Wasserstoff in Deutschland: Der Hochlauf stockt – diese 10 Projekte laufen trotzdem
Trotz schleppendem Hochlauf entsteht in Deutschland schon heute das Fundament der Wasserstoffwirtschaft von 2050. Zehn Projekte von Sunfire, Siemens Energy, Lhyfe, Shell, Uniper, Ontras, EWE, Ineratec, Salzgitter und H2 Mobility zeigen, was möglich ist. Dazu geben Führungskräfte aus den Unternehmen exklusive Einblicke.
Kennzeichnung einer Wasserstoffleitung: Der Aufbau von Erzeugung, Netzen und Anwendungen läuft – aber langsamer als geplant.
Foto: picture alliance/dpa | Hendrik Schmidt
Wie sieht die deutsche Wasserstoffwirtschaft im Jahr 2050 aus? Wer eine Antwort sucht, sollte zunächst auf den Ist-Zustand schauen. Und der ist ernüchternd. Ende 2025 standen in Deutschland Elektrolyseure mit einer Gesamtleistung von knapp 0,2 GW. Die Nationale Wasserstoffstrategie der Bundesregierung peilt bis 2030 mindestens 10 GW an, der VDI e.V. hält in seinem aktuellen Impulspapier „Impulse zum Hochlauf einer Wasserstoffwirtschaft“ selbst eine korrigierte Spanne von 5 GW bis 10 GW für „zunehmend unwahrscheinlich“.
Woran es hakt, hat der VDI-Zukunftsdialog unter Leitung von Prof. Michael Sterner in einem knapp einjährigen Prozess mit Fachleuten aus Industrie, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft analysiert. Das Ergebnis: Der Hochlauf scheitert nicht an der Technik, sondern an einem zu hohen Risiko für Erzeuger auf der einen und Anwender auf der anderen Seite.
- H2-Erzeuger investieren nicht ohne gesicherte Abnahme.
- Potenzielle H2-Anwender stellen ohne gesichertes Wasserstoffangebot nicht um.
Das Papier spricht von einem „Mengenrisiko“ und einem „Erlösrisiko„, die sich gegenseitig blockieren. Ein klassisches Henne-Ei-Problem, das sich durch alle drei Wertschöpfungsstufen zieht: Erzeugung, Infrastruktur und Anwendung. Eine begleitende Umfrage unter 316 Fachleuten bestätigt das. Die größten Hemmnisse sind demnach nicht technischer, sondern politisch-administrativer Natur: fehlende langfristige Rahmenbedingungen und zu langsame Genehmigungsverfahren.
Und trotzdem geht es voran. Quer durch Deutschland zeigen Projekte schon heute, dass die Technik funktioniert und das Henne-Ei-Problem lösbar ist, wenn Abnehmer und Erzeuger sich frühzeitig binden, bestehende Infrastruktur klug umgewidmet wird und Importrouten entstehen. Zehn dieser Vorreiterprojekte stellen wir hier entlang der Wertschöpfungskette vor, von der 300-MW-Elektrolyse in Lingen über das mitteldeutsche H2-Startnetz bis zum grünen Stahl aus Salzgitter. Zu jedem Vorhaben beantworten Expertinnen und Experten aus den beteiligten Unternehmen drei Fragen – darunter auch die, wie ihr Konzept ins Jahr 2050 passt.
Inhaltsverzeichnis
- 1. Erzeugung mit AEL: Lingen Green Hydrogen
- 2. Erzeugung mit PEM: Trailblazer Oberhausen
- 3. Produktion: H2-Aspen in Schwäbisch Gmünd (Lhyfe)
- 4. Produktion: Refhyne I und II in Wesseling (Shell Energy)
- 5. Import: Unipers Demo-Ammoniakcracker Gelsenkirchen
- 6. Transport: Ontras H2-Startnetz Mitteldeutschland
- 7. Ökosystem: Clean Hydrogen Coastline (EWE)
- 8. Nutzung: e-Fuels aus dem Era One in Frankfurt am Main (Ineratec)
- 9. Nutzung: SALCOS – Grüner Stahl bei Salzgitter
- 10. Nutzung: Europas leistungsstärkste Wasserstofftankstelle (H2 Mobility)
- Fazit: Was bis 2050 noch passieren muss
1. Erzeugung mit AEL: Lingen Green Hydrogen

Der Dresdener Elektrolyseurhersteller Sunfire liefert die Technologie (100 MW, AEL) für das Projekt.
