Werkzeugkasten für reale Probleme 09.09.2025, 05:05 Uhr

Raum-Zeit: Was haben Fallschirme und Herzklappen gemeinsam?

Raum-Zeit neu gedacht: Wie ein Rechenmodell Herzoperationen sicherer macht und Astronaut bei der Rückkehr aus dem All schützt.

Raumzeit

Von der OP bis ins All: Raum-Zeit-Simulationen erklären, was Herzchirurgie und Raumfahrt gemeinsam haben und warum Präzision zählt.

Foto: Smarterpix / agsandrew

Ein Team um Tayfun Tezduyar (Rice) und Kenji Takizawa (Waseda) hat Raum-Zeit-Methoden über Jahrzehnte weiterentwickelt. Die Anwendungen reichen von Herzklappen über Reifen bis zu Orion-Fallschirmen und Windparks. Der Kern: Raum und Zeit werden in einem Rechenraum gekoppelt. So lassen sich dynamische Phänomene dichter, stabiler und gezielter berechnen – mit direktem Nutzen für Medizin, Mobilität, Energie und Luft- und Raumfahrt.

Worum es wirklich geht: nicht hübsch, sondern richtig

Wenn wir an Simulationen denken, sehen viele von uns flüssige Animationen und bunte Grafiken. Für Tayfun Tezduyar, James-F.-Barbour-Professor für Maschinenbau an der Rice University, zählt etwas anderes: Genauigkeit. „In der Technik und Wissenschaft geht es nicht nur darum, dass etwas realistisch aussieht“, so Tezduyar.

„Man braucht die Lösung, die der tatsächlichen Lösung am nächsten kommt. Wenn man einen Fallschirm für Astronauten entwirft oder den Blutfluss durch eine Herzklappe modelliert, kann der Unterschied zwischen einer ‚ausreichend guten‘ und einer ‚optimalen‘ Lösung über Leben und Tod entscheiden.“

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Seit den 1990er-Jahren treibt Tezduyar eine Idee voran: Strömungen nicht getrennt in Raum und Zeit zu approximieren, sondern beides in einem Rechenraum zu vereinen. Gemeinsam mit Kenji Takizawa, Professor für Maschinenbau an der Waseda University, ist daraus ein Werkzeugkasten geworden, der reale Probleme abdeckt – von der Aorta bis zum Orion-Raumschiff. Das dokumentiert ein neues Fachbuch der beiden.

Raum und Zeit in einer Rechenwelt

Klassische Verfahren teilen sich die Arbeit: Gitterpunkte beschreiben, wo etwas passiert. Zeitschritte beschreiben, wann es passiert. Das spart oft Rechenaufwand, verschenkt aber Präzision – vor allem dort, wo Geometrien und Abläufe sich schnell ändern. Raum-Zeit-Verfahren koppeln beides.

Das Ergebnis: Fronten, Wirbel, Scherungen oder Klappenbewegungen lassen sich dichter und konsistenter erfassen. „Im wirklichen Leben hängen Strömungsmuster nicht nur vom Ort, sondern auch vom Zeitpunkt ab“, sagte er. „Man kann nicht eines davon unterrepräsentieren und erwarten, die beste Antwort zu erhalten. Unsere Methode bietet eine einzigartige hochpräzise Darstellung in beiden Dimensionen.“

In der Praxis bedeutet das: Die Rechenpunkte können genau dort verdichtet werden, wo die Musik spielt – am Reifen-Kontaktfleck, an der schließenden Herzklappe, im sich aufblähenden Fallschirm. Lücken in der Darstellung? Muss nicht sein.

Vom Operationssaal bis zum Wiedereintritt

Was bringt das für Sie? Drei Beispiele – stellvertretend für viele:

  • Medizin: Blutströmungen durch Klappen und Aorta sind hochkomplex. Kleine Geometrie-Details ändern den Fluss. Raum-Zeit-Berechnungen bilden die Dynamik über den Herzzyklus ab. Chirurg*innen erhalten damit bessere Daten für personalisierte Eingriffe.
  • Luft- und Raumfahrt: Das Team modellierte Fallschirme für die NASA-Mission Orion. Der Fokus: das Zusammenspiel aus Aerodynamik, Struktur und Leinen – über die Zeit. Solche Modelle helfen, die sichere Rückkehr zur Erde abzusichern.
  • Energie und Mobilität: In Windparks entstehen turbulente Nachläufe. Die Methoden zeigen, wie sich diese Wirbel auf kleine Flugzeuge, Drohnen oder Tiere auswirken – ein Baustein für Abstände, Layout und sichere Routen. Auch Reifenhersteller nutzen die Modelle: Bessere Kühlung, stabilere Performance, geringeres Schadensrisiko.

„Wir nehmen uns Probleme vor, die andere als unlösbar ansahen“

Tezduyar bringt es auf den Punkt: „Nur sehr wenige Menschen auf der Welt können diese Bandbreite an Problemen so genau lösen”, sagte er. „Wir nehmen uns Probleme vor, die andere als unlösbar angesehen haben, und finden einen Weg, sie genau zu modellieren, wodurch wir hochpräzise Darstellungen der wahren Lösung erstellen.”

Der Anspruch steckt nicht nur in Gleichungen, sondern in der Projektpraxis. „Viele unserer Projekte entstanden, weil jemand mit einem Problem zu uns kam, das gelöst werden sollte”, sagte er. „Ob es nun die NASA, die US-Armee oder ein Reifenforscher war – sie alle brauchten Antworten, die mit den vorhandenen Werkzeugen nicht zu finden waren.”

Was die Methode anders macht – in Alltagssprache

Die Raum-Zeit-Analyse ist eine Familie von Verfahren. Sie baut auf Finite-Element-Techniken auf, erweitert um Stabilisierung, bewegte Gitter und Kopplung mit Strukturen. Wenn Sie so wollen: Das Rechengebiet wird zu einem „Block“ aus Raum und Zeit. Darin lassen sich Verformungen, Öffnen-und-Schließen, Ein- und Auslenken natürlich abbilden. Spezielle Varianten kümmern sich um Windräder, Turbomaschinen oder andere komplexe Geometrien.

Wichtig ist die Priorisierung. Nicht überall muss fein gerechnet werden. Raum-Zeit-Methoden konzentrieren Rechenleistung dorthin, wo große Gradienten auftreten. Oder wo Kontakt stattfindet. Das spart Zeit und erhöht die Verlässlichkeit der Ergebnisse – zwei Faktoren, die im Projektalltag zählen.

Vom Nischenansatz zur breiten Nutzung

„Viele Jahre lang, nachdem ich angefangen hatte, waren es wirklich nur ich und ein paar ehemalige Studenten, die diese Methoden anwendeten, aber jetzt gibt es ein gesteigertes Interesse und Engagement für diese Art von Berechnungen, was dieses Buch aktuell macht“, sagte Tezduyar.

„Wir sind nicht an einfachen Problemen oder schnellen Antworten interessiert. Wir wollen anspruchsvolle Probleme und höchste Genauigkeit, denn in der realen Welt macht genau das den Unterschied.“

Hier geht es zur Originalmeldung

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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