Woher kommen die Zahlen der Natur? 21.06.2026, 18:13 Uhr

Einsteins Vermutung bestätigt? Neue Spur zur Quantengravitation

Hatte Albert Einstein recht? Ein neues Physik-Modell zeigt: Die Quantengravitation kommt wohl ganz ohne willkürliche Stellschrauben in den Naturgesetzen aus.

physikalische und mathematische Formeln

Woher kommen die Zahlen in den Naturgesetzen? Forschende liefern einen neuen mathematischen Hinweis.

Foto: Smarterpix / KrisCole

Albert Einstein war fest davon überzeugt, dass die Naturgesetze letztlich ohne frei wählbare Stellschrauben auskommen müssen. Die grundlegenden Gleichungen der Physik, so seine Vorstellung, sollten vollständig aus sich selbst heraus funktionieren. Zahlen oder Parameter, die von außen vorgegeben und durch Experimente bestimmt werden müssen, passten für ihn nicht zu einer fundamentalen Beschreibung der Realität.

Fast ein Jahrhundert später beschäftigt diese Frage die theoretische Physik mehr denn je. Nun hat ein internationales Forschungsteam im Fachjournal Physical Review Letters ein Ergebnis vorgestellt, das Einsteins Idee zumindest in einem speziellen theoretischen Rahmen untermauert.

Woher kommen die Zahlen in den Naturgesetzen?

Viele physikalische Theorien enthalten Parameter, deren Werte nicht aus der Theorie selbst berechnet werden können. Genau hier setzt die neue Arbeit an. Die Forschenden wollten verstehen, ob diese kontinuierlichen Parameter tatsächlich frei gewählt werden müssen oder ob sie sich aus den tieferliegenden Strukturen einer Theorie ergeben.

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Diese Frage spielt insbesondere bei der Suche nach einer Theorie der Quantengravitation eine Schlüsselrolle, die eines Tages die Allgemeine Relativitätstheorie mit der Quantenmechanik vereinen soll. Viele moderne Ansätze gehen davon aus, dass eine solche fundamentale Weltformel keine beliebig gewählten, externen Parameter enthalten darf.

Der Umweg über eine mathematische Modellwelt

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, nutzte das Team die sogenannte konforme Feldtheorie (Conformal Field Theory, CFT). Diese beschreibt Systeme, deren Verhalten sich auch dann nicht verändert, wenn man ihre Längenskala modifiziert. Obwohl solche Modelle stark idealisiert sind, spielen sie in der modernen Physik eine zentrale Rolle.

Besonders interessant sind dabei sogenannte exakt marginale Operatoren. Vereinfacht gesagt erlauben sie Veränderungen innerhalb einer Theorie, ohne deren grundlegende Symmetrien zu zerstören. Dadurch entsteht eine ganze Familie eng verwandter Theorien – eine sogenannte „konforme Mannigfaltigkeit“.

Die entscheidende Frage der Physiker lautete: Muss eine solche Familie von Theorien zwangsläufig durch einen Operator innerhalb der Theorie erzeugt werden? Wenn die Antwort Ja lautet, wären die zugrunde liegenden Parameter keine frei gewählten Größen mehr, sondern hätten ihren Ursprung direkt in der Theorie selbst.

Eine mathematische Schnittstelle als Schlüssel

Das Forschungsteam um Yuya Kusuki (Kyushu-Universität) und Hirosi Ooguri (Caltech) untersuchte dazu konforme Schnittstellen – man kann sie sich als mathematische Grenzflächen zwischen zwei sehr ähnlichen Theorien vorstellen.

Den Forschenden gelang der Nachweis, dass sich ein exakt marginaler Operator direkt aus dem Verhalten dieser Schnittstelle rekonstruieren lässt, wenn man sie leicht verschiebt. „Eine zentrale Herausforderung in der modernen Physik besteht darin, zu verstehen, ob die Naturgesetze frei einstellbare Zahlen von außen enthalten, oder ob sie aus der Theorie selbst hervorgehen“, erklärt Kusuki. Über die Reaktion der Schnittstelle konnte das Team genau den Operator konstruieren, der die beobachteten Parameteränderungen erzeugt.

Was bedeutet das für die Quantengravitation?

Der eigentliche Meilenstein der Arbeit liegt in der Brücke zur Quantengravitation. Hier greift die berühmte AdS/CFT-Korrespondenz, die einen mathematischen Zusammenhang zwischen konformen Feldtheorien und Modellen der Quantengravitation herstellt.

Auch wenn der hier genutzte Anti-de-Sitter-Raum nicht unser reales Universum abbildet, ist die Korrespondenz seit Jahrzehnten eines der wichtigsten Werkzeuge der Physik. Über diese Schnittstelle lassen sich die neuen Erkenntnisse direkt übertragen: Auch in der Quantengravitation müssen kontinuierliche Parameter nicht von außen vorgegeben werden. Sie entstehen aus den lokalen Strukturen der Theorie selbst. Einsteins Vermutung, dass die Natur keine willkürlichen Stellschrauben besitzt, hat damit ein starkes, mathematisches Fundament erhalten.

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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