Foto: Sunfire
Fakten zum Projekt |
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| Standort | Lingen (Ems), Niedersachsen |
| Geplante Inbetriebnahme | 2026 (200 MW), 2027 (volle 300 MW) |
| Kapazität | 300 MW, 5,6 t grüner Wasserstoff pro Stunde |
| Sunfire-Technologie | Druck-Alkali-Elektrolyse (Sunfire-HyLink Alkaline) |
| Besonderheit | Langzeit-Abnahmevertrag mit TotalEnergies: 30.000 t grüner Wasserstoff pro Jahr (2030–2044), jährliche CO₂-Einsparung: 300.000 t |
Im niedersächsischen Lingen entsteht eines der größten Wasserstoffprojekte Deutschlands: Ab 2027 wird hier mit 300 MW Leistung bis zu 5,6 t grüner Wasserstoff pro Stunde produziert – genug, um eine Großstadt wie Hannover theoretisch einen ganzen Tag lang mit klimaneutralem Energieträger zu versorgen. Das Projekt GET H2 Nukleus verbindet RWEs Infrastruktur mit moderner Elektrolyse-Technologie. Sunfire liefert dabei einen 100-MW-Alkali-Elektrolyseur, ein Drittel der 300-MW-Gesamtkapazität.
Das Besondere: Der Wasserstoff hat bereits einen festen Abnehmer, bevor die erste Anlage läuft. RWE und TotalEnergies haben einen wegweisenden Langzeitvertrag geschlossen: 30.000 t grüner Wasserstoff pro Jahr fließen ab 2030 für 14 Jahre in die Total-Raffinerie in Leuna. Dort ersetzt er fossilen Wasserstoff in der Kraftstoffproduktion und spart jährlich 300.000 t CO₂ ein, so viel wie 140.000 Pkw ausstoßen. Grüner Wasserstoff wird in Lingen nicht nur produziert, sondern auch wirklich gebraucht.
Drei Fragen an Nils Aldag, Sunfire-CEO
2. Erzeugung mit PEM: Trailblazer Oberhausen

Die PEM-Elektrolyseure produzieren seit 2024 grünen Wasserstoff für Air Liquide.
Foto: Andreas Hackl/Hacklfoto/Siemens Energy
Fakten zum Projekt |
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| Standort | Oberhausen |
| Projektstart | 2021 |
| Inbetriebnahme | 2024 |
| Kapazität | 20 MW, bis zu 2900 t erneuerbarer Wasserstoff pro Jahr |
| Technologie | PEM-Elektrolyse (Siemens Energy Elyzer P-300) |
| Partner | Siemens Energy, Air Liquide |
| Besonderheit | Erstes staatlich gefördertes Elektrolyseprojekt im Rahmen der deutschen Wasserstoffstrategie. Erste Anlage in Deutschland mit offizieller RFNBO-Zertifizierung (ISCC-EU). |
Im Chemiepark von OQ Chemicals in Oberhausen produziert seit 2024 eine 20-MW-Elektrolyseanlage bis zu 2900 t grünen Wasserstoff pro Jahr. Das Projekt Trailblazer von Air Liquide und Siemens Energy war die erste Elektrolyseanlage, die im Rahmen der deutschen Wasserstoffstrategie staatlich gefördert wurde. Die Förderung durch das BMWK lief seit Juli 2021, die Inbetriebnahme erfolgte 2024.
