Die Erde wird zum Teilchendetektor, doch die Signale bleiben rätselhaft
Zehn Jahre Magnetfelddaten liefern rätselhafte Signale. Forschende verbessern damit die Grenzen für Axionen und dunkle Photonen.
Unser Planet, von der Artemis II Mission fotografiert. Die Erde wird zum Detektor für Dunkle Materie. Magnetfelddaten zeigen auffällige Spektrallinien, deren Ursache bislang ungeklärt ist.
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Auf der Suche nach Dunkler Materie bauen Forschungsgruppen weltweit hochempfindliche Detektoren in tief unter der Erde gelegenen, aufwendig abgeschirmten Laboren. Ein Team der Universitäten Kyoto, Hiroshima und Nihon wählt nun einen völlig anderen, eleganten Ansatz: Die Forschenden nutzen das Magnetfeld unseres Planeten sowie den Raum zwischen Erdoberfläche und Ionosphäre als gigantischen, natürlichen Messaufbau.
Rund zehn Jahre alte Magnetfelddaten haben die japanischen Wissenschaftler nach den Spuren hypothetischer Elementarteilchen durchsucht – und stießen dabei auf zahlreiche auffällige Signale. Ein direkter Nachweis Dunkler Materie ist das zwar noch nicht, doch die Methodik zeigt, welches Potenzial in geophysikalischen Daten für die fundamentale Physik steckt.
Das Erdmagnetfeld als gigantischer Wandler für Axionen
Die Erde fungiert hierbei nicht als Teilchendetektor im klassischen Sinn. Sie soll vielmehr als natürlicher Konverter und Verstärker dienen, um extrem schwache elektromagnetische Signale sichtbar zu machen – vorausgesetzt, bestimmte Formen Dunkler Materie existieren tatsächlich. Im Fokus der Untersuchung stehen zwei prominente Kandidaten: ultraleichte Axionen und sogenannte dunkle Photonen.
Axionen gelten in der theoretischen Physik seit Langem als vielversprechende Bausteine der Dunklen Materie. Sie sind elektrisch neutral und besitzen eine verschwindend geringe Masse. Den untersuchten Modellen zufolge können sie in Gegenwart starker Magnetfelder mit diesen wechselwirken und sich in gewöhnliche Photonen umwandeln. Das Ergebnis wäre ein extrem schwaches, periodisch schwankendes elektromagnetisches Feld.
Wie sich das Signal unterscheidet
Die Frequenz dieses Wechselfeldes hängt direkt von der Masse der Axionen ab. Ein solches Signal unterscheidet sich von natürlichen oder technischen Störungen vor allem durch zwei Eigenschaften: Es müsste über lange Zeiträume stabil bleiben und als extrem schmale Linie im Frequenzspektrum auftauchen.
Hier kommt der entscheidende Vorteil der Erde ins Spiel: Ihre schiere Größe. Während sich starke Magnetfelder in Experimenten wie dem CAST-Sonnenteleskop am CERN nur über sehr begrenzte Volumina erzeugen lassen, durchdringt das Erdmagnetfeld den gesamten Globus. Zudem fungiert die Region zwischen der leitfähigen Erdoberfläche und der Ionosphäre als gigantischer Hohlraumresonator.
Besonders empfindlich reagiert dieses System bei etwa 8 Hz – der Grundfrequenz der berühmten Schumann-Resonanzen, die normalerweise durch weltweit auftretende Blitze angeregt werden.
Atmosphäre präziser modelliert: Leitfähigkeit entscheidet
Ältere theoretische Ansätze konnten die erwarteten Signale meist nur bei sehr niedrigen Frequenzen unterhalb von 1 Hz verlässlich simulieren. Bei höheren Frequenzen wird die elektrische Leitfähigkeit der Atmosphäre jedoch zum kritischen Faktor: Sie bestimmt, wie stark elektromagnetische Wellen gedämpft, reflektiert oder resonant verstärkt werden.
Das Team um die japanischen Forschenden entwickelte daher ein realistischeres Atmosphärenmodell, das die mit der Höhe steil ansteigende Leitfähigkeit exakt einbezieht. Dadurch lässt sich das erwartete Signal bis in den Bereich von mehreren Dutzend Hertz präzise berechnen. Ein wichtiger Nebeneffekt: Das Modell verhindert künstlich überhöhte Signalspitzen, die bei vereinfachten Annahmen (Erde und Ionosphäre als perfekte Leiter) zwangsläufig entstehen.
