Stromnetze 01.06.2001, 17:29 Uhr

Strom-Transit bringt Verluste

Die Liberalisierung der europäischen Strommärkte macht deutschen Netzbetreibern zu schaffen. Sie müssen für zunehmende Durchleitungen quer durch das Land gerade stehen.

Die Liberalisierung der Energiemärkte hat für deutsche Stromkunden eine teure Kehrseite: Sie müssen beispielsweise für den „schmutzigen Strom“ bezahlen, den die Niederländer derzeit vom umstrittenen tschechischen Atomkraftwerk Temlin beziehen. Die Verluste von rund 100 MW, die bei der Durchleitung der Energie von Tschechien über das heimische 380-kV-Hochspannungsnetz nach Holland entstehen, müssen deutsche Verbundunternehmen und damit die Verbraucher übernehmen. Der 100-MW-Leitungsverlust entspricht der Leistung des gesamten 100 000-Dächer-Solarprogramms. Mit diesem will die Bundesregierung alternative Stromerzeugung fördern.
Die deutschen Betreiber der Hochspannungsleitungen fürchten, dass in Zukunft „volkswirtschaftlich unsinnige Stromdurchleitungen“ wie das Temlin-Holland-Geschäft zunehmen werden. Die EU-Kommission in Brüssel fordert nämlich, dass die Durchleitung im Höchstspannungsnetz kostenfrei gestellt werden soll.
Die technischen Voraussetzungen für die Durchleitung haben die Verbundfirmen längst geschaffen. Im beschaulichen Brauweiler bei Köln unterhält die RWE Net AG ein Schaltzentrum des europäischen Leitungsnetzes. „Wir sind das Nervenzentrum des Verbunds für den nordeuropäischen Raum“, berichtet Klaus Kleinekorte, Leiter der RWE-Net-Systemführung und Chef in Brauweiler. Seine Aufgabe ist es, das RWE-Stromnetz immer so stark unter Spannung zu halten, dass alle Kunden ausreichende Strommengen in stabiler 50-Hz-Frequenz erhalten. „Einem Privatmann ist es im Zweifel egal, ob sein Fön wegen starker Stromschwankungen aufheult“, meint RWE-Netz-Vorstand Rolf Windmöller. „Doch könnte bei Strom-Frequenz-Schwankungen keine Firma beispielsweise ein Rohr exakt schweißen.“
Mit der Öffnung der Strommärkte ist das Geschäft der Netzbetreiber nicht einfacher geworden. Mussten zuvor RWE, VEW, EnBW, das Bayernwerk, PreußenElektra, die ostdeutsche Veag und die Bewag in Berlin jeweils nur dafür sorgen, dass ihre Netze stabil waren, so müssen nun die verbliebenen RWE Net, E.on, Veag und Bewag zusätzlich Durchleitungen gewährleisten. Vor allem die Franzosen und Tschechen mit ihren Atommeilern, aber auch Polen mit kaum gesäuberten Kohlekraftwerken sind an Exporten von „schmutzigem Strom“ interessiert. Ein großer Absatzmarkt sind derzeit die Niederlande, und in den meisten Fällen ist Deutschland das Transitland.
Eigentlich ist das deutsche Stromnetz für Durchleitungen in großem Stil ungeeignet. „Strom sollte maximal über 50 bis 60 Kilometer transportiert werden, um die Leitungsverluste einzugrenzen“, meint Windmöller. Daher hält der RWE-Konzern an verschiedenen Standorten im gesamten Versorgungsgebiet Kraftwerke vor. Doch jetzt ist es politischer Wille, dass Strom frei gehandelt werden kann.
Der Engpass ist dabei das Hochspannungsnetz. Net-Manager Kleinekorte schätzt, dass Strommengen von nicht einmal sechs herkömmlichen Kraftwerken das deutsche Netz und die Stromkupplungen an den Grenzen passieren könnten. Derzeit muss eine Gebühr von 0,125 Pf /kWh an der Grenze entrichtet werden, um die deutschen Netze zu benutzen. Wird von Tschechien nach Holland durchgeleitet, fällt die Gebühr bei jedem Grenzübergang und damit zweimal an. Doch nach dem Willen der Brüsseler Wettbewerbshüter soll diese Gebühr komplett entfallen.
Die deutschen Netzbetreiber stellen sich inzwischen auf die neuen Zeiten ein. Dabei gibt es zwei gegenläufige Entwicklungen: Der Bedarf nach Durchleitungen unter Höchstspannung steigt gleichzeitig legt die dezentrale Energieerzeugung durch kleine Gaskraftwerke, Windkraftwerke und andere Erzeuger zu. Binnen zehn Jahren sollen statt derzeit 15 % dann 30 % Strom dezentral erzeugt werden, hat RWE-Konzernchef Dietmar Kuhnt angekündigt.
„Wir brauchen dann eine ganz andere Netzstruktur“, meint Windmöller, der neben seinem Job als RWE-Net-Vorstand derzeit auch Vorsitzender der Deutschen Verbundgesellschaft (DVG) in Heidelberg ist. Die DVG ist der Zusammenschluss aller Netzbetreiber in Deutschland.
Um unsinnige Stromtransporte unattraktiv zu machen oder zumindest mit einem Marktpreis zu belegen, schlägt die DVG vor, dass eine Gebühr von 0,2 Pf / kWh erhoben werden soll. Bis Ende des Jahres, so hofft Windmöller, könnten die Brüsseler Behörden eine entsprechende Verordnung erlassen. „Wir betrachten uns dabei auch als Anwalt der Umwelt, der wir sinnloses Energieverpulvern ersparen wollen“, meint Klaus Kleinekorte. MARTIN ROTHENBERG

Stromaustausch auf ungewöhnlichen Wegen

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Der Stromaustausch Deutschlands mit den Nachbarländern ist fast ausgeglichen. So wurden nach Angaben der Deutschen Verbundgesellschaft (DVG) im vergangenen Jahr 44 900 GWh Strom importiert und 42 800 GWh exportiert. Der Strom geht dabei aber auch unerwartete Wege, wie eine Stromlieferung aus der Schweiz in die Niederlande zeigte: 56 % der Strommenge gingen aus der Schweiz direkt ins deutsche Netz und 25 % nach Frankreich. Überraschenderweise suchte aber auch ein kleiner Teil des Stromes den Weg über Italien und über Österreich, wodurch 10 % über Umwege in Deutschland landete. Letztlich flossen 66 % der gelieferten Menge über das deutsche Netz in die Niederlande. rd

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