Born-Oppenheimer-Näherung 06.01.2026, 14:30 Uhr

Festkörperphysik neu vermessen: Elektronen tanzen aus dem Takt

Born-Oppenheimer-Näherung wackelt: In 2D-Materialien hinken Elektronen den Atomkernen hinterher. Neue Einblicke in die Welt der Attosekunden.

Elektronen und die Zeit

Ein Zeitproblem: Grundannahme der Festkörperphysik wankt. Elektronen hinken Atomkernen hinterher.

Foto: Smarterpix / Talaj

Forschende der ETH Zürich und des Max-Planck-Instituts für Struktur und Dynamik der Materie haben eine fundamentale Annahme der Festkörperphysik widerlegt. In bestimmten Materialien, sogenannten MXenen, folgen Elektronen der Bewegung von Atomkernen nicht unmittelbar, sondern mit einer Verzögerung von bis zu 30 Femtosekunden. Diese Entdeckung gelang mithilfe der Attosekundenspektroskopie und könnte die Entwicklung effizienterer optoelektronischer Bauteile ermöglichen.

Wenn die Physik stolpert

Die moderne Elektronik basiert auf einem tiefen Verständnis von Festkörpern. Seit dem 20. Jahrhundert nutzen Fachleute die Quantenmechanik, um das Verhalten von Materialien zu erklären. Diese Erkenntnisse bilden das Fundament für die heutige Halbleitertechnik. Ohne dieses Wissen gäbe es kein Silizium in Transistoren und keine Computer in ihrer jetzigen Form.

Doch um die hochkomplexen Prozesse in einem Kristallgitter zu berechnen, nutzen Physikerinnen und Physiker seit Jahrzehnten eine bestimmte Abkürzung. Sie gehen davon aus, dass Elektronen extrem schnell auf jede Bewegung der Atomkerne reagieren. Diese Annahme gerät nun ins Wanken.

Eine bewährte Regel zeigt Schwächen

In der Welt der Physik ist die Born-Oppenheimer-Näherung ein Standardwerkzeug. Sie beruht auf dem massiven Gewichtsunterschied zwischen den beteiligten Teilchen. Atomkerne sind im Vergleich zu Elektronen sehr schwer und bewegen sich deshalb träge. Die leichten Elektronen hingegen flitzen fast augenblicklich hinterher. Die Wissenschaft ging bisher davon aus, dass diese Anpassung ohne jede Zeitverzögerung geschieht. Über viele Jahrzehnte lieferte dieses Modell präzise Ergebnisse für die Materialforschung.

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Ein Team der ETH Zürich hat gemeinsam mit dem Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie in Hamburg diese Regel nun genauer untersucht. Die Forschenden stellten fest, dass die Theorie bei speziellen Materialien nicht mehr ausreicht. In diesen Fällen reagieren die Elektronen messbar langsamer. Sie hängen von ihrem genauen Aufenthaltsort im Gitter und ihrem jeweiligen Energiezustand ab.

Das Geheimnis der MXene

Für ihre Untersuchungen nutzten die Teams ein Material aus der Gruppe der MXene. Diese Stoffe ähneln in ihrem Aufbau dem Graphen. Es handelt sich um zweidimensionale Schichten, die nur wenige Atome dick sind. In diesem speziellen Fall bestand das Gitter aus Titan, Kohlenstoff und Sauerstoff. Solche Materialien besitzen besondere Eigenschaften, die sie für die Optoelektronik interessant machen.

Um die Bewegungen auf atomarer Ebene sichtbar zu machen, griffen die Fachleute zur Attosekundenspektroskopie. Eine Attosekunde entspricht einem Milliardstel einer Milliardstel Sekunde. In diesem Zeitbereich lassen sich physikalische Vorgänge beobachten, die für das menschliche Vorstellungsvermögen kaum fassbar sind.

Bisher standen solche schnellen Prozesse im Fokus der Forschung. „Phononen, also Gittervibrationen, standen für uns nicht im Mittelpunkt, da sie relativ langsam sind“, sagt Sergej Neb, Postdoc in der Gruppe von Ursula Keller und Erstautor der Studie. Doch genau bei der Analyse dieser Vibrationen stießen sie auf das unerwartete Phänomen.