Der Siemens Energy Elyzer P-300 wurde direkt an das über 220 km lange Wasserstoff-Pipelinenetz von Air Liquide angeschlossen. Industriekunden in Nordrhein-Westfalen – Chemieindustrie, Raffinerien und Mobilitätsanbieter – werden seither über die bestehende Infrastruktur beliefert, ohne dass neue Pipelines gebaut werden mussten. Im April 2025 kam ein weiterer Meilenstein hinzu: Als erste Anlage in Deutschland erhielt Trailblazer die offizielle RFNBO-Zertifizierung nach ISCC-EU-Standard. Die Erkenntnisse aus diesem 20-MW-Projekt fließen heute in zehnmal größere Anlagen wie Normand’Hy (Frankreich) und ELYgator (Niederlande) ein.
Drei Fragen an Alexey Ustinov, Leiter Nachhaltige Energiesysteme bei Siemens Energy
3. Produktion: H2-Aspen in Schwäbisch Gmünd (Lhyfe)

Die 10-MW-Anlage von Lhyfe in Schwäbisch Gmünd wurde im Oktober 2025 eingeweiht.
Foto: Lhyfe.
Fakten zum Projekt |
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| Standort | Schwäbisch Gmünd, Baden-Württemberg |
| Projektstart | 2023 |
| Inbetriebnahme | Oktober 2025 (Einweihung), kommerzieller Betrieb ab 2026 |
| Kapazität | 10 MW, bis zu 4 t grüner Wasserstoff pro Tag |
| Technologie | PEM-Elektrolyse, modulare Container-Architektur |
| Besonderheit | Erste Lhyfe-Produktionsanlage außerhalb Frankreichs. Vertrieb via eigener Tube-Trailer-Flotte statt Pipeline. |
Auf einem 1 ha großen Industriegelände in Schwäbisch Gmünd produziert Lhyfe seit diesem Jahr bis zu 4 t grünen Wasserstoff pro Tag. Die 10-MW-Anlage ist die erste Produktionsstätte des aus der Region von Nantes stammenden Unternehmens außerhalb Frankreichs.
Anders als viele geförderte Einzelprojekte zielte das Unternehmen von Anfang an auf den freien Markt. Die Nachfrage kommt vor allem aus der Mobilität: Busflotten in ganz Deutschland werden von hier aus über regionale Tankstellen beliefert, die zum Beispiel H2 Mobility betreibt. Auch Forschungszentren, Brennstoffzellenhersteller und spezialisierte Industriebetriebe gehören zum Kundenstamm. Bis H2-Pipelines verfügbar sind, setzt Lhyfe für den Transport auf eine eigene Flotte von Tube-Trailern.
Drei Fragen an Luc Graré, Leiter Mittel- und Osteuropa bei Lhyfe
4. Produktion: Refhyne I und II in Wesseling (Shell Energy)

Refhyne 2 nähert sich der Fertigstellung.
Foto: Shell Energy and Chemicals Park Rheinland
Fakten zum Projekt |
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| Standort | Wesseling, Shell Energy and Chemicals Park Rheinland |
| Projektstart | REFHYNE 1: 2021; REFHYNE 2: Baubeginn November 2024 |
| Inbetriebnahme | REFHYNE 1: 2021; REFHYNE 2: 2027 |
| Kapazität | REFHYNE 1: 10 MW; REFHYNE 2: 100 MW (bis zu 16.000 t H₂/Jahr) |
| Technologie | PEM-Elektrolyse (Polymer-Elektrolyt-Membran), H₂-Qualität nach EN 17124:2018 bei 30 bar |
| Partner | ITM Power, Linde, TECNALIA, ERM, SINTEF AS, CONCAWE |
| Förderung | EU Horizon 2020 (Fördervereinbarung Nr. 101036970, koordiniert von CINEA) |
| Besonderheit | Zweistufiges Konzept: REFHYNE 1 als Pilotanlage und Testfeld, REFHYNE 2 als Skalierung auf industriellen Maßstab. Zusammen decken beide Elektrolyseure ca. 10 % des jährlichen Wasserstoffbedarfs am Standort. RFNBO-Zertifizierung. |
Im Shell Energy and Chemicals Park Rheinland in Wesseling betreibt der Mineralölkonzern bald zwei PEM-Elektrolyseure für die Dekarbonisierung seiner Raffinerie. REFHYNE 1, seit 2021 in Betrieb, dient als 10-MW-Pilotanlage und Testfeld für Datenqualität, Automatisierung und RFNBO-Zertifizierung. REFHYNE 2, für das am 5. März 2026 Richtfest gefeiert wurde, skaliert die Technologie auf 100 MW und soll ab 2027 bis zu 16.000 t erneuerbaren Wasserstoff pro Jahr produzieren.
