Artemis 01.04.2026, 12:00 Uhr

Was macht einen Mond-Astronauten aus?

Wer hat das Zeug zum Mond zu fliegen? Und wie lässt sich die Landung trainieren? Wir haben beim Chef des ESA-Astronautentrainings nachgefragt.

Der Astronaut Alexander Gerst und die Astronautin Samantha Cristoforetti beim Geologie-Training auf den norwegischen Lofoten.

Der Astronaut Alexander Gerst und die Astronautin Samantha Cristoforetti bereiten sich beim Geologie-Training auf den norwegischen Lofoten auf einen Aufenthalt auf dem Mond vor.

Foto: Vittorio Crobu/ESA

Die neue Generation von Mondastronauten braucht mehr als nur Fachwissen. Nasa, ESA und Co. suchen Menschen, die unter Druck ruhig bleiben, komplexe Technik beherrschen und bereit sind, ihre Grenzen zu verschieben. Wer heute zum Mond fliegen will, muss Ingenieur, Pilot, Geologe, Teamplayer und nicht zuletzt Abenteurer zugleich sein.

Rüdiger Seine, Leiter der Astronautenausbildung im European Astronaut Centre (EAC) der ESA, betont, dass es bei der Auswahl nicht um „Superbrains“ geht: „Wir bilden die Leute ein Jahr lang im Grundlagentraining zu Generalisten aus, die alle naturwissenschaftlichen Disziplinen sicher überblicken.“

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Die Raumfahrt brauche keine extrem spezialisierten Experten, sondern Menschen, die komplexe Systeme auch unter Stress im Griff haben. Seine macht klar: „Reines Denken hilft im All nicht weiter. Man braucht eine starke Hand-Auge-Koordination und räumliches Vorstellungsvermögen, etwa wenn man einen Transporter mit dem Roboterarm einfangen muss.“

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Hinzu kommen die formalen Kriterien: exzellentes Englisch und Kenntnisse einer weiteren Fremdsprache, mindestens ein Master-Abschluss in einem naturwissenschaftlichen, technischen oder medizinischen Fach und mehrere Jahre Berufserfahrung. Wer es in die engere Auswahl schafft, absolviert ein mehrstufiges Auswahlverfahren, in dem Teamfähigkeit, Belastbarkeit und Entscheidungsfähigkeit eine Rolle spielen.

Hubschrauberkurs und Geologietraining

Eine der größten Herausforderungen der Artemis-Missionen liegt in der Landung auf dem Mond, die sich grundlegend von einem Flugzeuganflug auf der Erde unterscheidet. „Die Landung auf dem Mond ist eine vertikale Landung, die in ihrer Dynamik einem Helikopter­anflug sehr viel ähnlicher ist als einem klassischen Flugzeuganflug“, sagt Seine. Deshalb trainiert die ESA ihre Astronauten speziell mit Helikoptern, um den kontrollierten vertikalen Abstieg unter schwierigen Bedingungen zu üben. Wie Seine erklärt, „ist das Helikoptertraining für uns die beste Möglichkeit, die Stabilität und die besonderen Anforderungen eines vertikalen Abstiegs unter schwierigen Sichtbedingungen zu simulieren“.

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Kurz vor der Landung kann aufgewirbelter Mondstaub die Sicht stark ­einschränken. In solchen Momenten müssen sich Astronauten vor allem auf ihre Instrumente verlassen, da ihre ­eigenen Sinneswahrnehmungen täuschen können. Deshalb trainieren Astronauten, den Instrumenten zu vertrauen und bei Bedarf selbst die Kontrolle zu übernehmen.

Auch wissenschaftliche Expertise ist gefordert: Auf der Mondoberfläche ­sollen die Astronauten sofort geologische Arbeit leisten können. Daher wird geologische Vorbildung bereits vor der Auswahl erwartet.

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Psychologische Belastbarkeit spielt eine zentrale Rolle. Der Alltag im All ist extrem dicht getaktet, oft im Fünf-Minuten-Rhythmus. Stress lässt sich kaum vermeiden, doch der entscheidende Punkt sei, „mit diesem Stress ruhig und konstruktiv umzugehen“, so Seine. ­Astronauten beschäftigen sich nicht mit vagen Sorgen oder negativen Was-wäre-wenn-Szenarien, sondern analysieren Risiken nüchtern und konzentrieren sich darauf, Fehler zu vermeiden. Gleichzeitig gehören genau diese Szenarien zum Trainingsalltag: Simulationen testen bewusst mögliche Störungen, vom Systemausfall bis zu Kommunikationsproblemen. „Wir überlegen uns ständig: Was könnte schiefgehen?“, erklärt Seine. Ziel sei, dass Astronauten im Ernstfall automatisch die trainierte Reaktion abrufen können. „Risiko­minimierung ist bei uns Teamarbeit auf höchstem Niveau.“

Wer schließlich in eine Rakete steigt, weiß genau, worauf er sich einlässt. „Man setzt sich auf eine riesige Menge Sprengstoff“, sagt Seine nüchtern. Doch das Vertrauen in Training, Technik und Teamarbeit ist groß.

Die Vorbereitungen in Europa laufen auf Hochtouren. Der erste Europäer am Mond soll ein Deutscher sein – das hat ESA-Chef Josef Aschbacher verkündet. Damit beginnt eine neue Phase der bemannten Raumfahrt – eine Phase, in der nur zählt, was unzählige Male trainiert wurde: Präzision, Kalkül, Vertrauen in die Technik – und in sich selbst.

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Ein Beitrag von:

  • Alexandra Ilina

    Alexandra Ilina ist Diplom-Journalistin (TU-Dortmund) und Diplom-Übersetzerin (SHU Smolensk) mit mehr als 20 Jahren Berufserfahrung im Journalismus, in der Kommunikation und im digitalen Content-Management. Sie schreibt über Karriere und Technik.

  • Iestyn Hartbrich

    Iestyn Hartbrich ist Ingenieur und Journalist mit den Schwerpunkten Werkstoffe, Stahlindustrie, Raumfahrt und Luftfahrt.

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