Ein fast vergessenes Einstein-Problem kehrt zurück
Fast 90 Jahre alt und wieder aktuell: Ein Einstein-Problem stellt gängige Modelle zu Zeit, Urknall und Informationsverlust infrage.
Raumzeit unter Extrembedingungen: Visualisierung der Krümmung von Raum und Zeit durch ein massereiches Objekt wie ein Schwarzes Loch – genau dort geraten klassische Zeitvorstellungen und gängige Modelle an ihre Grenzen.
Foto: picture alliance / CHROMORANGE | Linda Brotkorb
1935 formulierten Albert Einstein und Nathan Rosen ein Problem, das lange als mathematische Kuriosität galt. Es ging nicht um Raumfahrt oder Science-Fiction. Es ging um eine nüchterne Frage: Wie lässt sich Gravitation so beschreiben, dass sie mit der Quantenphysik vereinbar bleibt – ohne fundamentale Regeln wie die Erhaltung von Information zu verletzen?
Fast 90 Jahre später rückt genau dieses Problem wieder ins Zentrum der Physik. Eine neue Studie zeigt: Das sogenannte Einstein-Rosen-Problem war nie gelöst. Es wurde über Jahrzehnte umgangen. Die Arbeit erschien in Classical and Quantum Gravity und interpretiert eine der bekanntesten Ideen Einsteins neu. Mit Folgen für Schwarze Löcher, den Urknall und den Zeitbegriff selbst.
Inhaltsverzeichnis
Eine Brücke, die nie ein Tunnel war
Die Einstein-Rosen-Brücke wird oft als Wurmloch beschrieben. Als Verbindung zwischen weit entfernten Orten im Raum. Genau dieses Bild stellt die neue Studie infrage. Einstein und Rosen dachten 1935 nicht an Reisen durch Raum oder Zeit. Ihre „Brücke“ war eine mathematische Konstruktion. Sie verband zwei vollständig symmetrische Raumzeiten, um Singularitäten aus den Gleichungen der Allgemeinen Relativitätstheorie zu entfernen.
Durchqueren ließ sich diese Brücke nie. Sie war nicht als Passage gedacht, sondern als formales Hilfsmittel. Die populäre Vorstellung vom Wurmloch entstand erst Jahrzehnte später – und hat mit der ursprünglichen Idee wenig zu tun.
Zwei Zeitrichtungen statt einer
Der Kern der neuen Arbeit liegt im Zeitbegriff. Viele fundamentale Gleichungen der Physik funktionieren unabhängig davon, ob Zeit vorwärts oder rückwärts läuft. Diese Symmetrie wird im Alltag ignoriert, weil Zeit für uns nur eine Richtung kennt.
Die Autoren argumentieren, dass diese Vereinfachung in extremen Situationen nicht ausreicht. In der Nähe von Schwarzen Löchern oder im frühen Universum stoßen Modelle mit nur einer Zeitrichtung an ihre Grenzen. Eine vollständige quantenmechanische Beschreibung müsse zwei Komponenten enthalten: eine mit vorwärtslaufender Zeit und eine mit spiegelbildlich rückwärtslaufender Zeit.
In diesem Bild ist die Einstein-Rosen-Brücke kein räumlicher Tunnel. Sie verbindet zwei entgegengesetzte Zeitpfeile. Die Brücke liegt nicht im Raum, sondern in der Struktur des Quantenzustands.
Schwarze Löcher und das Informationsproblem
Diese Neuinterpretation berührt eines der bekanntesten Probleme der modernen Physik: das Informationsparadoxon Schwarzer Löcher. In den 1970er-Jahren zeigte Stephen Hawking, dass Schwarze Löcher Strahlung abgeben und langfristig verdampfen können. Dabei schien Information verloren zu gehen – ein Widerspruch zur Quantenmechanik.
Das neue Modell setzt genau hier an. Der Informationsverlust entsteht demnach nicht physikalisch, sondern durch eine unvollständige Beschreibung. Wird nur eine Zeitrichtung betrachtet, wirkt Information am Ereignishorizont verloren. Berücksichtigt man beide Zeitrichtungen, bleibt sie erhalten – sie entwickelt sich entlang der zeitlich gespiegelten Komponente weiter.
Die Autoren schreiben dazu in ihrer Studie: „Diese mathematischen Brücken bewahren nicht nur die Vision der ER, sondern stellen auch die Unitarität in gekrümmter Raumzeit wieder her.“ Aus unserer Perspektive verschwindet Information. Auf fundamentaler Ebene bleibt sie erhalten. Zusätzliche Annahmen oder exotische Materie sind dafür nicht nötig.
War der Urknall ein Rückprall?
Die Konsequenzen reichen über Schwarze Löcher hinaus. Die Studie überträgt das Zeit-Spiegel-Konzept auf das gesamte Universum. Der Urknall wäre dann kein absoluter Anfang, sondern ein quantenmechanischer Übergang. Ein Rückprall zwischen einem sich zusammenziehenden und einem sich ausdehnenden Kosmos – jeweils mit entgegengesetzter Zeitrichtung.
In diesem Szenario könnte unser Universum aus dem Inneren eines Schwarzen Lochs hervorgegangen sein, das in einem früheren Kosmos entstanden ist. Quanteneffekte hätten eine Singularität verhindert und eine neue Expansion ermöglicht.
Einige Strukturen aus der Phase vor diesem Rückprall könnten überlebt haben. Kleine Schwarze Löcher werden als mögliche Kandidaten genannt. Solche Relikte könnten erklären helfen, was heute als dunkle Materie beobachtet wird. Beweise dafür gibt es bisher nicht. Die Idee bleibt theoretisch.
Keine Science-Fiction, sondern Modellkritik
Wichtig ist, was diese Arbeit nicht behauptet. Sie sagt keine begehbaren Wurmlöcher voraus. Keine Zeitmaschinen. Keine Reisen mit Überlichtgeschwindigkeit. Ihr Anspruch ist ein anderer: Sie will bekannte Widersprüche beseitigen, ohne die etablierten Theorien zu ersetzen.
Der kritische Punkt liegt in der Modellierung. Viele bestehende Ansätze erzwingen eine Zeitrichtung, obwohl die zugrunde liegenden Gleichungen symmetrisch sind. Das funktioniert rechnerisch, erzeugt aber Nebenwirkungen wie scheinbaren Informationsverlust.
Die neue Studie dreht die Perspektive um. Vielleicht ist nicht die Physik das Problem. Vielleicht sind es die Annahmen, mit denen sie beschrieben wird.
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