Laserpulse als Stoppuhr

Die Forschenden nutzten für ihr Experiment ein präzises Verfahren. Zuerst regten sie die Schwingungen im Kristallgitter mit einem kurzen Infrarot-Laserimpuls an. Im nächsten Schritt kam ein zweiter Laser zum Einsatz. Dieser sendete Pulse im extremen Ultraviolettbereich im Rhythmus von Attosekunden. Das Team maß, wie viel von diesem Licht das Material durchdringen konnte.

Durch die Energie der Pulse sprangen die Elektronen auf höhere Niveaus. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verglichen diese Ergebnisse mit Messungen an einem ruhenden Gitter. Der zeitliche Abstand zwischen den Pulsen variierte dabei zwischen Femtosekunden und Pikosekunden. So konnten sie die Dynamik zwischen den schweren Kernen und den leichten Elektronen exakt stoppen.

Dreißig Femtosekunden Verzug

Das Ergebnis der Messungen überraschte die Fachwelt. Die Elektronen folgten den Kernen nicht sofort. „Natürlich würden wir nach der Standardnäherung von Born-Oppenheimer überhaupt keine Verzögerung erwarten“, sagt Sergej Neb, „aber wir haben festgestellt, dass die Elektronen bis zu dreißig Femtosekunden hinter den Atomkernen zurückblieben – in der Attosekundenwelt ist das eine sehr lange Zeit.“

Dieser Verzug lässt sich durch komplexe Wechselwirkungen erklären. Die Schwingungen der Atomkerne verändern die Verteilung der Elektronen im Raum. Dadurch wandelt sich das elektromagnetische Feld direkt an den Atomen. Zudem beeinflussen sich die Elektronen untereinander stärker als bisher angenommen. Die Hamburger Kolleginnen und Kollegen bestätigten diese Beobachtungen durch mathematische Modelle.

Femto vs. Atto

Um die Verzögerung der Elektronen zu verstehen, hilft ein Blick auf die Größenordnungen. In der klassischen Mechanik spielen diese Bruchteile von Sekunden keine Rolle. In der Quantenphysik entscheiden sie jedoch über grundlegende Materialeigenschaften.

Einheit Dauer in Sekunden Mathematisch Einordnung
Pikosekunde Eine Billionstel Sekunde 10-12 s In dieser Zeit legt Licht etwa 0,3 mm zurück.
Femtosekunde Eine Billiardstel Sekunde 10-15 s Schwingungsdauer von sichtbarem Licht.
Attosekunde Eine Milliardstel einer Milliardstel Sekunde 10-18 s Typische Zeitskala für Elektronenbewegungen in Atomen.

Ein neuer Blick auf einzelne Atome

Die Methodik erlaubt Einblicke, die bisher als unmöglich galten. Das Team konnte das Verhalten der Elektronen in der direkten Nachbarschaft verschiedener Atome im MXene-Gitter beobachten. „Eine solche Betrachtung der Dynamik zwischen Elektronen und Phononen auf der Ebene einzelner Atome – und sogar in Abhängigkeit von ihrem Zustand, den Bindungen und ihrer Energie – war bisher nicht möglich. Diese detaillierte Auflösung wurde erst durch unsere Attosekundentechnologie ermöglicht“, erklärt Neb.

Diese Präzision hat Folgen für die Zukunft der Materialwissenschaft. Die bisherigen Näherungen müssen vermutlich ergänzt werden. Neue Modelle könnten genauer vorhersagen, wie Materialien Wärme leiten oder Ladungen transportieren. Das Ziel sind optoelektronische Bauelemente im Nanobereich, die effizienter arbeiten.

„Mit unserer Methode können wir die Kopplung von Elektronen und Gitterschwingungen messen. Daraus können wir vorhersagen, unter welchen Bedingungen bestimmte Elektronen mehr oder weniger stark zur Wärmeleitung beitragen“, fügt Neb hinzu.

Hier geht es zur Originalpublikation

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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