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Warum hinterlässt ein Neandertaler seinen Fingerdruck auf einem Stein?

27. Mai 2025

Fingerabdruck eines Neandertalers
Auf diesem Stein hat ein Neandertaler seinen Fingerabdruck in Ocker hinterlassen. Foto: Bild des Steins: David Alvarez Alonso (Autor). Bilder des Punktes und des Fingerabdrucks: Samuel Miralles Mosquera (Autor)
Ein roter Ockertupfer mit Fingerabdruck auf einem Kiesel liefert Hinweise auf symbolisches Denken der Neandertaler vor 43.000 Jahren.
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Ein Granitkiesel aus Zentralspanien sorgt für neue Diskussionen unter Paläoanthropolog*innen: In der Felshöhle Abrigo de San Lázaro bei Segovia fanden Forschende ein mehr als 20 cm langes, natürlich geformtes Gestein, das auf den ersten Blick keinerlei praktische Funktion erkennen ließ. Doch bei genauerem Hinsehen offenbarten sich zwei Besonderheiten: ein auffälliger roter Pigmentfleck – und ein vollständig erhaltener menschlicher Fingerabdruck.

Laut Analysen ist der Fund etwa 43.000 Jahre alt und stammt eindeutig aus einer neandertalerzeitlichen Siedlungsschicht. Damit gehört der Stein zu den ältesten bekannten nicht-utilitaristischen Objekten mit Fingerabdruck weltweit – und wirft neue Fragen über die geistige Welt der Neandertaler auf.

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Inhaltsverzeichnis

Kontext des Fundes: Schicht, Lage und Transportweg

Der Stein wurde 2022 im Rahmen systematischer Ausgrabungen des spanischen Geologischen und Bergbauinstituts (IGME-CSIC) und der Universität Complutense Madrid entdeckt. Die Fundschicht liegt stratigrafisch eindeutig innerhalb einer Phase, in der ausschließlich Neandertaler in der Region lebten – Homo sapiens erreichte diese Zone der Iberischen Halbinsel erst mehrere Tausend Jahre später.

Besonders bemerkenswert: Der Kiesel besteht aus granitreichem Flussgestein und stammt laut mineralogischer Analyse aus dem nahe gelegenen Eresma-Fluss. Er muss also gezielt in die Höhle transportiert worden sein – ein Hinweis auf bewusste Auswahl, vielleicht aufgrund seiner Form.

Pigmentanalyse: Woher kommt der rote Punkt?

Bei dem roten Punkt handelt es sich um Ocker – ein natürliches Eisenoxidpigment, das in der Altsteinzeit häufig Verwendung fand. Die genaue Zusammensetzung der Pigmentschicht ergab, dass Eisenoxide wie Hämatit sowie feine Tonmineralien enthalten sind. Diese Substanzen kommen in der Umgebung der Höhle nicht natürlich vor.

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Die Forschenden schließen daraus, dass das Pigment an einem anderen Ort gesammelt, zubereitet und in die Höhle gebracht wurde. Der Punkt selbst misst knapp 2 cm im Durchmesser und befindet sich auf der flachen Vorderseite des Steins – exakt zwischen drei natürlich entstandenen Vertiefungen.

Forensische Analyse des Fingerabdrucks

Ein interdisziplinäres Team aus Archäolog*innen, Geolog*innen, forensischen Spezialist*innen und der spanischen Kriminalpolizei analysierte den Abdruck mit modernsten Verfahren. Darunter:

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  • 3D-Scanning: Erzeugung eines hochauflösenden digitalen Modells zur Oberflächenanalyse
  • Multispektralanalyse: Visualisierung unterschiedlicher chemischer Bestandteile der Pigmentschicht
  • Rasterelektronenmikroskopie (REM): Untersuchung der Pigmentstruktur und des Oberflächenkontakts
  • Röntgenfluoreszenz-Spektroskopie (XRF): Elementanalyse des verwendeten Ockers
  • Dermatoglyphische Analyse: Klassifizierung der Fingerlinien durch kriminaltechnische Vergleichsmuster

Die Analyse offenbarte insgesamt 13 individuelle Merkmale, darunter Linienverläufe, Gabelungen und Endungen. Die Merkmale reichen für eine eindeutige Identifizierung eines menschlichen Fingerabdrucks aus. Zwar lässt sich die Person nicht bestimmen, aber Form, Linienabstand und Flächenverteilung sprechen für einen erwachsenen Mann.