9909 Messabschnitte aus Schottland analysiert
Als Datenbasis dienten den Forschenden langjährige Messreihen des British Geological Survey. Am schottischen Observatorium Eskdalemuir zeichneten zwei hochpräzise Induktionsspulen von September 2012 bis November 2022 die Schwankungen des lokalen Magnetfelds in Nord-Süd- und Ost-West-Richtung auf – mit einer Abtastrate von 100 Hz.
Die Wissenschaftler teilten diesen Zehn-Jahres-Datensatz in 8-Stunden-Blöcke auf. Nach dem akribischen Herausfiltern bekannter technischer Störungen (wie etwa Netzbrummen) verblieben 9909 saubere Messabschnitte. Gesucht wurde gezielt nach frequenzstabilen, schmalbandigen Signalen, die über Jahre hinweg ununterbrochen nachweisbar waren.
Das Resultat:
- 65 Signalkandidaten wiesen ein Signal-Rausch-Verhältnis (S/N) von mehr als 3 auf.
- 25 Kandidaten hielten selbst der strengen statistischen Korrektur für den sogenannten Look-elsewhere-Effekt stand (der berücksichtigt, dass man bei der Durchmusterung tausender Frequenzen rein statistisch auf Zufallstreffer stößt).
Rätselhafte Signale: Erst der globale Vergleich bringt Klarheit
Bedeutet das den Durchbruch? Nein. Die Forschenden betonen explizit, dass sich diese 25 Frequenzlinien derzeit weder zweifelsfrei Axionen noch dunklen Photonen zuordnen lassen. Unentdeckte lokale Störquellen, künstliche Signale oder unbekannte magnetosphärische Effekte bleiben die wahrscheinlichere Erklärung. Auffällig ist zudem, dass einige Signalkandidaten in regelmäßigen Frequenzabständen auftreten – ein starker Hinweis auf menschliche Ursachen.
Ein grundlegendes Problem der Studie liegt in der Beschränkung auf einen einzigen Standort:
- Räumliche Verteilung prüfen: Um ein echtes Axionsignal zu bestätigen, braucht es synchrone Messungen an weit entfernten Orten. Das Modell sagt voraus, dass Axionsignale geografisch stark variieren und beispielsweise in Südostasien besonders hoch ausfallen müssten.
- Dunkle Photonen unterscheiden: Von dunklen Photonen induzierte Felder – die keine Umwandlung am Erdmagnetfeld benötigen, sondern sich direkt mit gewöhnlichen Photonen mischen – sollten hingegen global nahezu homogen auftreten.
Erst ein Netzwerk aus mehreren global verteilten Induktionsspulen kann künftig klären, ob ein Frequenzpeak lokal erzeugt wird oder kosmischen Ursprungs ist.
Neue Grenzen für die Astrophysik
Auch ohne die Entdeckung der Dunklen Materie liefert die Arbeit einen handfesten Gewinn für die Teilchenphysik. Für all jene Frequenzbereiche, in denen keine auffälligen Signale gemessen wurden, konnten die Forschenden die maximale Kopplungsstärke zwischen Axionen und Photonen weiter einschränken.
Bei einer angenommenen Axionenmasse von rund 3 × 10⁻¹⁴ eV liegt die neue Obergrenze der Kopplung bei etwa 4 × 10⁻¹³ GeV⁻¹. Damit übertrifft diese geophysikalische Auswertung die bisherigen direkten Laborgrenzen des CERN-Sonnenteleskops CAST um bis zu zwei Größenordnungen. In diesem Massenbereich stößt die Methode sogar in Regionen vor, die bislang nur durch indirekte Röntgenbeobachtungen von Weltraumteleskopen wie Chandra oder NuSTAR zugänglich waren – allerdings ohne deren Abhängigkeit von unsicheren Modellen zu intergalaktischen Magnetfeldern.
Fazit: Das Rätsel der Dunklen Materie bleibt vorerst ungelöst. Doch die Studie zeigt immerhin, dass jahrzehntelang gesammelte Geodaten eine unerwartete Schatztruhe für die fundamentale Physik darstellen. Ob sich hinter den 25 rätselhaften Signallinien am Ende doch ein Gruß aus dem dunklen Universum verbirgt, müssen nun weltweite Vergleichsmessungen zeigen.
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