Licht aus dem Nichts 15.06.2025, 10:00 Uhr

Zwischen Vakuum und Wirklichkeit: Was ist eigentlich „leer“?

Simulation zeigt: Selbst „leerer“ Raum ist voller Energie. Forschende erzeugen Licht aus dem Nichts – rein durch Laserkollisionen im Vakuum.

Laserstrahlen im virtuellen Vakuum

Laserstrahlen im virtuellen Vakuum – Simulation zeigt, wie Licht im scheinbar leeren Raum entsteht.

Foto: panthermedia.net / Thomas Lachemund

Was wäre, wenn leerer Raum gar nicht leer ist? Wenn sich tief im Nichts etwas verbirgt, das wir bislang nicht sehen konnten – aber vielleicht sichtbar machen können? Genau das haben Forschende der Universität Oxford simuliert. In einer aufwendigen 3D-Modellierung erzeugten sie Licht – aus dem scheinbaren Nichts. Der Schlüssel: das sogenannte Quantenvakuum. Was dahintersteckt, könnte das Verständnis von Raum, Energie und Materie nachhaltig verändern.

Klassische Physik trifft Quantenphysik

In der klassischen Physik gilt das Vakuum als leerer Raum. Keine Atome, keine Strahlung, keine Bewegung – einfach nichts. Die Quantenelektrodynamik (QED) widerspricht jedoch: Aus Sicht der modernen Quantenphysik ist selbst das Vakuum nicht wirklich leer. Stattdessen ist es erfüllt von virtuellen Teilchen – kurzlebige Paare aus Elektronen und Positronen, die spontan entstehen und ebenso rasch wieder verschwinden.

Diese Teilchen zeigen sich normalerweise nicht. Aber wenn sie mit sehr starker Energie in Kontakt kommen, etwa durch Laserstrahlen, können sie Effekte hervorrufen, die messbar sind – zumindest theoretisch. Genau hier setzen die Forschenden der Universität Oxford an.

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Der virtuelle Versuch: Simulation statt Experiment

Da solche Phänomene im realen Labor schwer nachzuweisen sind, nutzten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine hochleistungsfähige Simulation. Mit dem speziell entwickelten OSIRIS-Framework modellierten sie ein physikalisches Szenario, das in der Realität schwer umzusetzen wäre. Dabei kamen sogenannte Petawattlaser ins Spiel – Laser mit einer Leistung von bis zu einer Million Milliarden Watt.

Ihr Ziel: die Simulation eines Prozesses namens „Vakuum-Vierwellenmischung“. Dabei kreuzen sich drei starke Laserpulse im Vakuum. Durch ihre überlagerte Energie verändern sie das Verhalten der virtuellen Teilchen. Diese reagieren auf die einwirkenden Felder – sie „polarisieren“ das Vakuum. In der Folge entsteht ein vierter Lichtstrahl mit einer neuen Frequenz. Und das ohne jegliches physikalische Medium wie Gas, Plasma oder Festkörper.

Was ist die Vier-Wellen-Mischung?
Die Vier-Wellen-Mischung (Four-Wave Mixing, FWM) beschreibt eine Wechselwirkung, bei der drei Lichtwellen miteinander interagieren und dabei eine vierte erzeugen. Voraussetzung ist ein nichtlineares Medium – in diesem Fall das Quantenvakuum. In der Simulation geschieht dies durch extrem starke Laserfelder, die virtuelle Teilchen im Vakuum aktivieren. Dadurch entstehen neue Lichtfrequenzen – ganz ohne Materie.

 

Der vierte Lichtstrahl aus dem Vakuum

Was die Simulation zeigte, ist bemerkenswert: Die virtuellen Teilchen im Quantenvakuum verhalten sich wie ein nichtlineares Medium. Das bedeutet, dass sie auf Licht nicht einfach passiv reagieren, sondern dessen Eigenschaften verändern. Ähnlich wie in einem Kristall kann es dabei zur sogenannten Doppelbrechung kommen – einem Effekt, bei dem sich die Polarisation des Lichts beim Durchgang verändert.

Im Fall des Quantenvakuums ist dieser Effekt jedoch besonders exotisch. Denn hier ist es kein fester Kristall, sondern das scheinbar leere Nichts selbst, das als optisches Medium fungiert. Die Simulation konnte diese Vakuum-Doppelbrechung erstmals in drei Dimensionen und mit hoher zeitlicher Auflösung nachbilden.

Präzision dank Heisenberg-Euler-Physik

Die Rechenmodelle basieren auf erweiterten Maxwell-Gleichungen, ergänzt um sogenannte Heisenberg-Euler-Korrekturen. Diese beschreiben, wie elektromagnetische Felder in sehr hohen Intensitätsbereichen von Quantenfluktuationen beeinflusst werden. Die Forschenden nutzten dabei ein realistisches Lasermodell mit Gauß-Profil statt vereinfachter Geometrien.

Zwei Testfälle standen im Fokus:

  1. Vakuumbirefringenz: Ein Röntgenstrahl durchdringt ein starkes Laserpulsfeld. Das Ergebnis: eine minimale, aber nachweisbare Veränderung seiner Polarisation.
  2. Vier-Wellen-Mischung: Drei Lichtstrahlen kreuzen sich – ein vierter Strahl entsteht. Die Frequenz des neuen Strahls entspricht der sogenannten dritten Harmonischen.

Beide Fälle bestätigten die hohe Genauigkeit des Simulationsmodells – mit Abweichungen von teils weniger als 3 %.

Bedeutung für die Hochenergiephysik

Die Erkenntnisse sind nicht nur theoretisch relevant. Sie liefern wichtige Hinweise für zukünftige Laborexperimente mit realen Petawattlasern. Anlagen wie ELI (Extreme Light Infrastructure) in Europa oder SHINE in China könnten erstmals reale Signale aus dem Quantenvakuum nachweisen – ein Ziel, das bislang an technischen Hürden scheiterte.

Die präzise Simulation hilft dabei, solche Versuche effizient vorzubereiten. Sie zeigt, unter welchen Bedingungen die Effekte überhaupt beobachtbar sind – etwa wann der Lichtstrahl eine bestimmte Frequenz annimmt oder wie lange die Wechselwirkung dauert. Das spart Zeit, Geld und Risiko im experimentellen Aufbau.

Verschiedene Anwendungen denkbar

Langfristig könnte das neue Wissen weitreichende Folgen haben. Denkbar sind:

  • Neue Technologien zur Manipulation von Licht ohne materielle Linsen oder Spiegel,
  • Grundlagenforschung zu dunkler Energie und Raumzeitstruktur,
  • Kombination mit Teilchenphysik, etwa bei Compton-Streuung oder Axionensuche,
  • Entwicklung exotischer Lichtformen wie Laguerre-Gauss-Strahlen.

Die Forschenden planen bereits ein virtuelles Detektorsystem, das die entstehenden Signale noch detaillierter analysieren kann. Damit könnte das digitale Labor bald reale Experimente nicht nur ergänzen, sondern systematisch vorbereiten.

Hier geht es zur Originalpublikation

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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