All Electric Society bei Phoenix Contact? Woran es in der Praxis hakt
Alle Energieströme elektrisch zu gestalten, das ist der Ansatz der All Electric Society. Wie er den Weg dorthin erlebt und worüber er sich ärgert, schildert Ulrich Leidecker, Sprecher der Geschäftsführung von Phoenix Contact.
Im All Electric Society Park zeigt Phoenix Contact, wie die Elektrifizierung in Gebäuden und Fabriken mit erneuerbaren Energien funktioniert. Es geht aber längst nicht nur um Elektrizität.
Foto: Martin Ciupek
Phoenix Contact betreibt seit knapp drei Jahren einen „All Electric Society Park“ am Stammsitz in Blomberg, eine Art begehbares Labor für Sektorenkopplung, Ladeinfrastruktur und vernetzte Energiesysteme. Daneben hat das Unternehmen eine eigene Produktionshalle nach demselben Prinzip umgerüstet.
Ulrich Leidecker, Sprecher der Geschäftsführung, zieht im Gespräch eine ehrliche Zwischenbilanz: Was funktioniert in der Praxis, wo musste nachjustiert werden, und warum bremsen Bürokratie und fehlende Planungssicherheit die Elektrifizierung in Deutschland aus?
Inhaltsverzeichnis
- Drei Jahre All Electric Society Park
- Ladestation mit Laborcharakter: Hersteller testen im Park Elektrofahrzeuge
- Elektrische Lösungen greifbar machen
- So nutzt Unternehmenssprecher Leidecker elektrische Energie privat
- Deshalb kommt die Elektrifizierung in Deutschland schleppend voran
- Effizienzsteigerung in der Industrie
- Standardisierung und Offenheit in der Fabrikautomation
Drei Jahre All Electric Society Park
VDI nachrichten: Ihren „All Electric Society Park“ gibt es seit nicht einmal drei Jahren. Ziel ist es, die nachhaltige Zukunft durch Nutzung regenerativer Energien, Vernetzung und effiziente Speicherung erlebbar zu machen. Was hat Sie hier bisher besonders beeindruckt?
Leidecker: Ehrlich gesagt: die Resonanz. Und zwar ausdrücklich auch die aus der Bevölkerung. Schulklassen kommen, Universitäten organisieren Exkursionen. Der Park ist frei zugänglich, nur mit einer Kameraüberwachung, um Vandalismus vorzubeugen. An den Wochenenden kommen viele Radfahrgruppen vorbei, machen hier Station, besuchen den Park und laden ihre E‑Bikes auf.
Wir haben aber ebenso viele professionelle Besuchergruppen, darunter auch politische Prominenz. Kurz gesagt: Unsere Erwartungen sind deutlich übertroffen worden.
Gab es zwischendurch auch Momente des Zweifelns?
Man denkt bei so einer Investition natürlich an die Halbwertszeit, die in der Regel begrenzt ist. Wenn ich aber sehe, wie langsam sich manche Dinge in unserer Welt leider verändern, bin ich optimistisch, dass das, was wir hier zeigen, noch lange aktuell bleiben wird. Das liegt insbesondere an der Sektorenkopplung und der Vernetzung der Energiesegmente, die im Park anschaulich wird.
Für uns stellt sich vielmehr die Frage, wie wir die Technologie nachrüsten. Wir haben derzeit einen Container für Power‑to‑X, also für einen Elektrolyseur und eine Brennstoffzelle, der noch unbestückt ist. Wir könnten zwar eine kleine Anlage kaufen, warten aber auf eine angemessene Größenordnung – inklusive der gesamten Wasserstoffperipherie.
Wasserstoff? Das entspricht aber nicht ganz dem Grundgedanken der kompletten Elektrifizierung.
Da bin ich zuversichtlich, dass wir technologisch noch viel lernen werden. Vielleicht erfolgt die Energiespeicherung künftig gar nicht über das aggressive Medium Wasserstoff, sondern beispielsweise über Ammonium und Methan oder andere chemische Speicher.
Ladestation mit Laborcharakter: Hersteller testen im Park Elektrofahrzeuge
Stimmt es, dass auch Elektroautohersteller vorbeikommen, um neue Fahrzeugtechnologien an Ihren Schnellladesystemen zu testen?
Ja. Unsere Ladestation hat immer noch ein bisschen Laborcharakter, in dem Sinne, dass wir hier mehr Eingriffe vornehmen dürfen, als das bei öffentlicher Ladeinfrastruktur möglich wäre.
