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Wasserstoff aus Hochtemperatur-Elektrolyse: Nucera steigt aus, Sunfire baut weiter

20. August 2026

Spatenstich mit vier Personen
In Schwarzheide fiel am 19. August der Startschuss für Sunfires SOEC-Testanlage: Während die Konkurrenz ihre Hochtemperatur-Pläne begräbt, will der Dresdner Hersteller hier seine leistungsstärkste Produktgeneration zur Serienreife bringen. Beim Spatenstich dabei (v. l.): Anne Francken und Jürgen Fuchs (Geschäftsführung BASF InfraService & Solutions Lausitz), Sunfire-CEO Nils Aldag und CTO Christian von Olshausen. Foto: BASF InfraService & Solutions Lausitz GmbH
Binnen einer Woche zeigen zwei deutsche Hersteller, wie offen die Zukunft der Hochtemperatur-Elektrolyse ist: Thyssenkrupp Nucera beerdigt seine Serienfertigung, Sunfire beginnt den Bau einer neuen Testanlage. Die SOEC-Technologie steht auf dem Prüfstand.
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Kaum eine Wasserstoff-Technologie polarisiert die Branche derzeit so wie die Hochtemperatur-Elektrolyse (SOEC). Am 12. August erklärte der Dortmunder Hersteller Thyssenkrupp Nucera, den Aufbau einer eigenen Serienfertigung nicht weiterzuverfolgen, und schreibt dafür rund 30 Mio. € ab. Eine Woche später setzte Sunfire im Industriepark Lausitz den Spatenstich für eine Testanlage, mit der die Dresdner dieselbe Technologie zur Marktreife bringen wollen.

Zwei Entscheidungen, eine Frage: Erlebt die SOEC gerade eine normale Konsolidierung, oder zeigt der Rückzug von Nucera, dass die effizienteste Elektrolyse-Technologie den Sprung in die Serie vorerst nicht schafft? Ein Blick auf die Technik, die beiden Strategien und den Weltmarkt hilft bei der Einordnung.

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Inhaltsverzeichnis

Was die Hochtemperatur-Elektrolyse anders macht

Alle Elektrolyseure spalten Wasser mit Strom in Wasserstoff und Sauerstoff. Der Unterschied liegt darin, bei welcher Temperatur das passiert. Alkalische und PEM-Elektrolyseure arbeiten unterhalb von 100 °C, die SOEC dagegen bei rund 850 °C. Statt flüssigen Wassers zerlegt sie Wasserdampf, und die Energie dafür muss nicht komplett aus der Steckdose kommen: Wo ohnehin heiße Abwärme anfällt, etwa in Stahlwerken oder Raffinerien, ersetzt diese einen Teil des Stroms.

Das Ergebnis sind Wirkungsgrade, die keine andere Elektrolyse-Technologie erreicht. In der Rotterdamer Neste-Raffinerie erzielt eine 2,6-MW-Anlage von Sunfire laut Hersteller bis zu 84 %; alkalische und PEM-Systeme liegen üblicherweise zwischen 60 % und 80 %. Für die dritte Gerätegeneration erwartet Sunfire sogar bis zu 89 %. Ein weiterer Vorteil: Die keramischen Zellen kommen weitgehend ohne Edelmetalle aus, während PEM-Elektrolyseure auf Iridium und Platin angewiesen sind.

Die 850 °C beanspruchen die Materialien jedoch stark, die Anlagen brauchen lange Anfahrzeiten und eine konstante Wärmequelle. Die SOEC ist daher ein Spezialist für Industriestandorte mit Abwärme, kein Allrounder für den Windpark. Und sie ist jünger und weniger ausgereift als ihre Geschwister: Während alkalische Elektrolyseure und PEM seit langem etabliert sind und in Serie produziert werden, existiert die SOEC bislang nur in Pilot- und Demonstrationsanlagen.

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Thyssenkrupp Nucera: Aus nach 15 Monaten Pilotfertigung

Thyssenkrupp Nucera hatte ambitioniert gestartet. Im März 2024 sicherten sich die Dortmunder per strategischer Partnerschaft mit dem Fraunhofer IKTS eine Lizenz für dessen SOEC-Stacktechnologie. Im Mai 2025 eröffnete man in Arnstadt eine Pilotfertigung mit einer anvisierten Kapazität von 8 MW pro Jahr als Vorstufe einer vollautomatisierten Großserienfertigung. Die SOEC sollte neben der alkalischen Elektrolyse das zweite Standbein im Wasserstoffgeschäft werden.

Knapp 15 Monate nach der Eröffnung ist damit Schluss. Nach „sorgfältiger strategischer Bewertung der Marktreife, des Investitionsbedarfs und der wirtschaftlichen Perspektiven“ werde man den Aufbau einer eigenen Serienfertigung nicht weiterverfolgen, teilte das Unternehmen am 12. August mit. Der verzögerte Markthochlauf habe die erwartete Nachfrage deutlich beeinträchtigt.

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Fokus auf alkalische Elektrolysetechnologien

Heißt: Es gibt schlicht zu wenige Kunden, die Hochtemperatur-Elektrolyseure bestellen. Die Entscheidung kostet Nucera rund 30 Mio. €, im Wesentlichen für die Abschreibung der Pilotanlage und aktivierter Entwicklungsleistungen. Was aus dem Standort Arnstadt und den dort aufgebauten Kompetenzen wird, prüft das Unternehmen derzeit.

