. In tieferen Bodenschichten blieb die Trockenheit jedoch vielerorts bestehen, besonders im Süden Deutschlands.
Was das für das Grundwasser bedeutet, lässt sich daraus nicht unmittelbar ablesen. Der Dürremonitor des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung erfasst die Bodenfeuchte, nicht die Pegel tief liegender Grundwasserleiter. Zwischen Regen an der Oberfläche und einer messbaren Reaktion im Untergrund können Monate vergehen.
Wie groß diese Verzögerung ausfallen kann, zeigt eine neue bundesweite Untersuchung der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). Das Ergebnis: Schnell reagierende Grundwassersysteme erholen sich nach einer Trockenphase häufig innerhalb weniger Monate. In trägen Systemen können niedrige Pegel dagegen über Jahre bestehen bleiben.
Inhaltsverzeichnis
- Studie wertet 5844 Grundwassermessstellen aus
- 60 % der trägen Systeme blieben fünf Jahre auf niedrigem Niveau
- Warum Regen nicht sofort im Grundwasser ankommt
- Der wichtigste Zeitraum liegt im Winter
- Starkregen ist nicht grundsätzlich nutzlos
- An 43 % der Messstellen veränderte sich der Pegel langfristig
- Forschende sehen Klima als dominierenden großräumigen Einfluss
- Niedrige Pegel treffen nicht nur die Trinkwasserversorgung
- KI soll Grundwasserstände bis 2100 vorausberechnen
Studie wertet 5844 Grundwassermessstellen aus
Für die Untersuchung analysierten Forschende der BGR und der zuständigen Landesbehörden die Zeitreihen von 5844 Messstellen. Die langfristigen Trends wurden für den klimatologischen Referenzzeitraum von 1991 bis 2020 berechnet. Zusätzlich betrachtete das Team die Entwicklung während der außergewöhnlichen Trockenperiode von 2018 bis Ende 2024.
Die Studie ist damit keine Echtzeitbilanz der Grundwasserstände im Juli 2026. Sie zeigt jedoch, wie verschiedene Grundwassersysteme auf längere Trockenphasen reagieren und weshalb sich ihre Pegel unterschiedlich schnell erholen.
Dabei unterschieden die Forschenden vier Dynamikklassen. Grundlage war nicht allein die Geologie oder die Tiefe einer Messstelle. Untersucht wurde vielmehr, wie lange Veränderungen in einer Grundwasserganglinie fortwirken und wie stark kurzfristige Wetterschwankungen gedämpft werden.
| Dynamikklasse | Zahl der Messstellen | Typisches Verhalten | Mediane Dauer einer Niedrigstandsphase |
| sehr schnell reagierend | 579 | reagiert deutlich auf einzelne Wetterereignisse | 2,2 Monate |
| saisonal geprägt | 2215 | ausgeprägter Jahresgang, verzögerte Reaktion | 3,0 Monate |
| gedämpft reagierend | 2027 | wird vor allem durch längere Witterungsphasen beeinflusst | 4,6 Monate |
| langfristig träge | 1023 | reagiert stark verzögert, Veränderungen wirken lange nach | 9,8 Monate |
Die Klassen zeigen einen klaren Zusammenhang: Je stärker ein Grundwassersystem kurzfristige Schwankungen abpuffert, desto länger können sich einmal entstandene Niedrigstände halten.
60 % der trägen Systeme blieben fünf Jahre auf niedrigem Niveau
Besonders deutlich zeigte sich dieser Effekt nach dem Dürrejahr 2018. Schnell reagierende Messstellen fielen teilweise früh auf niedrige Werte, konnten sich nach niederschlagsreicheren Phasen aber vergleichsweise rasch erholen.
Anders verlief die Entwicklung in der trägsten Dynamikklasse. Rund 60 % der 1023 Messstellen dieser Gruppe zeigten über fünf Jahre hinweg anhaltend niedrige Grundwasserstände. Bis zu 20 % erreichten neue Tiefstwerte, die unterhalb sämtlicher Messwerte des Referenzzeitraums 1991 bis 2020 lagen.
Die Zahlen beziehen sich ausdrücklich auf die langsam reagierenden Systeme – nicht auf 60 % aller deutschen Grundwassermessstellen.
