74,2 % Wirkungsgrad: Bayerisches Start-up baut Megafactory für Kraftwerke, die Wasserstoff erzeugen
Reverions reversible Container-Kraftwerke erzeugen Strom aus Biogas, wandeln Überschussstrom in Wasserstoff um und scheiden CO₂ ab. Jetzt hat das Start-up 175 Mio. $ eingesammelt und will seine Produktion verzehnfachen. Wer das Geld gibt, woher die Nachfrage kommt und was die Anlagen können.
Klein zwischen den Fermentern: Ein Reverion-Container an einer Biogasanlage. Bei Stromüberschuss wechselt das Kraftwerk in den Elektrolysebetrieb.
Foto: Reverion
175 Mio. US-$ für eine neue Megafactory: Das bayerische Start-up Reverion will mit seiner bislang größten Finanzierungsrunde die Produktion seiner Kraftwerke verzehnfachen. Die Anlagen zielen gleich auf drei festgefahrene Energiedebatten: Wasserstoff, Biogas und CO₂-Abscheidung.
Unter den vielen Energiedebatten in Deutschland sind drei besonders eng verzahnt, und bei allen herrscht im besten Fall Stillstand, im schlimmsten Verzweiflung.
- Der Wasserstoffhochlauf stockt; von den bis 2030 angepeilten 10 GW Elektrolyseleistung stehen bislang knapp 0,2 GW.
- Über Abscheidung, Transport und Speicherung von CO₂ wird gestritten, seit die Bundesregierung der Technologie den Weg geebnet hat.
- Und fast 10.000 Biogasanlagen stehen vor einer ungewissen Zukunft, weil das neue EEG ihnen nur noch einen Teil der Betriebsstunden vergütet und mehr Flexibilität abverlangt.
Ein containerisiertes Kraftwerk aus Bayern soll alle drei Baustellen zugleich adressieren. Es…
- erzeugt Strom aus Biogas oder Wasserstoff
- schaltet bei Stromüberschuss in den Elektrolysebetrieb um und
- fängt das anfallende CO₂ ab, statt es in die Atmosphäre zu entlassen.
Entwickelt hat es das Start-up Reverion, eine Ausgründung der Technischen Universität München mit Sitz in Eresing. Jetzt meldet das Unternehmen die größte Finanzierungsrunde seiner Geschichte: 175 Mio. US-$ (rund 150 Mio. €) fließen in einer Series B, angeführt vom Deeptech- und Klimafonds Kembara. Neu an Bord sind unter anderem Allianz und KfW Capital.
Mit dem Geld will Reverion eine Megafactory in Deutschland bauen und die Produktion verzehnfachen: Das Ziel sind 250 MW Fertigungskapazität pro Jahr und bis zu 800 neue Stellen. Die Brennstoffzellen-Stacks dafür hatte sich das Unternehmen bereits im August mit einem Großauftrag beim südkoreanischen Hersteller Doosan Fuel Cell gesichert.
Woher kommt die Nachfrage, und was können die Anlagen wirklich? Reverion-CEO Stephan Herrmann gibt Antworten.
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Wie das reversible Kraftwerk funktioniert
Von außen sieht die Anlage aus wie ein Schiffscontainer. Im Inneren arbeiten keramische Festoxid-Brennstoffzellen (SOFC), die bei hohen Temperaturen Gas elektrochemisch in Strom umwandeln, ohne Verbrennung und ohne bewegliche Teile.
Das Besondere am Reverion-Design: Dieselben Zellen lassen sich auch umgekehrt betreiben. Im Elektrolysemodus (SOEC) machen sie aus überschüssigem Wind- und Solarstrom grünen Wasserstoff oder synthetisches Methan. Erzeugung und Speicherung stecken also in einem Gerät, ein separater Elektrolyseur entfällt. „Anders als ein klassisches Kraftwerk, das entweder läuft oder steht, sind unsere Systeme im Grunde permanent aktiv, nur eben in unterschiedlichen Modi“, sagt Reverion-CEO Stephan Herrmann.
