30 Grad am Polarkreis: Wie der Klimawandel Europa verändert
Europa erwärmt sich schneller als der Rest der Welt: Der Klimawandel setzt Energieversorgung und Infrastruktur massiv unter Druck.
Laufwasserkraftwerk Hengstey im nordrhein-westfälischen Herdecke: 2025 hätten im Schnitt nur 70 % der europäischen Flüsse einen normalen Wasserdurchfluss erreicht, so der Bericht European Status of The Climate (ESOTC) 2025. Das wirkt sich auf den Betrieb der Kraftwerke aus.
Foto: picture alliance / Rainer Hackenberg | Rainer Hackenberg
In Europa wird es rasant wärmer ‒ und zwar schneller als der Rest der Welt. „Europa ist der Kontinent, der sich am schnellsten erwärmt, und die Auswirkungen sind bereits gravierend. In fast der gesamten Region wurden überdurchschnittliche Jahrestemperaturen verzeichnet“, sagte Florian Pappenberger, Generaldirektor des Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersagen (ECMWF).
Der Bericht European State of the Climate 2025 (ESOTC), den das ECMWF mit der Weltwetterorganisation (WMO) jährlich herausbringt, beleuchtet, wie sich der Klimawandel im vergangenen Jahr ausgewirkt hat. Die Kernaussagen sprechen von Rekordhitzewellen vom Mittelmeer bis zur Arktis, während Gletscher schmelzen und die Schneedecke zurückgeht. Die Meeresoberflächentemperatur ist so hoch wie nie, Waldbrände haben eine Rekordfläche (seit Beginn der Aufzeichnungen) zerstört.
Rund 70 % der europäischen Flüsse führten 2025 weniger Wasser als sonst üblich – Jahresabflussmenge heißt das im Fachjargon. Das bleibt nicht ohne Folgen, zum Beispiel für die Energiewirtschaft.
Inhaltsverzeichnis
- Wichtigste Ergebnisse des Berichts zum Querlesen
- Die klimatischen Bedingungen setzen Europas Gewässer unter Druck
- Energiemix der Zukunft sollte das Klima einpreisen
- Klimawandel schlägt überall da hart zu, wo es bisher kalt war und es Schnee und Eis gab
- Kaum noch Schnee und Eis in Europa
- Aus dem Klimawandel die richtigen Schlüsse ziehen
Wichtigste Ergebnisse des Berichts zum Querlesen

- Mindestens 95 % Europas verzeichneten 2025 überdurchschnittliche Jahrestemperaturen.
- Rekordverdächtige dreiwöchige Hitzewelle traf das subarktische Fennoskandien, wobei die Temperaturen nahe dem Polarkreis und innerhalb desselben 30 °C überstiegen.
- Gletscher in allen europäischen Regionen verzeichneten einen Netto-Massenverlust, für Island war es der zweitgrößte Gletscherschwund seit Beginn der Aufzeichnungen; die Schneedecke lag 31 % unter dem Durchschnitt; das grönländische Eisschild verlor 139 Mrd. t Eis.
- Die jährliche Meeresoberflächentemperatur für die europäische Region war die höchste seit Beginn der Aufzeichnungen, 86 % der Region erlebten mindestens „starke“ marine Hitzewellen.
- Waldbrände zerstörten rund 1.034.550 ha, die größte Fläche seit Beginn der Aufzeichnungen.
- Die Flussabflüsse lagen europaweit 11 Monate im Jahr unter dem Durchschnitt, wobei 70 % der Flüsse unterdurchschnittliche Jahresabflüsse verzeichneten.
- Stürme und Überschwemmungen betrafen Tausende Menschen in ganz Europa, obwohl extreme Niederschläge und Überschwemmungen weniger verbreitet waren als in den letzten Jahren
Die klimatischen Bedingungen setzen Europas Gewässer unter Druck

In ganz Europa wiesen rund 70 % der Flüsse unterdurchschnittliche Abflussmengen auf, während es hinsichtlich der Bodenfeuchte eines der drei trockensten Jahre seit 1992 war. Im Mai war rund die Hälfte Europas (53 %) von Dürrebedingungen betroffen. Diese Muster spiegeln eine Kombination von Faktoren wider, darunter atmosphärische Zirkulation und Schwankungen der Niederschlagsmengen sowie längerfristige Klimatrends. Ingenieur.de fragte nach, wie sich diese niedrigen Wasserstände in den Flüssen Europas auf die Stromgewinnung durch Wasserkraft und andere Kraftwerke auswirken, die Kühlwasser benötigen. „Das ist eine wirklich wichtige Frage“, attestierte Samantha Burgess, strategische Leiterin für Klima beim ECMWF. „Sie gehört zu den Herausforderungen, denen wir in einer sich erwärmenden Welt gegenüberstehen“.
Mit Blick auf die Bedingungen zwischen Nordwesteuropa, Mitteleuropa und der Iberischen Halbinsel im Jahr 2025 sei festzustellen, dass in Nordwest- und Mitteleuropa das Potenzial für Laufwasserkraftwerke von Mai bis Dezember letzten Jahres „unterdurchschnittlich“ gewesen sei, was die unterdurchschnittlichen Niederschlags- und Abflussmuster widerspiegele. „Im Gegensatz dazu verzeichnete die Iberische Halbinsel von Februar bis September ein deutlich überdurchschnittliches Potenzial für Laufwasserkraftwerke aufgrund überdurchschnittlicher Niederschläge und Abflussmengen“.