Zusammen decken beide Elektrolyseure etwa 10 % des jährlichen Wasserstoffbedarfs des Standorts. REFHYNE 2 besteht aus 10 Modulen à 10 MW mit jeweils 15 Stacks (0,7 MW) und produziert Wasserstoff bei 30 bar mit Strom aus Solar- und Windenergie. Ziel von Shell ist es, mit dem grünen Wasserstoff den CO2-Fußabdruck der in der Raffinerie hergestellten Kraftstoffe und Chemikalien zu reduzieren.
Drei Fragen an Frank Kießlich, Business Opportunity Manager Rheinland Electrolysers bei Shell
5. Import: Unipers Demo-Ammoniakcracker Gelsenkirchen

Rendering des Ammoniak-Demo-Crackers am Uniper-Kraftwerksstandort in Gelsenkirchen-Scholven. Bild: Uniper
Fakten zum Projekt |
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| Standort | Gelsenkirchen-Scholven |
| Projektstart | 2025 (Baubeginn April 2025) |
| Geplante Inbetriebnahme | Ende 2026, Testbetrieb ab Anfang 2027 |
| Kapazität | Bis zu 28 t Ammoniak/Tag (≈ 4 t Wasserstoff/Tag) |
| Technologie | Katalytisches Ammoniak-Cracking |
| Partner | Uniper & Thyssenkrupp Uhde |
| Besonderheit | Eine der ersten industriellen Demonstrationsanlagen für Ammoniak-Cracking weltweit. Blaupause für Wasserstoff-Importterminal Wilhelmshaven (HITW). |
Auf dem Kraftwerksgelände in Gelsenkirchen-Scholven entsteht eine der weltweit ersten industriellen Demonstrationsanlagen für Ammoniak-Cracking. Ab Ende 2026 will der Düsseldorfer Gasimporteur und -händler hier täglich bis zu 28 t Ammoniak in etwa 4 t Wasserstoff und Stickstoff spalten – eine Schlüsseltechnologie für den internationalen Wasserstoffhandel. Die Bauarbeiten haben im April 2025 begonnen.
Die Anlage dient als Blaupause für Unipers geplantes Wasserstoff-Importterminal in Wilhelmshaven (HITW), wo die Technologie großindustriell zum Einsatz kommen soll. Ammoniak eignet sich wegen seiner höheren Energiedichte als Trägermedium für den Wasserstoff-Transport über große Distanzen, vor allem per Schiff. Während der direkte Wasserstofftransport technisch und wirtschaftlich aufwändig ist, lässt sich Ammoniak vergleichsweise einfach verflüssigen und in großen Mengen verschiffen. Uniper hat sich bereits Lizenzpakete für bis zu sechs kommerzielle Cracking-Anlagen mit einer Gesamtkapazität von 7200 t Ammoniak pro Tag von Thyssenkrupp Uhde gesichert.
Drei Fragen an Holger Kreetz, COO von Uniper
6. Transport: Ontras H2-Startnetz Mitteldeutschland

Das Ontras H2-Startnetz verbindet auf 600 km die Industriestandorte Berlin, Leipzig, Magdeburg, Salzgitter und Mittelsachsen. Das erste Teilstück ist seit April 2025 in Betrieb.
