Studie 03.09.2025, 07:20 Uhr

Der innere Erdkern dreht um – welche Auswirkungen hat das?

Der innere Erdkern dreht plötzlich rückwärts. Forschende erklären, was das für Magnetfeld, Klima und Technik bedeuten kann.

Erdkern

Warum der Erdkern jetzt rückwärts rotiert – und was das für uns bedeutet.

Foto: Smartepix / Amandine26

5100 Kilometer unter unseren Füßen passiert gerade etwas, das selbst Geophysiker*innen überrascht: Der innere Erdkern hat offenbar seine Drehrichtung geändert. Statt wie bisher ostwärts, also ein wenig schneller als die Erdoberfläche, bewegt er sich nun westwärts – und das in deutlich gemächlicherem Tempo. Eine internationale Studie, veröffentlicht in Nature, deutet darauf hin, dass der Erdkern damit ein weiteres Kapitel seines rätselhaften Rhythmus aufschlägt.

Wie man einen unsichtbaren Kern beobachtet

Direkt hinsehen kann niemand. Der feste Eisen-Nickel-Kern liegt zu tief, mehr als 5.000 Kilometer unter Gesteinsschichten und Magma. Also bleibt Forschenden nur ein Umweg: Erdbeben. Deren seismische Wellen laufen durch das Erdinnere und verraten, was dort geschieht. Besonders hilfreich sind sogenannte PKIKP-Wellen, die den Kern direkt durchqueren.

Wenn sich Erdbeben fast am gleichen Ort wiederholen, entstehen „Repeater“. Ihre Signale lassen sich vergleichen. „Veränderungen in der Wellenform deuten auf Bewegungen des inneren Kerns hin“, erklären die Autor*innen der Studie.

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Das Team untersuchte 121 solcher Erdbeben zwischen 1991 und 2023. Sie ereigneten sich rund um die South Sandwich Islands im Südatlantik. Messstationen in Alaska und Kanada lieferten die Daten. Das Muster war eindeutig: Um 2008 setzte eine Kehrtwende ein.

Fakten zum inneren Erdkern

• Zusammensetzung: Eisen und Nickel, fest
• Temperatur: bis zu 5700 °C – ähnlich wie die Sonnenoberfläche
• Tiefe: Beginn bei ca. 5150 km, reicht bis zum Erdmittelpunkt
• Dichte: etwa 12,6–13 g/cm³

 

Vorwärtsgang, Rückwärtsgang – und wieder zurück?

Zwischen 2003 und 2008 bewegte sich der innere Kern ostwärts. Diese Phase nennen Forschende „Superrotation“. Danach drehte er westwärts – eine „Subrotation“. Doch die Rückwärtsbewegung lief zwei- bis dreimal langsamer ab. Genau diese Asymmetrie bringt viele Modelle ins Wanken, die bislang von gleichmäßigen Schwingungen ausgegangen waren.

Frühere Hypothesen hatten ein Pendeln wie bei einer Sinuskurve vermutet. Die neuen Daten zeichnen ein komplizierteres Bild. Kräfte zwischen Mantel, äußerem Kern und innerem Kern scheinen die Dynamik maßgeblich zu steuern. Auch das Magnetfeld der Erde dürfte mitmischen.

Auswirkungen auf unser Leben

Warum ist das nicht nur ein Detail für Fachbücher? Weil der innere Kern mehr mit unserem Alltag zu tun hat, als man denkt.

  • Magnetfeld: Es schützt uns vor Strahlung aus dem All. Veränderungen könnten langfristig die Stärke oder die Struktur beeinflussen. Das hätte Folgen für Satelliten, Kommunikation und selbst für Tierwanderungen, die sich am Magnetfeld orientieren.
  • Erdrotation: Winzige Abweichungen in der Bewegung des Kerns verändern die Länge eines Tages. Es geht um Millisekunden, aber selbst diese können auf lange Sicht Wetter- und Klimasysteme beeinflussen.
  • Geologie: Wechselwirkungen zwischen Kern und Mantel können Erdbeben und Vulkanismus prägen – nicht abrupt, aber über Jahrzehnte hinweg.

„Die Vorgänge tief im Erdinneren stehen in engem Zusammenhang mit unserem Leben an der Oberfläche“, betonen die Forschenden.

Ein Blick zurück und nach vorn

Die Daten lassen vermuten, dass solche Richtungswechsel regelmäßig auftreten – vielleicht alle 60 bis 70 Jahre. Damit wäre das aktuelle Phänomen gar nicht so einzigartig, sondern Teil eines wiederkehrenden Zyklus.

Für die Wissenschaft eröffnet sich nun eine spannende Perspektive: Wenn sich weitere „Repeater“-Erdbeben aufzeichnen lassen, kann die Rotationsgeschichte des Kerns über viele Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte rekonstruiert werden.

Noch sind viele Fragen offen. Welche Kräfte genau den Umschwung auslösen, ist nicht geklärt. Auch bleibt unklar, wie stark das Magnetfeld langfristig reagiert. Sicher ist nur: Der Erdkern ist alles andere als ein starrer Klumpen Eisen.

Hier geht es zur Originalpublikation

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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