Erst der feuchte Winter 2023/24 brachte in vielen Regionen eine deutliche Erholung. Im hydrologischen Jahr 2024 lagen rund 48 % aller untersuchten Messstellen im hohen bis extrem hohen Bereich. Die Entwicklung verlief jedoch erneut ungleich: Während sich viele schnell reagierende Systeme erholten, wirkten die vorherigen Trockenjahre in trägen Grundwasserleitern länger nach.
Warum Regen nicht sofort im Grundwasser ankommt
Nur ein Teil des Niederschlags erreicht überhaupt das Grundwasser. Zunächst bleibt Wasser auf Pflanzen und Oberflächen zurück. Ein weiterer Teil verdunstet, wird von der Vegetation aufgenommen oder fließt oberirdisch in Bäche und Flüsse ab.
Das Wasser, das in den Boden eindringt, füllt zunächst dessen Poren. Erst wenn die oberen Schichten ausreichend durchfeuchtet sind, kann ein Überschuss tiefer sickern. Dieses Sickerwasser muss die ungesättigte Zone durchqueren, bevor es den Grundwasserspiegel erreicht.
Wie lange dieser Weg dauert, hängt vom Standort ab. Kies und Sand lassen Wasser vergleichsweise schnell passieren. Tonige oder andere gering durchlässige Schichten bremsen die Versickerung. Auch die Tiefe des Grundwasserspiegels, die Klüftung des Gesteins und die Entfernung zu Fließgewässern beeinflussen die Reaktion.
Die Studie zeigt diesen Zusammenhang auch in den Messdaten. In der schnellsten Dynamikklasse lag der Grundwasserspiegel im Median 2,1 m unter der Geländeoberfläche. Die trägen Systeme waren mit durchschnittlich 7,5 m deutlich tiefer und weiter vom nächsten Fließgewässer entfernt. Solche Merkmale erklären die Dynamik nicht vollständig, tragen aber zur stärkeren Dämpfung bei.
Der wichtigste Zeitraum liegt im Winter
Für die Grundwasserneubildung reicht es nicht, dass es überhaupt regnet. Entscheidend ist, wie viel Wasser nach Verdunstung, Pflanzenaufnahme, Bodenwasserspeicherung und Oberflächenabfluss übrig bleibt.
Die Bedingungen dafür sind im Winterhalbjahr meist günstiger. Die Vegetation verbraucht weniger Wasser, und bei niedrigen Temperaturen fällt die Verdunstung geringer aus. Im Sommer wird ein größerer Teil des Niederschlags bereits in den oberen Bodenschichten benötigt oder wieder an die Atmosphäre abgegeben.
Das zeigt auch die aktuelle Bodenfeuchteentwicklung: Kurze nasse Phasen können den Oberboden rasch durchfeuchten. In den tieferen Bodenschichten lösen sie ein über längere Zeit aufgebautes Defizit jedoch häufig nicht vollständig auf.
Ein geleerter Grundwasserspeicher braucht deshalb über längere Zeit mehr Zufluss als Verlust. Ein einzelnes Gewitter reicht dafür meist nicht.
Starkregen ist nicht grundsätzlich nutzlos
Intensiver Regen kann durchaus zur Grundwasserneubildung beitragen. Wie viel Wasser tatsächlich im Untergrund ankommt, hängt allerdings stark von der Niederschlagsdauer und den örtlichen Bedingungen ab.
Kann der Boden die Wassermenge nicht schnell genug aufnehmen, fließt ein großer Teil oberirdisch ab. Das gilt besonders auf versiegelten, verdichteten oder geneigten Flächen. In durchlässigen Böden, Klüften und Karsthohlräumen kann Wasser dagegen relativ schnell in tiefere Schichten gelangen.
Länger anhaltende, flächige Niederschläge sind für die Auffüllung vieler Grundwasserspeicher meist günstiger als kurze Starkregenereignisse. Eine allgemeingültige Aussage gibt es jedoch nicht: Derselbe Regen kann in zwei benachbarten Grundwasserleitern sehr unterschiedliche Pegelreaktionen auslösen.
An 43 % der Messstellen veränderte sich der Pegel langfristig
Die Studie betrachtet nicht nur die Dürre seit 2018, sondern auch die Entwicklung im Referenzzeitraum 1991 bis 2020. An 43 % der Messstellen fanden die Forschenden einen statistisch signifikanten Trend. Überwiegend gingen die Grundwasserstände zurück. Der Median der signifikanten Veränderungen lag bei minus 0,9 cm pro Jahr.