Foto: Ontras
Fakten zum Projekt |
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| Standort | 600 km in Mittel- und Ostdeutschland (Sachsen-Anhalt, Niedersachsen, Brandenburg, Sachsen) |
| Projektstart | Dezember 2022 |
| Geplante Inbetriebnahme | Erstes Teilstück seit April 2025 in Betrieb, danach sukzessive ab 2027 |
| Technologie | 80 % Umstellung bestehender Erdgasleitungen, 20 % Neubau |
| Ankerkunden | BMW-Werk Leipzig (ab Ende 2027), TotalEnergies |
| Besonderheit | Teil des deutschlandweiten Wasserstoff-Kernnetzes. IPCEI-gefördertes Großprojekt Green Octopus Mitteldeutschland. BMW-Werk Leipzig wird weltweit erste Autofabrik mit direktem H2-Netzanschluss. |
In Ost- und Mitteldeutschland entsteht in den kommenden Jahren das Ontras H2-Startnetz und verbindet auf rund 600 km die Industriestandorte Berlin, Leipzig, Magdeburg, Salzgitter und Mittelsachsen mit Erzeugern, Importpunkten und Speichern. Rund 80 % der Leitungen entstehen durch Umstellung bestehender Erdgaspipelines, nur 20 % müssen neu gebaut werden. Dieser Ansatz spart Zeit und Kosten.
Erste Abnehmer gibt es bereits: Ab Ende 2027 wird das BMW-Werk Leipzig als weltweit erste Autofabrik direkt ans Wasserstoffnetz angeschlossen. Der erste Abschnitt des Startnetzes ging bereits 2025 beim Energiepark Bad Lauchstädt in Betrieb. Das „Reallabor der Energiewende“ in Sachsen-Anhalt soll zeigen, wie Wasserstofftransport in der Praxis funktioniert.
Drei Fragen an Tino Falley, Ontras H2-Programmmanager
7. Ökosystem: Clean Hydrogen Coastline (EWE)

Die 320-MW-Elektrolyseanlage in Emden soll Ende 2027 in Betrieb gehen und jährlich bis zu 26.000 t grünen Wasserstoff produzieren. Bild: EWE
Fakten zum Projekt |
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| Standort | Nordwestdeutschland (Emden, Huntorf, Jemgum, Leer, Sandkrug, Sande, Wiefelstede, Bremerhaven) sowie Rüdersdorf bei Berlin |
| Projektstart | 2022 |
| Geplante Inbetriebnahme | Elektrolyse Emden und H2-Speicher Huntorf: voraussichtlich Ende 2027 |
| Kapazität | 320 MW Elektrolyse, bis zu 26.000 t Wasserstoff/Jahr |
| Technologie | PEM-Elektrolyse (Siemens Energy), Kavernenspeicher (Huntorf), 5 Wasserstoffleitungen (H2Coastlink 1-5) |
| Partner | Siemens Energy (Elektrolyse), Salzgitter Flachstahl GmbH (erster langfristiger Abnehmer) |
| Besonderheit | IPCEI-Projekt mit systemischem Ansatz: Erzeugung, Speicherung und Transport von Anfang an integriert. H2Coastlink umfasst fünf Leitungsabschnitte mit einer Gesamtlänge von rund 239 km plus Anschluss an Hyperlink (Gasunie) und H2ercules (OGE) für die überregionale Anbindung. Gigawatt-Skalierung vorgesehen. |
In Emden baut EWE eine Wasserstofferzeugungsanlage mit einer Leistung von 320 MW, die voraussichtlich Ende 2027 fertiggestellt wird und direkt ins Wasserstoff-Kernnetz einspeist. Mit bis zu 26.000 t grünem Wasserstoff pro Jahr soll sie vor allem Stahlindustrie und Petrochemie beliefern. Einen ersten großen Abnehmer hat EWE bereits gefunden: Ab 2030 soll die Salzgitter Flachstahl GmbH über zunächst sieben Jahre jährlich rund 10.000 t grünen Wasserstoff aus Emden beziehen.
