225 Männer, 5 Frauen: Wer sind die Physik-Nobelpreisträgerinnen?
In keiner Nobelpreis-Kategorie sind Frauen so selten wie in Physik: Auf jede Preisträgerin kommen 45 Männer. Eine der fünf Frauen erhielt sogar zwei Nobelpreise, als einziger Mensch in zwei Naturwissenschaften.
Sie ist die neueste Preisträgerin des Nobelpreises: Anne L'Huillier wurde 2023 in der Kategorie Physik ausgezeichnet. Photo: picture alliance / TT NEWS AGENCY | Johan Nilsson/TT
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Der 225. Mann wurde diese Woche mit dem Nobelpreis in Physik ausgezeichnet, Francis Halzen. Damit ist der Bruch aus Preisträgern geteilt durch Preisträgerinnen wieder eine ganze Zahl. Exakt 45 männliche Preisträger kommen auf jede Frau – das größte Ungleichgewicht aller Disziplinen. Nur fünf Wissenschaftlerinnen wurden bisher mit dem Preis ausgezeichnet.
Ihre Forschungsthemen reichen von Radioaktivität über Schwarze Löcher bis hin zu Peta-Watt-Lasern. Die erste Preisträgerin war so wichtig für die Wissenschaft, dass sie sogar noch einen zweiten in Chemie erhielt. Wer sie sind, erfahren Sie auf dieser kleinen Zeitreise.

Inhaltsverzeichnis
2023 – Kernphysikerin Anne L’Huillier
Geboren wurde sie 1958 in Paris und nach der Schule studierte sie erst Mathematik, dann zusätzlich Physik im französischen Elite-Hochschul-System. Für ihre Doktorarbeit wechselte L’Huillier dann gänzlich zu Physik. Für die Wissenschaft begeistert hat sie einerseits die Apollo-Mondlandung 1969, andererseits ein bildungsbürgerliches Umfeld. Die Mutter war Lehrerin, der Vater Ingenieur bei der französischen Raumfahrtbehörde CNES (Centre National d’Études Spatiales), wo er Rechenzentren für Satellitenstarts mit aufbaute.
In der Forschung beschäftigte sie sich mit der Anregung von Edelgasatomen durch Kurzpulslaser. Diese Anregungen machen es möglich, sehr kurze Lichtblitze im Attosekundenbereich (10-18 Sekunden) zu erzeugen. Je kürzer ein Lichtblitz ist, umso schnellere Vorgänge lassen sich damit beobachten. Die Forschung von Anne L’Huillier und zwei weiteren Wissenschaftlern gibt so Einblicke in Vorgänge in Atomen. Dafür wurden alle drei mit dem Nobelpreis in Physik ausgezeichnet. Die Physikerin forschte in den USA und Schweden. Seit 1997 hat sie den Lehrstuhl für Atomphysik an der Uni Lund.
Mehr zu Anne L’Huillier finden Sie hier (englisch).
2020 – Astrophysikerin Andrea Ghez

Geboren wurde sie 1965 in New York City, wuchs aber in Chicago auf, wo ihr Vater eine Professur für Wirtschaftswissenschaften an der Uni bekam. Ihre Mutter leitete als Kuratorin und Museumsdirektorin die Renaissance Society, eine renommierte Institution für zeitgenössische Kunst in Chicago. Auch sie wurde von der Apollo-Mondlandung inspiriert, sich auf einen wissenschaftlichen Karrierepfad zu begeben.
An der Eliteuni Massachusetts Institute of Technology (MIT) begann Ghez zunächst mit Mathematik, wechselte aber wenig später zu Physik. Sie promovierte über hochauflösende Infrarot-Beobachtungen (Speckle-Interferometrie), um Doppelsternsysteme und die Entstehung junger Sterne zu untersuchen. Den Nobelpreis bekam sie mit zwei Kollegen für den bis dahin schlüssigsten Beweis für die Existenz eines supermassereichen schwarzen Lochs im Herzen der Milchstraße. Ghez forschte in den USA, in Kalifornien an der Uni Los Angeles (UCLA) und auf Hawaii an den beiden 10-Meter-Spiegelteleskopen auf dem erloschenen Vulkan Mauna Kea. Ghez hat den Lehrstuhl für Astrophysik an der UCLA.
Mehr zu Andrea Ghez finden Sie hier (englisch)
2018 – Laserphysikerin Donna Strickland

Geboren wurde sie 1959 in Guelph in der kanadischen Provinz Ontario. Ihr Vater arbeitete als Elektroingenieur- Ihre Edith J. Strickland hatte in den 1940er Jahren als eine der wenigen Frauen ihrer Generation Mathe und Naturwissenschaften studieren wollen, wurde aber in ein geisteswissenschaftliches Studium gedrängt und später Lehrerin. Entsprechend unterstützte sie ihre Tochter dabei, Rollenbilder zu überwinden.
Donna Strickland studierte zunächst einen Ingenieursstudiengang mit Modulen zu Lasern und Elektrooptik. In dieser Richtung vertiefte sie ihre Ausbildung und promovierte schließlich in Laserphysik. Zusammen mit ihrem Doktorvater entwickelte sie bis 1985 das Verfahren der Chirped Pulse Amplification (CPA). Dabei wird ein Laserpuls zunächst an einem optischen Beugungsgitter zeitlich gedehnt, was auch die Spitzenleistung des Pulses um Größenordnungen verringert.
Dieser langestreckte Puls kann in einem optischen Medium dadurch verstärkt werden, ohne Gefahr zu laufen, das Medium durch die hohen Leistungen zu zerstören. Anschließend wird der verstärkte Puls an einem zweiten Beugungsgitter wieder verkürzt. Dieser Trick machtt Laser im Terawatt- bis Petawatt-Bereich (1015 W) möglich, die unter anderem für Augenoperationen und Glasbearbeitung eingesetzt werden. Für diese Forschung wurde sie zusammen mit zwei weiteren Wissenschaftlern mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.
Strickland forschte in Kanada und den USA. Ab 1997 baute sie an der Uni Waterloo die Ultrafast Laser Group auf und lehrte verschiedene Disziplinen der Laserphysik.
Mehr zu Donna Strickland finden Sie hier (englisch).
1963 – Kernphysikerin Maria Goeppert-Mayer