Energiemix der Zukunft sollte das Klima einpreisen
Burgess verwies darauf, dass ein Großteil des klimabedingten Potenzials für Wasserkraft von der Schneeschmelze abhänge. „Aus den Ergebnissen des diesjährigen Berichts geht hervor, dass wir weniger Schnee und weniger Frosttage haben. Wir haben also weniger von diesen Schneeschmelzwellen, die die eigentliche Energiequelle für die Wasserkraft darstellen“, so Burgess, die auch stellvertretende Direktorin des EU-Klimawandeldienstes Copernicus (C3S) ist.
Bei der Abhängigkeit von Flusspegelständen bei Themen wie der Kernenergie sagte sie: „Wir haben vor ein paar Jahren gesehen, dass Kernkraftwerke, insbesondere in Frankreich, abgeschaltet werden mussten, weil die Flusspegel für die Kühlleitungen zu niedrig waren. Die Gewährleistung der Resilienz unseres Energiemixes in der Zukunft muss also von den jeweiligen klimatischen Bedingungen abhängen. Daher ist es unglaublich wichtig, Prognosen über die voraussichtlichen Flusspegel einzubeziehen, um die Resilienz verschiedener Arten von Energieinfrastruktur sicherzustellen.“ Sprich: Der Kraftwerksbetrieb muss mit den jeweils als kritisch einzuordnenden Umweltparametern koordiniert werden.
Klimawandel schlägt überall da hart zu, wo es bisher kalt war und es Schnee und Eis gab
„Im Jahr 2025 erlebten die subarktischen Länder Norwegen, Schweden und Finnland ihre schlimmste Hitzewelle seit Beginn der Aufzeichnungen, mit 21 aufeinanderfolgenden Tagen und Temperaturen von über 30 °C innerhalb des Polarkreises“, erklärt ECMWF-Chef Pappenberger. „Während dieses Zeitraums erreichten und überschritten die Temperaturen nahe und innerhalb des Polarkreises 30 °C, mit einem Höchstwert von 34,9 °C in Frosta, Norwegen“, so die WMO in einer Mitteilung zum Bericht. Gleichzeitig hätte Europa aber 2025 insgesamt eine Rekordzahl an Tagen mit Kältestress erlebt, wobei 90 % des Kontinents weniger Tage als im Durchschnitt mit mindestens „starkem“ Kältestress erlebten.
Pappenbergers Beobachtung ist Teil eines Trends für alle der kältesten Regionen Europas, den der Bericht aufzeigt. Und es betrifft auch Regionen wie die Arktis oder in die Alpen. Dort gibt es relativ viel Schnee und Eis, die eine entscheidende Rolle dabei spielen, den Klimawandels zu verlangsamen. Die Ursache heißt Albedoeffekt, Schnee und Eis reflektieren das Sonnenlicht zurück ins All. Wird es genau dort aber immer wärmer, gibt es weniger Schnee und Eis – die natürliche Klimawandelbremse wird schwächer und schwächer.
Kaum noch Schnee und Eis in Europa
Überdurchschnittliche Temperaturen und unterdurchschnittliche Niederschläge führten zu einem erheblichen Rückgang der Schnee- und Eisbedeckung. Im März 2025 lag die schneebedeckte Fläche in Europa um etwa 1,32 Mio. km2 (31 %) unter dem Durchschnitt – das entspricht der Gesamtfläche von Frankreich, Italien, Deutschland, der Schweiz und Österreich. Die drittniedrigste Schneebedeckung seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1983. Der Trend wird allerdings schon seit Jahren beobachtet.
Die Gletscher verzeichneten einen Netto-Massenverlust, wobei Island den zweitgrößten Gletschermassenverlust seit Beginn der Aufzeichnungen verzeichnete. Zudem verlor das grönländische Eisschild 139 Mrd. t Eis – etwa das 1,5-Fache des Volumens aller Gletscher in den europäischen Alpen. ECMWF-Forscherin Burgess sagte: „Das Tempo des Klimawandels erfordert dringenderes Handeln. Angesichts steigender Temperaturen sowie weit verbreiteter Waldbrände und Dürren sind die Beweise eindeutig: Der Klimawandel ist keine zukünftige Bedrohung, sondern unsere gegenwärtige Realität.“
Aus dem Klimawandel die richtigen Schlüsse ziehen
Als wichtiges Ergebnis des Berichts wird aufgeführt, dass erneuerbare Energien 2025 fast die Hälfte (46,4 %) des europäischen Strombedarfs decken konnten. Allein die Solarenergie erreichte mit 12,5 % einen neuen Rekordanteil. „Die Anzeichen des Klimawandels sind in ganz Europa nach wie vor eindeutig, und der Bericht ‚European State of the Climate 2025‘ ist eine eindringliche Mahnung, dass wir sowohl unsere Anpassungs- als auch unsere Klimaschutzbemühungen fortsetzen und beschleunigen müssen“, sagte Dušan Chrenek, Hauptberater für den digitalen grünen Wandel bei der Generaldirektion Klima der EU-Kommission. Der ESOTC 2025 liefere „überzeugende Belege“ für tiefgreifende Auswirkungen des Klimawandels, unter anderem auf die Wirtschaft.
Aus Sicht von Chrenek ist die Erdbeobachtungsfähigkeit des ECMWF durch den satellitengestützten Klimawandeldienst Copernicus ein strategisches Ziel Europas. Sein Kollege Mauro Facchini, Leiter der Copernicus-Abteilung der EU-Kommission, betonte: „Copernicus ist von zentraler Bedeutung, um uns dabei zu helfen, unsere Souveränität, unsere Umwelt, unsere Ernährungssysteme, unsere Sicherheit und unsere Wirtschaft zu bewahren.“ Sowohl der Satellitendienst, die ermittelten Daten wie ihre Auswertung sind also wichtig für Europas Resilienz. Aus den Klimadaten für 2025 die richtigen Schlüsse zu ziehen, ebenfalls.
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