Das bedeutet nicht, dass die Pegel in ganz Deutschland gleichmäßig sinken. Die Veränderungen waren regional unterschiedlich ausgeprägt. In einzelnen Gebieten stiegen die Grundwasserstände, etwa infolge reduzierter Entnahmen, künstlicher Grundwasseranreicherung oder des Endes langjähriger Sümpfungsmaßnahmen im Braunkohlebergbau.
Auch lässt sich aus einer Änderung des Grundwasserstands nicht direkt auf die verlorene oder hinzugewonnene Wassermenge schließen. Ein Pegelrückgang um 10 cm kann je nach Porenraum, Gestein und Aufbau des Grundwasserleiters sehr unterschiedliche Wasservolumen betreffen.
Forschende sehen Klima als dominierenden großräumigen Einfluss
Eine vollständige Ursachenanalyse war nicht Bestandteil der Untersuchung. Die Forschenden sehen in den Daten jedoch deutliche Hinweise darauf, dass klimatische Prozesse die bundesweite Entwicklung maßgeblich prägen.
Dafür spricht unter anderem, dass die Gewinnung von Grund- und Quellwasser in Deutschland zwischen 1991 und 2022 insgesamt von 7,7 auf 6 Mrd. m³ zurückging. Gleichzeitig zeigten sich großräumig fallende Pegel und deutliche Zusammenhänge mit Temperatur- und Niederschlagssignalen.
Die Autoren folgern daraus, dass klimatische Einflüsse auf der bundesweiten Ebene eine zentrale Rolle spielen. Wasserentnahmen, Bergbau, Flussregulierungen und künstliche Anreicherungen bleiben dennoch lokal und regional relevant.
Hohe Entnahmen können die Erholung eines Grundwasserleiters verzögern, selbst wenn die bundesweite Gesamtmenge zurückgeht. Umgekehrt können sinkende Entnahmen oder gezielte Anreicherungen regional zu steigenden Pegeln führen.
Niedrige Pegel treffen nicht nur die Trinkwasserversorgung
Rund 70 % des Trinkwassers in Deutschland stammen aus Grundwasserressourcen. Für eine nachhaltige Nutzung reicht es deshalb nicht, nur die Pegel zu beobachten. Wasserwirtschaft und Behörden müssen auch wissen, wie viel Grundwasser sich neu bildet und welche Mengen entnommen werden.
Niedrige Grundwasserstände bedeuten allerdings nicht automatisch einen akuten Trinkwassermangel. Deutschlandweit ist die Versorgung weiterhin gesichert, regional können bei länger anhaltender Trockenheit jedoch Engpässe und Nutzungskonflikte entstehen.
Betroffen sind zudem grundwasserabhängige Ökosysteme. In Gebieten mit oberflächennahem Grundwasser können bereits geringe Pegelrückgänge dazu führen, dass Feuchtgebiete oder kleine Gewässer austrocknen. Auch Quellen und der grundwassergespeiste Abfluss von Bächen können zurückgehen.
KI soll Grundwasserstände bis 2100 vorausberechnen
Mit dem Grundwasserstandsdienst GRUVO will die BGR die Entwicklung bundesweit vergleichbarer machen. Die Plattform führt aktuelle Messwerte der Landesbehörden zusammen und ergänzt sie um modellgestützte Vorhersagen.
GRUVO berechnet kurzfristige Entwicklungen für die kommenden drei Monate, mittelfristige Prognosen für zehn Jahre und langfristige Projektionen bis 2100. Grundlage ist ein KI-gestütztes Verfahren, das Grundwasserdaten mit Wetter- und Klimadaten des Deutschen Wetterdienstes verbindet.
Die Prognosen können zeigen, ob ein niedriger Pegel voraussichtlich nur wenige Wochen anhält oder sich über längere Zeit verfestigt. Für die Wasserwirtschaft ist dieser Unterschied entscheidend: Ein schnell reagierendes System benötigt eine andere Bewirtschaftung als ein tiefer Grundwasserleiter, dessen Pegel erst Monate nach einer Trockenphase fällt.
Die neue BGR-Studie zeigt damit vor allem eines: Eine Grundwasserdürre endet nicht automatisch, sobald es an der Oberfläche wieder regnet. In einigen Systemen kommen Niederschläge schnell an. Andere reagieren erst stark verzögert – und tragen die Folgen mehrerer trockener Jahre noch lange weiter.
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