USP in der Kombination
Das Prinzip ist grundsätzlich bekannt, weltweit arbeiten Forschende an seiner Optimierung. Die eigentliche Herausforderung liege gar nicht in der Brennstoffzelle selbst, sagt Herrmann, sondern im sogenannten Balance of Plant, also allem, was um die Zelle herum passieren muss. Zentral sei das Temperaturmanagement: Beim Umschalten muss die Betriebstemperatur exakt im richtigen Fenster bleiben, sonst leidet die Brennstoffzelle. „Wir haben bekannte Technologien im Prozessmanagement so kombiniert, wie es vorher noch niemand gemacht hat“, sagt Herrmann.
Bei Reverion kommt noch die CO₂-Abscheidung hinzu. Sie ist kein angeflanschtes Extra, sondern eine Folge der spezifischen Funktionsweise: Weil die Brennstoffzelle das Gas nicht mit Luft verbrennt, sondern der Sauerstoff durch die Keramikmembran wandert, bleibt im Abgas kein Stickstoff zurück. Übrig bleiben im Wesentlichen CO₂ und Wasserdampf, die sich einfach trennen lassen. Das CO₂ kann dann industriell genutzt oder gespeichert werden.
Was die Doosan-Stacks anders macht
Der Stack, den Doosan Fuel Cell liefert, basiert auf einer Technologiekooperation mit dem britischen Unternehmen Ceres Power. Er arbeitet bei rund 620 °C, klassische Festoxidzellen benötigen mehr als 800 °C. Die moderatere Temperatur erlaubt eine größere Materialauswahl, was die Lebensdauer der Komponenten erhöht. Doosan fertigt die Stacks bereits in etablierter Serienproduktion. Der Konzern hat darin einige Erfahrung, gehört die Mutter doch zu den größten Industrieunternehmen des ostasiatischen Landes.

Seit dem vergangenen Jahr laufen Doosan-Stacks bereits im kommerziellen Dauerbetrieb an Kundenstandorten von Reverion, nach einer erfolgreich abgeschlossenen Technologievalidierung. „Die Stacks liefern zuverlässig unseren Wirkungsgrad von über 74 %“, so Herrmann. „Das zeigt, dass die Partnerschaft nicht nur auf dem Papier funktioniert, sondern in der Praxis.“ Zum Vergleich: Ein gasbetriebenes Blockheizkraftwerk kommt elektrisch auf rund 40 %. Langfristig peilt Reverion 80 % an.
Rechenzentren treiben die Nachfrage
Sieben Anlagen an sechs Standorten hat Reverion derzeit im Feld, weitere sind im Bau. Den Wirkungsgrad von 74,2 %, nach eigenen Angaben Weltrekord für thermische Kraftwerke, zeigte das Unternehmen erstmals bei den Stadtwerken Mühlacker. Beim Steckverbinderhersteller Harting in Espelkamp ist eine Anlage Teil des Energiesystems, in Erkelenz versorgt eine sogar ein Krankenhaus mit Strom. Interessant sei die Technik überall dort, wo Biogas, Erdgas oder Wasserstoff produziert oder verstromt wird, so Herrmann, also für Biogasanlagenbetreiber, Stadtwerke und Energieversorger.
Der stärkste Schub kommt inzwischen aber von einer anderen Kundengruppe: Rechenzentren. Sie brauchen Strom schneller, als das öffentliche Netz ihn liefern kann, und stoßen mit ihren Anschlussanfragen vielerorts an Grenzen. Reverions Container lassen sich direkt vor Ort aufstellen und liefern rund um die Uhr, ohne auf einen Netzausbau zu warten. Die Anlagen laufen dort mit Biogas oder Erdgas aus dem örtlichen Netz; im Biogasbetrieb wird die Stromversorgung eines Rechenzentrums laut Reverion sogar zur CO₂-Senke. Den enormen Energiebedarf der Rechenzentren will das Unternehmen so netzunabhängig und effizienter decken als mit klassischen Gasmotoren.