Der Elektrolyseur ist Teil des mehrteiligen Gesamtprojekts Clean Hydrogen Coastline. Insgesamt investiert EWE rund eine Milliarde Euro in Wasserstoffprojekte und Aktivitäten. Mehrere Teilprojekte werden über das europäische IPCEI-Programm durch Bund und Länder gefördert. In dem Nordwest-Projekt plant EWE Erzeugung, Speicherung und Transport von Anfang an integriert. Die Elektrolyse in Emden wird über fünf Leitungsabschnitte (H2Coastlink 1-5) mit Kavernenspeichern in Huntorf verbunden.
Ende Juni 2026 erfolgte der Spatenstich für H2Coastlink 1, die erste Wasserstoffpipeline im Nordwesten. Die 24 Kilometer lange Leitung zwischen Emden und Leer soll im Herbst 2027 in Betrieb gehen und den Elektrolyseur mit dem Wasserstoff-Kernnetz verbinden. EWE betreibt 37 Salzkavernen und verfügt damit über 15 % der deutschen Kavernenspeicher, die perspektivisch für Wasserstoff geeignet sind. Über Anschlusspunkte an Gasunie (Hyperlink), OGE (H2ercules) und eine 70-km-Leitung von Wilhelmshaven nach Leer wird Clean Hydrogen Coastline zudem Teil des deutschlandweiten Kernnetzes.
Drei Fragen an Dr. Geert Tjarks, Leiter Projektentwicklung Wasserstoff im EWE-Konzern
8. Nutzung: e-Fuels aus dem Era One in Frankfurt am Main (Ineratec)

Era One im Industriepark Höchst: Die laut Betreiber größte Power-to-Liquid-Anlage Europas produziert seit Mai 2025 bis zu 2500 t e-Fuels pro Jahr.
Foto: Ineratec
Fakten zum Projekt |
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| Standort | Frankfurt am Main, Industriepark Höchst |
| Projektstart | Spatenstich 2023 |
| Inbetriebnahme | Mai 2025 (offizielle Eröffnung Juni 2025) |
| Kapazität | Bis zu 2500 t e-Fuels pro Jahr |
| Technologie | Power-to-Liquid (Reverse Water-Gas Shift + Fischer-Tropsch-Synthese, mikrostrukturierte Reaktoren) |
| Investitionsvolumen | >40 Mio. € (Gesamtfinanzierung: 70 Mio. € inkl. EIB und Breakthrough Energy Catalyst) |
| Partner | Infraserv Höchst (CO₂ aus Biogasanlage, H₂ aus Chlorproduktion) |
| Besonderheit | Europas größte Power-to-Liquid-Anlage. Erste kommerzielle e-Fuel-Produktion in Europa. Modularer Aufbau, ab 2026 Upgrading zu drop-in e-SAF. |
Im Frankfurter Industriepark Höchst produziert Ineratec seit Mai 2025 bis zu 2500 t e-Fuels pro Jahr – laut Unternehmen ist es Europas größte Power-to-Liquid-Anlage. Sie nutzt CO2 aus einer Biogasanlage und grünen Wasserstoff als Nebenprodukt der Chlorproduktion, beide direkt aus dem Industriepark. In mikrostrukturierten Reaktoren wird über Fischer-Tropsch-Synthese synthetisches Rohöl hergestellt, das zu e-Diesel, e-Kerosin und nachhaltigen Kunststoffen weiterverarbeitet wird.
Die e-Fuels sind „drop-in ready“, können also ohne Anpassungen in bestehenden Flugzeugtriebwerken und Schiffsantrieben eingesetzt werden. Ab 2026 erweitert Ineratec Era One um Isomerisierung und Hydrocracking, um e-SAF direkt in normkonformer Qualität zu produzieren. Bis 2030 will das Unternehmen die jährliche Produktion durch weitere Projekte vervielfachen, um die ReFuelEU-Aviation-Verordnung zu erfüllen, die fixe e-Fuel-Quoten für den Flugzeugbetrieb vorsieht.
