Schwimmende Energiequelle 27.07.2018, 08:52 Uhr

Russland belädt erstes schwimmendes Atomkraftwerk

Die einen Länder schalten sie ab, die anderen machen sie mobil. Russland hat kürzlich das erste schwimmende Kernkraftwerk ins Wasser gelassen und damit eine neue Art der dezentralen Energieversorgung möglich gemacht. Nun beginnt die riskante Beladung.

Akademik Lomonossow auf See

Die Akademik Lomonossow ist das erste schwimmende Kernkraftwerk Russlands.

Foto: LEVFEDOSEEV/Rosenergoatom

Mit zwei weiteren Jahren Verspätung wurde vor wenigen Wochen das erste schwimmende Kernkraftwerk der Welt im Hafen von St. Petersburg eingeweiht. Kurz darauf verließ die „Akademik Lomonossow“ den Hafen mithilfe von Schleppern Richtung Murmansk. Das Atomschiff wurde in St. Petersburg im Auftrag des Staatskonzerns Rosatom gebaut und ist derzeit das einzige Schiff seiner Art. Aufgrund von Bürgerprotesten in St. Petersburg wurden die zwei Reaktoren, die sich an Bord der Akademik Lomonossow befinden, zunächst nicht in Betrieb gesetzt. Nun verkündete der Kraftwerksbetreiber Rosenergoatom, dass das schwimmende AKW in Murmansk angekommen sei und die Beladung der Reaktoren mit nuklearem Brennstoff begonnen hat.

Akademik Lomonossow vor ersten Tests

Nach der Beladung der Reaktoren folgt die Testphase. Vitaliy Trutnev, Abteilungsleiter Bau und Betrieb der Akademik Lomonossow erklärt: „Die nächsten Schritte, die bis Ende des Jahres erfolgen werden, sind zum einen das Hochfahren der Reaktoren und die ersten Tests zur komplexen Verankerung des Schiffes.“ Dafür müssten aber erst die Genehmigungen der zuständigen Nuklearaufsichtsbehörde Rostekhnadzor vorliegen.

Das Ziel der Akademik Lomonossow ist die nördlichste Stadt Russlands, Pewek. Dort soll das Schiff die Grundlage einer autonomen Energieversorgung werden und die russischen Bohrinseln sowie Pewek und seine 5.000 Einwohner mit Strom und Wärme beliefern. Im Jahr 2019 soll es dort den Betrieb aufnehmen. Das Schiff wiegt 21.000 Tonnen und ist 144 mal 30 Meter groß. Mit seinen beiden KLT-40S-Reaktoren kann es eine Gesamtleistung von 70 Megawatt (je 35 MW) erzeugen und damit theoretisch eine mittelgroße Stadt mit 100.000 Einwohnern versorgen. Es ist das größte Schiff einer Serie von mobilen Kleinkraftwerken, die Russland derzeit plant.

Das Wettrennen um fossile Brennstoffe

In der Region Tschukotka, in der Pewek liegt, werden derzeit verstärkt Öl- und Gasvorkommen ausgebeutet. Nicht zuletzt, weil die riesigen Eisdecken durch die globale Erwärmung schmelzen und somit neue Wege für Schiffe und Eisbrecher frei werden. Russland erhofft sich durch den Einsatz der SMR-Technologie (SMR steht für Small Modular Reactors) eine dezentrale und flexible Energieversorgung für diesen strategisch wichtigen Standort. Bereits 2014 berichtete ingenieur.de von dem Projekt, das damals in Konkurrenz zu Arbeiten am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA stand. Mittlerweile arbeiten weitere Länder wie China an solchen SMR-Konzepten, um sich Rohstoffe und Schifffahrtswege zu sichern.

SMR ist keine neue Technologie

Auch wenn das schwimmende Atomkraftwerk Akademik Lomonossow das erste Modell seiner Art ist – die Technologie an Bord ist seit Jahrzehnten bekannt. Die kleinen modularen Kernreaktoren werden seit den 1950er Jahren, vor allem als Triebwerk in Atom-U-Booten und Eisbrechern, eingesetzt. Auch die USA nutzten schon in den 1970er Jahren ein schwimmendes Atomkraftwerk, um seine Militäreinrichtungen mit Strom zu versorgen, gaben das Konzept wenige Jahre später jedoch auf. Es sind vor allem Sicherheitsaspekte, die die schwimmenden Kernkraftwerke verhindern. Die Konstrukteure des neuen russischen Schiffs haben laut eigenen Angaben deshalb besonders viel Zeit in die Sicherheit investiert.

Reaktoren vor Terror und Naturkatastrophen geschützt

 Ein neuartiges Containmentsystem soll das Schiff sowohl vor Naturkatastrophen als auch vor Terroranschlägen ausreichend schützen. Rosatom versichert, man habe beim Bau alle Sicherheitsstandards der internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) eingehalten und darüber hinaus ein System entwickelt, das auch im Falle einer Kernschmelze kein radioaktives Material nach außen lassen soll. Sogar Erdbeben der Stärke 10 habe man simuliert, um zu testen, wie das System funktioniert, sollte die Akademik Lomonossow aufgrund eines Tsunami an Land gespült werden. Der Bau dieses Containmentsystems hat die Fertigstellung des Schiffs um acht Jahre verzögert. Geplant war die Inbetriebnahme ursprünglich nämlich im Jahr 2010.

Greenpeace kritisiert schwimmendes AKW scharf

 Schon seit Jahren streiten sich verschiedene Länder bezüglich der Sicherheit von Atomkraftwerken. Auch die weltweit agierende Umweltschutzorganisation Greenpeace spricht sich seit langem gegen Kernkraft aus und kritisierte schon im Vorfeld den Einsatz der russischen Akademik Lomonossow. Greenpeace weist dabei vor allem auf die doppelte Schlagkraft gegen die Natur hin. Der Greenpeace-Experte für Atomenergie, Heinz Smital, sagt: „Die Risikotechnologie Atomenergie wird auf einem Schiff noch unsicherer und sie soll genutzt werden, um mehr klimaschädliche Öl- und Gasvorkommen in der Arktis auszubeuten.“ Zudem befürchten Gegner, dass die schwimmende Konstruktion besonders anfällig für Stürme auf hoher See sei und nicht ausreichend vor Terroranschlägen geschützt werden kann. An Bord sollen schließlich abgebrannte Brennstäbe bis zu zwölf Jahre lang gelagert werden. Damit verwandelt sich das Schiff in ein schwimmendes AKW mit angeschlossenem Zwischenlager. Diese Tatsache hält Greenpeace für „ein unakzeptables Sicherheitsrisiko“. Die Umweltschützer schlagen stattdessen erneuerbare Energien wie Wind- und Wasserkraft als sichere Alternative im nördlichen Teil Russlands vor.

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