Die Biogasbranche, auf die Reverion ebenfalls zielt, befindet sich derzeit an einem Wendepunkt. Das geplante EEG 2027 verlangt von Biogasanlagen, nicht mehr rund um die Uhr zu laufen, sondern flexibel einzuspringen, wenn Wind und Sonne ausfallen. Letztlich also genau das, was die Bayern versprechen. Warum steigen die Betreiber dann nicht einfach um? „Um ehrlich zu sein: Viele wollen das ja unbedingt“, antwortet Herrmann. Die Kundenpipeline beziffert das Unternehmen auf über 2 Mrd. US-$. „Wir müssen aber unsere Produktion erst hochfahren, weil die Nachfrage um Größenordnungen über dem liegt, was wir aktuell produzieren können.“
175 Mio. $ für die Megafactory
Diesen Engpass soll die Series B Finanzierungsrunde beseitigen. Am Stammsitz Eresing ist das Team nach eigenen Angaben zuletzt von 100 auf über 200 Mitarbeitende gewachsen. Die geplante Megafactory, ein zusätzlicher Standort in Deutschland, soll die Kapazität auf 250 MW pro Jahr heben. Das wäre das Zehnfache des heutigen Ausstoßes und Reverion zufolge genug für bis zu 800 neue Arbeitsplätze. Wo genau sie entsteht, lässt das Unternehmen offen.
„Mit dem Abschluss der Series B legen wir den Grundstein für die industrielle Großserienfertigung unserer Technologie“, sagt Herrmann. Lead-Investor Kembara begründet den Einstieg mit den Hyperscalern: Die bräuchten enorme, verlässliche Leistung, könnten aber keine Abstriche bei ihren Klimazielen machen, so Robert Trezona, Leiter des Bereichs Klima bei Kembara.
Die Doosan-Partnerschaft vom August ist Teil dieses Plans. Die Koreaner exportieren zum ersten Mal in dieser Größenordnung und sichern sich so den Einstieg in den europäischen Markt. „Diese Liefervereinbarung ist bedeutend, da sie unsere technologischen Fähigkeiten und unsere Massenproduktionskapazität für SOFC-Kernkomponenten bestätigt“, meint Jaedong Youn, Executive Vice President des Brennstoffzellenbauers.
Warum die Stacks aus Korea kommen
Warum kommt die Kernkomponente der Bayern eigentlich aus Südkorea? Herrmanns Antwort: „Die Stacks selbst basieren auf einer Technologie von Ceres Power aus Großbritannien, insofern kommt die Technologie durchaus aus Europa. Was in Europa aktuell fehlt, ist die industrielle Fertigungskapazität zu wettbewerbsfähigen Kosten in dieser Größenordnung.“
Doosan habe in den vergangenen Jahren massiv in eine Serienfertigung für SOFC-Stacks investiert. „Ich gehe aber davon aus, dass sich das mit wachsender Nachfrage auch bei uns in Europa noch entwickeln wird.“
Vom Container zum Kraftwerkspark?
Die aktuelle Anlagengeneration leistet 100 kW Stromerzeugung, die Leistung pro Einheit liegt laut Reverion inzwischen bei 500 kW. Langfristig zielt das Unternehmen auf den Bereich jenseits von 10 MW. Technische Hürden sieht der CEO dafür nicht: „Ehrlich gesagt ist unser größter Engpass gerade schlicht die Fertigungskapazität.“
Auch wirtschaftlich gibt sich Herrmann selbstbewusst: In einigen Anwendungsfällen rechneten sich die Anlagen bereits ohne Förderung. Entscheidend sei die Kombination mehrerer Erlösquellen, von der Gas- oder Stromeinspeisung über eine eigene CNG-Tankstelle bis zur Vermarktung des abgeschiedenen CO₂. Ob das reicht, um aus drei festgefahrenen Energiedebatten ein Geschäftsmodell zu machen? Wie schnell die Megafactory einsatzbereit ist, könnte einen ersten Hinweis darauf geben.
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