Der Wasserelektrolyse bleibt man nichtsdestotrotz treu. Nuceras Auftragseingang im Segment Grüner Wasserstoff stieg in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres sogar von 23 auf 184 Mio. €, vor allem dank des 300-MW-Auftrags für das Moeve-Projekt in Südspanien – das alkalische Elektrolyse nutzt. Künftig konzentriert sich die Thyssenkrupp-Tochter auf das etablierte Chlor-Alkali-Geschäft, die alkalische Wasserelektrolyse und demnächst die Hochdruck-Elektrolyse.

Sunfire: Spatenstich statt Rückzug

Sunfire zieht das genaue Gegenteil durch. Am 19. August, exakt eine Woche nach Nuceras Quartalsbericht, begann im Industriepark Lausitz in Schwarzheide der Bau einer SOEC-Testanlage. Dort will das Unternehmen seine dritte und bislang leistungsstärkste Produktgeneration unter industriellen Bedingungen validieren. Die Anlage kommt auf 1,3 MW Leistung und soll 36,5 kg Wasserstoff pro Stunde produzieren. Die Investition liegt nach früheren Unternehmensangaben im höheren einstelligen Millionenbereich, die Europäische Investitionsbank kofinanziert das Vorhaben mit einem Darlehen.

Anders als Nucera kann Sunfire dabei auf jahrelange Praxiserfahrung bauen. Seit 2016 erprobt der Hersteller seine Hochtemperatur-Elektrolyseure mit dem Stahlkonzern Salzgitter. Dort gelang 2022 auch der Rekord-Wirkungsgradnachweis von 84 %. Schwarzheide soll nun der letzte Schritt vor der Kommerzialisierung sein: „Mit der Validierung unter realen Industriebedingungen schließen wir die letzten Schritte vor der Umsetzung erster kommerzieller Anwendungen ab“, erklärte Sunfire-CTO Christian von Olshausen.

Auch die Serienfertigung ist geplant. Im Rahmen des IPCEI-Vorhabens „Sunfire 1500+“, das Bund und Länder 2023 mit 169 Mio. € bezuschussten, will das Unternehmen eine SOEC-Fertigungskapazität von 500 MW pro Jahr aufbauen. Wo und wann genau, lässt Sunfire bislang offen. Sicher ist: Das Unternehmen fährt zweigleisig. Neben dem SOEC-Geschäft vermarktet es weiter seine Druck-Alkali-Technologie. Und das durchaus mit Erfolg. RWE in Lingen hat Sunfire gerade die Stacks eines 100-MW-Elektrolyseurs geliefert, der Ende 2027 in Betrieb gehen soll, Repsol hat im Januar zwei weitere 100-MW-Anlagen für 2029 bestellt.

Im Sog der Konsolidierung

Nucera ist nicht der einzige Hersteller, der sich aus der SOEC zurückzieht. Erst im Mai kappte der dänische Technologieriese Topsoe seine SOEC-Pläne, und das deutlich radikaler. Die erst im Oktober 2025 eröffnete Fabrik im dänischen Herning — mit 500 MW Jahreskapazität und 94 Mio. € EU-Förderung — soll nach einer Validierungsphase in den „Winterschlaf“ versetzt werden, bis die Nachfrage anzieht. Eine geplante zweite Fabrik in den USA strich Topsoe komplett.

Die Rückzüge der beiden Konzerne verweisen auf ein Phänomen, das die gesamte Elektrolyseur-Branche erfasst hat. Die Internationale Energieagentur (IEA) spricht in ihrem aktuellen Global Hydrogen Review von einer Konsolidierungsphase: Weltweit stehen 58 GW Fertigungskapazität pro Jahr einer tatsächlichen Produktion von unter 5 GW gegenüber, die Investitionsentscheidungen für neue Elektrolyse-Projekte sanken 2025 um rund 30 %. Der US-Konzern Cummins stellte den Elektrolyseur-Verkauf gleich ganz ein.

SOEC auf der Kippe

Die SOEC trifft diese Marktlogik als kleinste Technologie zuerst. Der Weltmarkt der Festoxid-Elektrolyse lag 2025 laut dem Marktforschungsunternehmen Fortune Business Insights bei gerade einmal gut 200 Mio. $. Den Gesamtmarkt dominieren alkalische Elektrolyseure, die bevorzugte Technologie der chinesischen Hersteller, gefolgt von PEM-Systemen, deren Fertigung sich bis 2030 fast verdoppeln soll. In diesem Segment führt Europa.

Ein Blick auf den mit Abstand größten Elektrolysemarkt China zeigt übrigens, wie klein die Nische der SOEC noch ist. Von über 35 GW chinesischer Fertigungskapazität entfallen laut IEA nur 0,1 GW auf die Hochtemperatur-Elektrolyse, und 2025 meldete kein einziger chinesischer Hersteller einen bestätigten SOEC-Auftrag.

Der Nucera-Ausstieg ist ein weiterer Indikator dafür, dass die SOEC im Technologiewettlauf vorerst zurückfällt. Ihre Effizienzvorteile sind real, doch sie zahlen sich erst aus, wenn Industriekunden in großem Stil grünen Wasserstoff nachfragen. Diese Nachfrage fehlt aber derzeit, und wo bestellt wird, greifen Projektentwickler zur billigeren, erprobten und gut skalierbaren Alkali-Technik. Ob die Hochtemperatur-Elektrolyse ihre Chance noch bekommt, hängt damit weniger von der Technik ab als davon, ob der Wasserstoffhochlauf insgesamt in Gang kommt. Sunfire wettet darauf. Die Konkurrenz zieht sich langsam zurück und wartet ab.

Quellen und weiterführende Links:



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