Oxford-Analyse: 90 % der Industrie könnte längst elektrifiziert sein
Fossile Risiken wachsen: Laut Oxford könnten 90 % der Industrie elektrisch laufen. Warum der Umbau trotzdem stockt.
Energiekrisen als Warnsignal: Warum die Industrie laut Oxford längst elektrifizieren könnte – und es nicht tut.
Foto: Smarterpix / Vobelima
Die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen ist für die weltweite Industrie zu einem Sicherheitsrisiko geworden. Während Lieferketten schwanken und geopolitische Spannungen die Energiepreise unvorhersehbar in die Höhe treiben, zeigt eine aktuelle Untersuchung der Universität Oxford einen klaren Ausweg auf. Die Forschenden kommen zu dem Ergebnis, dass rund 90 % des industriellen Energiebedarfs bereits heute oder in naher Zukunft durch elektrische Technologien gedeckt werden könnten.
Das Ende der fossilen Preis-Achterbahn
Die Analyse „High Voltage“ legt offen, wie anfällig das bestehende System ist. Etwa 75 % der globalen Industrie hängen direkt oder indirekt an fossilen Energieträgern. Entsprechend hart treffen Preissprünge die Unternehmen. Die vergangenen Jahre liefern genügend Beispiele. Die Gaskrise 2022 brachte Teile der europäischen Industrie an ihre Grenzen. Aktuell sorgen Spannungen rund um die Straße von Hormus erneut für Unsicherheit auf den Energiemärkten.
In Asien hatten steigende Preise für Flüssigerdgas (LNG) bereits konkrete Folgen. In Pakistan mussten Fabriken zeitweise schließen. In Japan und Südkorea stiegen die Produktionskosten deutlich. Jan Rosenow, Professor für Energie- und Klimapolitik an der Universität Oxford, bringt die Lage auf den Punkt:
„Die Industrie hat nun innerhalb von drei Jahren zwei große Schocks im Zusammenhang mit fossilen Brennstoffen erlebt. Zuerst die Gaskrise von 2022 und nun Hormuz. Irgendwann muss man sich fragen: Wie oft muss der Alarm noch losgehen, bevor wir das System ändern?“
Die Technik ist bereit – aber nicht für alles
Genau hier widerspricht die Oxford-Analyse einer verbreiteten Annahme. Die Elektrifizierung gilt oft als langfristiges Projekt. Der Bericht zeigt: Viele Lösungen sind längst verfügbar. Die Forschenden haben mehr als 1600 Klimaszenarien mit technischen Studien abgeglichen. Beide Ansätze führen zum selben Ergebnis.
Elektrische Wärmepumpen, Elektrokessel und Widerstandsheizungen können einen großen Teil der industriellen Prozesswärme liefern. Erste Großprojekte zeigen, dass der Einsatz im industriellen Maßstab funktioniert. Bei BASF in Ludwigshafen wurde ein 95 t schwerer Verdampfer für eine leistungsstarke Industrie-Wärmepumpe installiert. In Thailand ging eine industrielle Wärmebatterie für ein Zementwerk innerhalb weniger Monate ans Netz.
Ganz so einfach ist der Umbau jedoch nicht. In Branchen wie Stahl, Zement oder Chemie stoßen elektrische Verfahren an physikalische Grenzen. Sehr hohe Temperaturen oder komplexe chemische Prozesse lassen sich nicht ohne Weiteres elektrifizieren. In solchen Fällen braucht es zusätzliche Lösungen, etwa Wasserstoff oder synthetische Energieträger.
Cassandra Etter-Wenzel vom Environmental Change Institute betont dennoch die grundsätzliche Richtung: „Detaillierte technische Studien und 1600 globale Klimaszenarien kommen beide zu demselben Ergebnis: Bis zu 90 % des industriellen Energiebedarfs könnten letztendlich elektrifiziert werden. Das Potenzial ist nicht das Hindernis.“
Politische Hürden und verzerrte Preise
Wenn die Technik verfügbar ist, stellt sich die Frage nach dem langsamen Fortschritt. Der Bericht sieht die Ursachen vor allem in politischen Rahmenbedingungen. In vielen Ländern ist Strom durch Abgaben künstlich verteuert, während fossile Energieträger vergleichsweise günstig bleiben. Für Unternehmen ergibt sich daraus ein schiefes Bild: Die langfristig stabilere Lösung wirkt kurzfristig teurer.
Hinzu kommt ein praktisches Problem. Viele Betriebe bekommen schlicht keinen Anschluss. Netzkapazitäten fehlen oder Genehmigungen ziehen sich über Jahre. Projekte, die technisch und wirtschaftlich sinnvoll wären, bleiben dadurch liegen.
Mehr Strombedarf, neue Verwundbarkeit
Die Elektrifizierung beseitigt die Probleme nicht, sie verschiebt sie. Der Energiebedarf wandert vom Gas- und Ölmarkt ins Stromsystem. Entsprechend steigt der Bedarf an Strom deutlich an. Ohne schnellen Ausbau von Netzen und erneuerbaren Energien entstehen neue Engpässe.
Die Verwundbarkeit verschwindet also nicht, sie verlagert sich. Statt von Pipelines und Tankern hängt die Industrie künftig stärker von Strompreisen, Netzinfrastruktur und Rohstoffen für Energietechnik ab. Das reduziert geopolitische Risiken, ersetzt sie aber nicht vollständig.
Investitionen als eigentliche Hürde
Für Unternehmen entscheidet am Ende nicht die Technik, sondern die Investition. Bestehende Anlagen lassen sich oft nicht einfach umrüsten. Der Umbau erfordert hohe Summen und lange Planungszeiträume. Viele Unternehmen zögern, weil sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen jederzeit ändern können.
Der Oxford-Bericht nennt deshalb konkrete Instrumente, um den Umbau abzusichern:
- CO2-Differenzkontrakte
- staatliche Förderprogramme
- zinsgünstige Finanzierungen
Solche Modelle verteilen Risiken und erleichtern den Einstieg in neue Technologien.
Resilienz wird zum Wettbewerbsfaktor
Trotz aller offenen Fragen bleibt der strategische Vorteil klar. Unternehmen, die ihre Prozesse elektrifizieren, entziehen sich einem Teil der fossilen Preisdynamik. Sie gewinnen an Planungssicherheit.
„Die Branchen, die am schnellsten elektrifizieren, werden nicht mehr Opfer der nächsten Krise sein“, sagt Rosenow. „Jede Einheit fossiler Brennstoffe, die aus einem industriellen Prozess entfernt wird, ist eine Einheit, die nicht mehr durch eine Pipeline-Sperrung, eine Meerenge-Sperrung oder einen Preisanstieg in Geiselhaft genommen werden kann.“
Der Befund ist eindeutig: An der Technik scheitert der Umbau nicht. Entscheidend ist, ob Politik und Industrie die strukturellen Hürden schnell genug beseitigen.
Ein Beitrag von: