Mobile World 22.02.2013, 16:59 Uhr

LTE verschlägt Telefonierern die Sprache

Der neue Mobilfunkstandard LTE sorgt in immer mehr Regionen der Republik für schnelle Daten-Downloads. Allein: Zum Telefonieren eignet er sich kaum. Stattdessen landen viele Anrufe unfreiwillig auf der Mailbox.

Zum Telefonieren kaum geeignet: Die neue Mobilfunktechnik LTE.

Zum Telefonieren kaum geeignet: Die neue Mobilfunktechnik LTE.

Foto: dpa

In 145 Netzen weltweit soll die mit vielen Vorschusslorbeeren gestartete Mobilfunktechnik Long Term Evolution (LTE) inzwischen verfügbar sein. Das versprach die Global mobile Suppliers Association (kurz: GSA) im Vorfeld des Mobile World Congress, der nächste Woche in Barcelona beginnt.

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Die internationale Interessenvertretung von Netzbetreibern und Handyherstellern zählte im Januar exakt 666 LTE-fähige Hardwareprodukte auf dem Markt. Allerdings waren nur etwa ein Drittel davon Smartphones, mit denen sich laut Telekom & Co. Übertragungsgeschwindigkeiten von bis zu 100 Mbit/s erzielen lassen.

Von der Telefonie über das neue Highspeed-Netz ist in den bunten Broschüren der Anbieter freilich nirgends die Rede – aus gutem Grund. Voice-over-LTE (im Branchenjargon: VoLTE) bleibt zumindest in Deutschland vorerst noch Zukunftsmusik. Vorerst müssen sämtliche Mobilfunkgespräche über das GSM- oder UMTS-Netz – Vorgänger des LTE-Netzes – umgeleitet werden, da der neue Standard als reines IP-Netzwerk auf paketvermittelter Datenübertragung basiert.

Dies führt bei vielen Eigentümern von High-End-Smartphones täglich zu Verdruss: In den einschlägigen Internetforen mehren sich die Erfahrungsberichte frustrierter Nutzer, die häufig nicht erreichbar sind oder den ungewohnt langsamen Aufbau von Telefonverbindungen bemängeln, weil der Umschaltvorgang auf den älteren Mobilfunkstandard – im Fachjargon „Circuit Switched Fallback“ – bis zu 30 s dauern kann.

Nicht gerade vertrauensfördernd wirkt auf die Besitzer von LTE-Telefonen zudem, dass Downloads oder Surftouren im schnellsten Netz ohne Vorwarnung abgebrochen werden, wenn ein Anruf hereinkommt. Da dürfte den Nutzern eine Anfang Februar herausgegebene Jubelmeldung der Telefónica fast schon wie Hohn anmuten. Der Netzbetreiber habe „als Erster auf der Welt eine Technik demonstriert, die Telefongespräche ohne Unterbrechung aus dem LTE-Netz in das UMTS-Mobilfunknetz übergibt“. Weiter heißt es darin, nun sei der sogenannte Hand-
over möglich – unter realen Bedingungen im Labor.

Warum haben die gut organisierten Mobilfunker bei der Entwicklung des neuen Standards bloß so wenig Wert auf die Telefonie gelegt? Karsten Schröder, Head of Converged Solutions bei Telefónica, versucht sich an einer Erklärung: „Technisch ist die Telefonie über das LTE-Netz nicht so schwer umzusetzen. Die Technik ist aber derzeit bei keinem Netzbetreiber in Europa für Kunden nutzbar.“

Laut Schröder bieten Netzbetreiber etwa in den USA Telefonate über ihre LTE-Netze an – mit der Einschränkung, dass das Gespräch abbricht, sobald der LTE-versorgte Bereich verlassen wird. „In dieser Übergabe zwischen den Netzen liegt die große technische Herausforderung.“

Tatsächlich realisieren seit dem vergangenen Sommer die ersten Mobilfunkanbieter entsprechende Sprachdienste über das LTE-Netz. MetroPCS Communications in den USA und SK Telecom in Südkorea setzen dabei auf das auch hierzulande erhältliche Android-Smartphone Samsung Galaxy S III LTE mit HD-Voice-Funktion. Dessen AMR-Wideband-Codec-Technologie (AMR: Adaptive Multi-Rate, Standard zur Audiodatenkompression) soll eine erheblich bessere Sprachqualität liefern als die bisherige UMTS-Technik mit AMR-Narrowband-Codec. Voraussetzung ist allerdings, dass neben dem Anrufer auch dessen Gesprächspartner über ein entsprechend ausgestattetes Gerät verfügt.

Da mit VoLTE alle Telefonate digital über das Internetprotokoll abgewickelt werden, wären preisbewusste Mobilfunkkunden künftig mit einer günstigen Datenflatrate optimal versorgt – allerdings nur in der Theorie, wie das aktuelle Vorbild aus Asien zeigt. SK Telekom hat das bewährte (und für die Nutzer deutlich teurere) zeitbasierte Abrechnungsprinzip beibehalten. Sorgen, dass ein Telefonat in einem schlechter versorgten Gebiet abbricht, muss man sich in Korea allerdings kaum machen: Die Koreaner decken nach eigenen Angaben mit ihrem LTE-Netz rund 99 % der Bevölkerung ab und versprechen auch eine ordentliche Versorgung in Gebäuden.

Davon können die deutschen Konkurrenten nur träumen. Vodafone, Deutsche Telekom und die Telefónica-Tochter O2 sind angesichts des mobilen Internetbooms schon froh, die meisten Städte ab 100 000 Einwohnern mit LTE versorgen zu können – lästige Lücken inklusive.

Die kommerzielle Einführung von Voice-over-LTE steht für das kommende Jahr auf dem Plan. Samsungs Flaggschiff der Galaxy-Reihe soll sich dafür mit einem einfachen Software-Update aufrüsten lassen. Ob dies auch beim Apple iPhone 5 und anderen Smartphones möglich sein wird, steht in den Mobilfunk-Sternen.  FRANK ERDLE

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