Drei Fragen an Tim Böltken, CEO und Mitgründer von Ineratec
9. Nutzung: SALCOS – Grüner Stahl bei Salzgitter

Bau im laufenden Betrieb: Die Direktreduktionsanlage (rechts, 140 m hoch) und der Elektrolichtbogenofen (links) entstehen mitten auf dem Werksgelände – eine „Operation am offenen Herzen“.
Foto: Salzgitter
Fakten zum Projekt |
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| Standort | Salzgitter |
| Projektstart | 2015; Investitionsentscheidung SALCOS Stufe 1: 2023 |
| Geplante Inbetriebnahme | Sommer 2027 |
| Kapazität | 1,9 Mio. t CO₂-armer Rohstahl (SALCOS Stufe 1), 30 % CO₂-Reduktion in Primärstahlerzeugung |
| Technologie | 100-MW-Elektrolyse (Andritz/Hydrogen Pro), Direktreduktionsanlage (Energiron ZR®), Elektrolichtbogenofen (EAF) |
| Investitionsvolumen | 2,7 Mrd. € (SALCOS Stufe 1), davon ca. 1,322 Mrd. € Förderung (Bund + Land Niedersachsen) |
| Partner | Energiron, Tenova, Danieli, DSD Montagetechnik, Primetals, Kranbau Köthen, Andritz, Siemens Energy, Uniper, EWE |
| Besonderheit | Bau im laufenden Betrieb („Operation am offenen Herzen“). Einzigartige DRP-EAF-Route in Europa. Ankerprojekt des Wasserstoffkernnetzes mit bis zu 150.000 t H₂-Bedarf/Jahr. Reduktion um 95 % CO₂ bis Mitte 2030er-Jahre technisch möglich (= 1 % der deutschen Emissionen). |
Deutschlands erste großskalige Direktreduktionsanlage (DRI-Anlage) für grünen Stahl entsteht in Salzgitter. Ab Sommer 2027 will der Konzern in der ersten Programmstufe von SALCOS jährlich 1,9 Mio. t CO2-armen Rohstahl erzeugen. Bis Mitte der 2030er-Jahre sollen die drei Hochöfen komplett durch eine DRP-EAF-Route ersetzt werden, was technisch eine CO2-Reduktion um 95 % ermöglicht – und 1 % der gesamten deutschen Emissionen einsparen würde.
Das Prinzip: In der Direktreduktion reagiert Wasserstoff mit dem Sauerstoff im Eisenerz (Eisenoxid) direkt im festen Zustand und wandelt dieses in Eisenschwamm um. Statt CO2 entsteht Wasser. Eine 100-MW-Elektrolyse von Andritz produziert dafür ab 2027 rund 9000 t grünen Wasserstoff pro Jahr. Da SALCOS perspektivisch bis zu 150.000 t H2 jährlich benötigt, bestellt Salzgitter zusätzlichen Wasserstoff.
Der Bau erfolgt im laufenden Betrieb mitten auf dem Werksgelände. Mit einem Investitionsvolumen von 2,7 Mrd. € für Stufe 1, wovon 1,322 Mrd. € durch Bund und Land Niedersachsen gefördert werden, war SALCOS das erste IPCEI-Wasserstoff-Vorhaben Deutschlands.
Drei Fragen an Heike Denecke-Arnold, CEO Salzgitter Flachstahl GmbH und Leiterin des Geschäftsbereichs Stahlerzeugung
10. Nutzung: Europas leistungsstärkste Wasserstofftankstelle (H2 Mobility)

Luftaufnahme der Tankstelle in Düsseldorf. Die MVA im Hintergrund liefert den Strom für die Wasserstoffproduktion.