Geometrie der Markierung: Ein Gesicht im Stein?

Die markierte Oberfläche des Steins zeigt drei Vertiefungen – zwei kleine und eine größere – die in einem nahezu gleichschenkligen Dreieck zueinander stehen. Der rote Punkt wurde exakt im Zentrum dieser Struktur angebracht.

Die Forschenden sprechen in ihrer Publikation von statistisch hochsignifikanter Nicht-Zufälligkeit. Der Abstand der Vertiefungen zueinander sowie die zentrierte Platzierung des Punktes wurden geometrisch analysiert. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Anordnung zufällig entstand, liegt bei unter 1 %.

Diese Struktur weckt Assoziationen an ein Gesicht: zwei „Augen“, ein „Mund“, und der rote Punkt als Nase oder Stirnmitte. Die Wissenschaft bezeichnet dieses Phänomen als Pareidolie – das menschliche Erkennen von vertrauten Mustern (etwa Gesichtern) in zufälligen Strukturen.

Symbol oder Kunst? Der psychologische Hintergrund

Die gezielte Auswahl des Steins, die bewusste Platzierung des Pigments und das Fehlen jeglicher praktischer Nutzung deuten auf eine symbolische Handlung hin.

„Dieses Objekt trägt zu unserem Verständnis der Abstraktionsfähigkeit der Neandertaler bei“, sagt Archäologe David Álvarez Alonso, einer der Hauptautoren der Studie. „Es deutet darauf hin, dass es sich um eine der frühesten Gesichtsdarstellungen handeln könnte.“

Wenn diese Hypothese zutrifft, würde der Kiesel nicht nur den ältesten vollständigen Fingerabdruck eines Neandertalers zeigen, sondern auch das erste überlieferte Beispiel für intentional gestaltete Symbolik bei dieser Spezies darstellen.

Ein weiteres Puzzlestück im Neandertaler-Verständnis

Vergleichbare Funde gab es bislang kaum. Ein teils erhaltener Fingerabdruck im Harz aus Königsaue (Deutschland) und einfache Ritzmuster auf Muscheln und Steinen wurden bereits diskutiert – doch keines dieser Objekte kombiniert eine individuelle Spur eines Neandertalers mit pigmentierter Gestaltung in einem nicht-utilitaristischen Kontext.

Damit erhält das Bild des Neandertalers erneut eine neue Tiefe. War er einst als geistig unterlegen stigmatisiert, zeigen neue Funde, dass er über kreative, symbolische Fähigkeiten verfügte. Vielleicht nicht in der Form organisierter Kunst wie beim Homo sapiens – aber doch mit einem Sinn für Muster, Form und Bedeutung.

Was der rote Fingerabdruck zeigt

Der Kiesel von San Lázaro ist ein seltener archäologischer Glücksfall. Er dokumentiert eine bewusste Handlung mit Pigment, zeigt den ältesten Fingerabdruck eines Neandertalers und deutet auf symbolisches Denken hin – möglicherweise sogar auf frühe Gesichtsdarstellungen.

Für heutige Forschende ist der Stein mehr als ein prähistorisches Artefakt. Er ist ein Fenster in das Denken eines Menschen, der vor 43.000 Jahren in einem Muster Bedeutung sah – und uns durch seinen Fingerabdruck einen flüchtigen, aber greifbaren Eindruck seiner Welt hinterließ.

Hier geht es zur Originalpublikation



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