Geboren 1906 im heutigen Kattowitz, zog sie mit vier Jahren nach Göttingen, wo ihr Vater eine Uni-Professur bekam. Er war bereits Professor in sechster Generation. Ihre Mutter unterrichtete Sprachen und Musik. Goeppert-Mayer sollte nach dem Wunsch des Vaters nicht „einfach eine Frau“ werden, sondern „jemand, der etwas leistet“. Im damaligen Bildungssystem gab es nur wenige Wege für Mädchen Abitur zu machen. Eine davon war die privat geführte Frauenstudienschule. 1924 schloss Goeppert-Mayer vorzeitig ihr Abitur ab.
In Göttingen wollte sie zunächst Mathematik studieren, ließ sich vom theoretischen Physiker Max Born dann aber für Quantenmechanik begeistern. Göttingen zählte damals zu den wichtigsten Zentren der theoretischen Physik. Weitere Lehrer waren wissenschaftliche Größen wie James Franck, David Hilbert und Werner Heisenberg.
Ihre Doktorarbeit 1930 zur gleichzeitigen Emission und Absorption zweier Photonen war ihrer Zeit voraus und konnte erst Jahrzehnte später mit der Erfindung des Lasers experimentell bestätigt werden. Im gleichen Jahr wanderte sie mit ihrem Mann in die USA aus. Dort musste sie trotz ihrer Fähigkeiten oft unbezahlt forschen, und das obwohl sie bedeutende Arbeit leistete. Während des Zweiten Weltkriegs forschte sie im Manhattan-Projekt an der Entwicklung der Atombombe mit.
Den Nobelpreis bekam sie für die Entdeckung des Kern-Schalenmodells, als sie 1946 an der Uni Chicago arbeitete. Ähnlich den Elektronenschalen der Atomhülle, die in jedem Chemie-Abitur abgefragt werden, bewegen sich die Kernbauteile in konzentrischen Kernschalen. Erst 1960 – 3 Jahre vor dem Nobelpreis – trat Maria Goeppert-Mayer ihre erste voll bezahlte, reguläre ordentliche Professur an. Sie teilte sich eine Hälfte des Nobelpreisgeldes mit ihrem Kollegen J. Hans D. Jensen, bekam also ein Viertel. Nach ihr wurde 55 Jahre lang keine Frau mehr mit dem Physiknobelpreis ausgezeichnet.
Mehr zu Maria Goeppert-Mayer finden Sie hier (englisch).
1903 – Kernphysikerin und Chemikerin Marie Curie

Geboren wurde sie 1867 in Warschau als Tochter eines Mathematik- und Physiklehrers und seiner Frau. 1891 folgte Curie ihrer Schwester nach Paris und studierte dort durch deren finanzielle Unterstützung Physik. Sie promovierte bei Henri Becquerel, nach dem die Einheit für die Aktivität von radioaktiven Substanzen benannt ist.
Curie prägte den Begriff „radioaktiv“. Zusammen mit ihrem Mann, dem Physiker Pierre Curie und Becquerel bekam sie 1903 als erste Frau überhaupt den Nobelpreis in Physik für die Erforschung der Radioaktivität. Zudem war sie die erste Frau, die an der Pariser Uni Sorbonne lehrte und sie ist bis heute die einzige Frau, die zwei Nobelpreise erhalten hat. Der zweite war in der Kategorie Chemie für die Entdeckung der damals neuen Elemente Radium und Polonium und für die Isolierung dieser reinen Elemente. Bisher haben hingegen vier Männer zwei Preise erhalten.
Bis die zweite Frau einen Physik-Nobelpreis erhielt, vergingen anschließend 60 Jahre und bis zur dritten insgesamt 115 Jahre.
Mehr zu Marie Curie finden Sie hier.
Woher kommen die Physik-Nobelpreisträger?
Bisher wurden zu 97,8 % Männer ausgezeichnet. Als Herkunftsland lag lange Deutschland vorne gefolgt von Großbritannien und den Niederlanden. Seit 1977 sind die USA der häufigste Geburtsort von Physik-Nobelpreisträger*innen. Von der Südhalbkugel stammen nur zwei, aus Australien. Aus Lateinamerika stammt bisher niemand. Auch aus weiten Teilen Asiens und Ozeaniens wurde niemand ausgezeichnet.
Das heißt, die größte Gruppe der Physiknobelpreisträger sind in den USA geborene Männer. Francis Halzen, der 2026er Preisträger ist zwar auch ein Mann, stammt aber aus Belgien. Von dort kommt noch ein weiterer Preisträger, aber bisher noch keine Preisträgerin.
Hier finden Sie die Verteilung nach Herkunftsland (englisch).
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