Wir veranstalten regelmäßig Events, bei denen Anbieter von Ladeinfrastruktur und Fahrzeughersteller – insbesondere aus dem Nutzfahrzeugbereich – zu uns kommen. Dann wird ausgelotet, was technisch machbar ist und wie viel Leistung sich aus einer Batterie ziehen lässt. Das ist auch für uns ausgesprochen spannend.

Elektrische Lösungen greifbar machen
Inwiefern hat sich Ihre Sichtweise auf die All Electric Society in den vergangenen drei Jahren verändert?
Sie hat sich verändert – und das ist gut so. Wir bei Phoenix Contact haben das Zielbild bereits seit 2017/2018. Damals gab es noch eine leicht verklärte Wahrnehmung, dass wir damit quasi die Welt retten könnten. So einfach ist es nicht.
Heute arbeiten wir stärker auf der Umsetzungsebene. Wir sprechen von „Integrated Energy Solutions“, statt im abstrakten Begriff der All Electric Society zu verharren. Durch unseren All Electric Society Park und die nach demselben Konzept aufgebaute Fabrik wird für die Menschen greifbar, welche Wirkung diese Lösungen tatsächlich entfalten.
Hier wird Ihnen ein externer Inhalt von instagram.com angezeigt.
Mit der Nutzung des Inhalts stimmen Sie der Datenschutzerklärung
von youtube.com zu.
Mich interessiert der interne Lernprozess. Was hat Ihr Unternehmen in dieser Zeit konkret gelernt?
Sehr viel! Direkt neben unserem Pavillon steht zum Beispiel Gebäude 3, ein Produktionsgebäude. Das mussten wir in den „Energy Scope“ mit einbeziehen, auch thermisch. Anfangs herrschte große Unsicherheit, wie das mit Luftwärmepumpen funktionieren kann. Es gab kaum Erfahrungswerte und noch keine Standards.
Das ist typisch: Auf der PowerPoint-Folie spielt alles wunderbar zusammen, in der Realität geht es dann um Themen wie Server‑ und Broker‑Architekturen, Lastmanagement und vieles mehr. Dass zunächst jeder seinen eigenen Kommunikationsstandard etablieren will, kennen wir aus der Industrie schon von der Feldbus‑Diskussion. Dabei haben wir viel gelernt, auch in Bezug auf Datenbankstandards sowie Monitoring- und Managementsysteme. Die eigentlichen Schlüsselaufgaben liegen in der Integration.
Gelernt haben wir auch in Sachen Dimensionierung von Anlagen und im realen Betrieb. Man macht zu Beginn Annahmen, etwa zum angestrebten Autarkiegrad. Aber erst nach einigen Jahren weiß man, wo man tatsächlich landet. Wir haben deshalb mehrfach nachjustiert und sind jetzt auf einem sehr guten Weg.
So nutzt Unternehmenssprecher Leidecker elektrische Energie privat
Und wie sieht es bei Ihnen im Privathaushalt aus?
Als Elektrotechnik‑Ingenieur bin ich überzeugter Fan elektrischer Energie. Auf meinem Hausdach habe ich beeindruckende 24 kW Peak installiert. Dabei habe ich viel darüber gelernt, was erlaubt ist, welche technischen Anforderungen gelten und mit wem man alles sprechen muss. Allein der Start der Einspeisevergütung durch den Vertragspartner hat zwei Jahre gedauert. Auf dem Papier wirkt das alles zunächst einfach, in der Praxis trifft man dann auf die deutsche Bürokratie.
Haben Sie ein Beispiel dafür?
Wir haben einen Zweirichtungszähler. Für die eingespeiste Energie erhalte ich 8,2 Cent pro Kilowattstunde, für den Strombezug zahle ich im Schnitt rund 30 Cent/kWh. Das ist nicht wirklich fair.
International ist das sehr unterschiedlich geregelt. In den Niederlanden wird beispielsweise schlicht saldiert, in Belgien kann ich meine negative Regelleistung verkaufen. In Deutschland gibt es hier noch deutlich Luft nach oben, um private Haushalte stärker zu motivieren.
Deshalb kommt die Elektrifizierung in Deutschland schleppend voran
Woran liegt es Ihrer Ansicht nach, dass die Umstellung bei anderen Privathaushalten und bei Fabrikbetreibern so schleppend vorankommt?