Foto: H2 Mobility
Fakten zum Projekt |
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| Standort | Düsseldorf, Höherweg |
| Projektstart | Spatenstich März 2024 |
| Inbetriebnahme | Mai 2025 (Eröffnung 26. Mai 2025) |
| Kapazität | Bis zu 5 t Wasserstoff pro Tag |
| Technologie | Patentierte Hochleistungs-Verdichtertechnologie, 350/500/700 bar, bis zu 3 Fahrzeuge gleichzeitig |
| Förderung | 3,137 Mio. € (BMVI/NIP2) |
| Partner | Stadtwerke Düsseldorf (2-MW-Elektrolyseur), Rheinbahn (20 Brennstoffzellenbusse) |
| Besonderheit | Europas leistungsstärkste öffentliche Wasserstofftankstelle. Kreislaufkonzept: Lokale H₂-Produktion aus Abfallenergie der Müllverbrennungsanlage. Neue Tankstellengeneration für Nutzfahrzeuge. |
Am Düsseldorfer Höherweg hat H2 Mobility im Mai 2025 nach eigenen Angaben Europas leistungsstärkste öffentliche Wasserstofftankstelle eröffnet. Mit einer Tageskapazität von bis zu 5 t Wasserstoff kann sie den Bedarf von rund 100 Brennstoffzellen-Bussen oder Lkw decken. Die patentierte Hochleistungs-Verdichtertechnologie ermöglicht die gleichzeitige Betankung von bis zu drei Fahrzeugen in allen gängigen Druckstufen (350, 500 und 700 bar).
Ab 2026 versorgt ein 2-MW-PEM-Elektrolyseur der Stadtwerke Düsseldorf die Tankstelle mit lokal produziertem Wasserstoff. Der dafür notwendige Strom stammt aus biogenen Anteilen der Müllverbrennungsanlage der Stadtwerke. Einer der Hauptkunden ist die Rheinbahn, die bereits 20 Wasserstoffbusse (Solaris Urbino 12 Hydrogen) in ihrer Flotte betreibt. Die neue Tankstelle liegt unweit des Betriebshofs Lierenfeld und erspart den Bussen den bisherigen Umweg zur 350-bar-Tankstelle in Reisholz.
Drei Fragen an Franz Fronzke, Geschäftsführer und COO von H2 Mobility
Fazit: Was bis 2050 noch passieren muss
Die zehn Projekte zeigen: Motivierte und leistungsfähige Akteure gibt es auf allen Wertschöpfungsstufen. Doch fast alle Befragten konstatieren dasselbe – nicht die Technik bremst, sondern der Rahmen. Zu diesem Befund kommt auch der VDI-Zukunftsdialog.
„Nach der Veröffentlichung der ersten Ergebnisse des VDI-Zukunftsdialogs Wasserstoff im April 2025 konnten allerdings keine nennenswerten Fortschritte beim Wasserstoffhochlauf erzielt werden“, schreibt VDI-Direktor Adrian Willig im Vorwort des Impulspapiers. „Die vorliegende Publikation verdeutlicht, welche Schritte jetzt konkret angegangen werden müssen.“
In seinem Impulspapier hat der VDI 28 konkrete Maßnahmen erarbeitet und zu zwei Maßnahmenpaketen gebündelt:
- Das erste stärkt die Erzeugung grünen Wasserstoffs, etwa über eine Grüngasquote und eine Differenzkostenförderung mit Doppelauktionen nach dem Vorbild von H2Global.
- Das zweite setzt bei der industriellen Nachfrage an und soll das Mengenrisiko für Anwender senken, zum Beispiel, indem CO₂-armer Wasserstoff übergangsweise zugelassen wird.
Entscheidend ist aus Sicht des VDI, dass Mengen- und Erlösrisiko gemeinsam adressiert werden, mit Planungssicherheit deutlich über 2030 hinaus. Denn die Anlagen, die heute gebaut werden – ob Elektrolyseur, Pipeline oder Direktreduktionsanlage – müssen sich über Jahrzehnte amortisieren. Sie sind zugleich die Keimzellen des Energiesystems von 2050, in dem Wasserstoff erneuerbaren Strom saisonal speichert, die Industrie defossilisiert und Schiffe wie Flugzeuge antreibt.
Das Impulspapier ist Teil der VDI-Initiative „Zukunft Deutschland 2050„, die Empfehlungen für Schlüsseltechnologien des Standorts Deutschland entwickelt. Wer tiefer einsteigen will: Die vollständige Publikation gibt es hier kostenlos zum Download.
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