Der größte Feind von Investitionen ist Unsicherheit. Wenn Sie heute eine Investition angehen und den Return on Investment berechnen, stehen Sie vor vielen Unbekannten. Sie wissen nicht, ob ein Industriestrompreis kommt, wie die Einspeisevergütung künftig geregelt wird und vieles mehr.
Aus diesem Grund sind viele Unternehmen im industriellen Umfeld sehr zurückhaltend. Alle machen ein bisschen etwas, um dabei zu sein, aber kaum jemand weiß, ob sich der Return on Investment über die Lebensdauer einer Anlage tatsächlich stabil darstellen lässt. Man geht also erhebliche Risiken ein – im Positiven wie im Negativen.
Effizienzsteigerung in der Industrie
Kommen wir von der Energiewende zur zweiten Großbaustelle in der Industrie: der digitalen Transformation. Phoenix Contact hat sich sehr früh bei Industrie 4.0 engagiert. Ist das noch ein Thema?
Absolut, zu 100 %. Auch wenn wir den Begriff Industrie 4.0 inzwischen kaum noch verwenden. Wir sprechen lieber von der Digitalisierung der Fabrik, der Optimierung von Produktionsumgebungen mit digitalen Tools und dem Einsatz künstlicher Intelligenz.
Im Kern geht es um Effizienzsteigerung in der Fabrikautomation – über alle Branchen hinweg. Dazu gehören das Monitoring der großen Produktionsmittel und eine transparente Datenerfassung. Einen CO₂‑Fußabdruck können Sie einzelnen Produkten oder Warengruppen nur zuordnen, wenn Sie den Energieverbrauch und weitere relevante Parameter im Produktionsprozess sauber erfassen. Das Thema Digitalisierung wird daher kontinuierlich fortgeführt.
Kritiker sagen, Industrie 4.0 sei tot oder werde zumindest viel zu langsam umgesetzt. Wie sehen Sie das?
Das Thema Industrie 4.0 ist keineswegs zum Erliegen gekommen, aber es ist mühsam. Der Aufbau gemeinsamer Plattformen auf Basis der Asset Administration Shells (Verwaltungsschalen) ist langwierig. Aber Entwicklungen wie der digitale Produktpass werden uns deutlich voranbringen. Es gibt gute Fortschritte.
Manchmal ist es trotzdem frustrierend zu sehen, was technisch möglich wäre und wie wenig davon in der gleichen Zeit tatsächlich umgesetzt wird. Da muss ich mich emotional gelegentlich ein Stück weit zurücknehmen.
Standardisierung und Offenheit in der Fabrikautomation
Sie haben Standardisierung als großes Thema angesprochen. Gleichzeitig setzen Sie mit PLCnext auf Offenheit. Wie passt das zusammen?
Das passt ideal. Auf nichtproprietären Systemen lassen sich Standards überhaupt erst sinnvoll ausprägen. Wenn ich proprietär unterwegs bin, habe ich faktisch schon meinen eigenen Standard. Dann wird es schwierig, darauf noch einen weiteren Standard aufzusetzen, zu dem andere freien Zugang haben. Auf offenen Plattformen ist es deutlich einfacher, gemeinsam nutzbare Standards zu etablieren.
Natürlich gelten auch dort klare Regeln. Wer etwas über unseren PLCnext Store anbieten will, muss definierte Sicherheitsstandards erfüllen und diese auch nachweisen. Gleichzeitig steht aber vieles bereit, das in der Breite genutzt und maximal offen bespielt werden kann.
In den vergangenen Jahren war die Virtualisierung von Hardwarefunktionen ein großes Thema. Bekommt das durch den Einsatz von KI einen zusätzlichen Schub?
Das kann ich weder klar bestätigen noch dementieren. Virtualisierung bietet bereits für sich genommen enorme Vorteile. Wenn ich verschiedene Instanzen einer Steuerungsplattform über eine Orchestrierung von Containersystemen abbilden kann, funktioniert das in verteilten Systemen mit hoher Rechenleistung unglaublich schnell. Virtualisierung unterstützt das massiv.
Auch bei digitalen Zwillingen von Anlagen bin ich mit virtualisierten Lösungen sehr gut unterwegs. Bei KI geht es zunächst darum, die Anwender zu befähigen, diese Technologien möglichst sicher in die industrielle Praxis zu bringen. Das ist bereits ein Riesenschritt. Mit virtuellen Steuerungen gelingt das deutlich einfacher.
Ein Beitrag von: