Clean Hydrogen Coastline 01.07.2026, 17:02 Uhr

Hier entsteht Deutschlands größtes Wasserstoff-Ökosystem

In Emden baut EWE Deutschlands größten Elektrolyseur – jetzt bekommt er eine Pipeline, die ihn mit einem Abnehmer verbindet. Warum so das erste komplette Wasserstoff-Ökosystem entsteht und welche Lücke noch offen ist.

Menschen an einer Baustelle

Mit dem symbolischen Spatenstich geben Vertreter von EWE und der regionalen Politik den Startschuss für den Bau von H2Coastlink 1, der ersten Wasserstoffpipeline im Nordwesten. V. l. n. r.: Arno Ulrichs (Bürgermeister der Gemeinde Ihlow), Matthias Groote (Landrat des Landkreises Leer), Dr. Tim Olbricht (Geschäftsführer GTG Nord), Olaf Meinen (Landrat der Landkreises Aurich), Marco van der Spek (Programmleiter H2Coastlink, EWE NETZ), Dr. Frank Reiners (Mitglied des Vorstands der EWE AG), Anja Troff-Schaffarzyk (MdB), Heiko Fastje (Geschäftsleitung EWE NETZ), Claus-Peter Horst (Bürgermeister der Stadt Leer) und Hendrik Schulz (Bürgermeister Gemeinde Moormerland).

Foto: © EWE NETZ / Carina Penning

UPDATE: 01. Juli 2026

In Moormerland haben Vertreter des Oldenburger Energieversorgers EWE und der regionalen Politik am 30. Juni den Bau von H₂Coastlink 1 gestartet, einer 24 km langen Wasserstoffleitung zwischen Emden und Leer. Für sich genommen ist das ein Regionalprojekt. Im Gesamtbild aber ist es der Schritt zu Deutschlands größtem Wasserstoff-Ökosystem.

Denn was EWE in Ostfriesland zusammensetzt, gibt es hierzulande in diesem Maßstab bisher nicht: Erzeugung, Transport, Speicherung und Abnahme von grünem Wasserstoff, alle vier Glieder der Wertschöpfungskette an einem Ort und in industrieller Größe. Der 320-MW-Elektrolyseur in Emden ist im Bau, die Salzkaverne Huntorf soll folgen, der erste Großabnehmer steht seit Juni fest. Mit der Pipeline schließt sich nun die Lücke dazwischen. Doch das System hat eine Schwachstelle. Und die steckt im Kleingedruckten aus Brüssel.

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Warum die Pipeline überdimensioniert ist

H₂Coastlink 1 verbindet den Elektrolyseur in Emden mit dem entstehenden Wasserstoff-Kernnetz und schließt dort an zwei größere Projekte an: den HyperLink von Gasunie Deutschland und den geplanten Nordsee-Ruhr-Link IV von OGE. Baubeginn ist im Juli 2026, in Betrieb gehen soll die Leitung im Herbst 2027 – bestenfalls parallel zum Elektrolyseur.

Die Großanlage soll dann jährlich rund 26.000 t Wasserstoff produzieren. Die Pipeline aber ist für über 70.000 t pro Jahr ausgelegt, fast das Dreifache. Das ist durchaus Absicht: Die Leitung ist Teil des Kernnetzes und soll perspektivisch auch importierten Wasserstoff und die Erzeugung Dritter aufnehmen. EWE baut auf Vorrat – für einen Markt, den es noch gar nicht gibt.

Der Elektrolyseur in Emden als Rendering vor Feldern und mit Windrädern
So soll der 320-MW-Elektrolyseur in Emden ab 2027 aussehen. Foto: EWE/Jan Lübkemann

Eine Genehmigung im Eiltempo

Nach Informationen der Nordwest-Zeitung kostet die Leitung rund 100 Mio. €. Vorhabenträger ist die GTG Nord, Planung und Bau übernimmt die Schwestergesellschaft EWE Netz. Gefördert wird H₂Coastlink 1 über das europäische IPCEI-Programm durch Bund und Land Niedersachsen.

Zwischen Einreichung der Planfeststellungsunterlagen und dem Beschluss lagen nur fünf Monate. Für ein Infrastrukturprojekt dieser Größe ist das ungewöhnlich schnell – Genehmigungsverfahren gelten als einer der Hauptgründe, warum der Neubau einer Wasserstoffleitung laut Bundeswirtschaftsministerium insgesamt fünf bis acht Jahre dauert. „Besonders bemerkenswert ist, dass das Planfeststellungsverfahren innerhalb von nur fünf Monaten abgeschlossen werden konnte“, unterstreicht Heiko Fastje aus der Geschäftsleitung von EWE Netz. Möglich machte das laut EWE die enge Abstimmung mit Behörden, Kommunen und Grundstückseigentümern.

„Damit grüner Wasserstoff künftig zuverlässig bei industriellen Abnehmern ankommt, brauchen wir leistungsfähige Transportinfrastruktur“, sagt EWE-Vorstand Frank Reiners. Der Landkreis Leer sei mit dem Energieversorger bereits über mögliche Abzweigungen entlang der Trasse im Gespräch, um auch hiesige Unternehmen an die Wasserstoffversorgung anzuschließen, erklärt Landrat Matthias Groote. Die Nachfrage könnte also wachsen, noch bevor der erste Wasserstoff fließt.

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Was EWE mit Clean Hydrogen Coastline vorhat

Die Pipeline ist der jüngste Baustein eines Vorhabens, das EWE „Clean Hydrogen Coastline“ nennt. Die Idee dahinter: Wasserstoff nicht nur erzeugen, sondern die gesamte Kette in einer Hand zusammenführen – und so das Henne-Ei-Problem umgehen, das den Hochlauf seit Jahren bremst. Kein Abnehmer ohne Erzeuger, kein Erzeuger ohne Abnehmer.

Vier Bausteine greifen ineinander:

  • Erzeugung: 320-MW-Elektrolyseur in Emden, Inbetriebnahme Ende 2027, rund 26.000 t Wasserstoff pro Jahr
  • Transport: H₂Coastlink 1 (24 km, seit 30. Juni im Bau) und Anschluss an das Kernnetz
  • Speicherung: Umrüstung einer Salzkaverne in Huntorf zur großtechnischen Wasserstoffspeicherung
  • Abnahme: Liefervertrag mit der Salzgitter AG über zunächst 10.000 t pro Jahr ab 2030

Insgesamt investiert EWE bis zu 1 Mrd. € in Clean Hydrogen Coastline. Beim Speicher hat EWE einen Startvorteil: Mit 37 Salzkavernen verwaltet der Konzern über 15 % der deutschen Erdgas-Kavernenspeicher. Und die lassen sich potenziell auf Wasserstoff umrüsten.

Vier Personen am Unterzeichnungstisch
Unterzeichnung in Berlin: Gitta Connemann (BMWE), Stefan Dohler (EWE), Gunnar Groebler (Salzgitter AG) und Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (v.l.n.r.) besiegeln den ersten Großabnahmevertrag für grünen Wasserstoff in Deutschland. Foto: Gerd Markert Fotografie

Wieso das Vorhaben in dieser Form einmalig ist

Ein integriertes System aus allen vier Kettengliedern baut in diesem Maßstab in Deutschland bisher niemand.

  • Kleinere Reallabore wie Bad Lauchstädt kombinieren zwar ebenfalls Elektrolyse, Leitung und Kaverne, bleiben aber deutlich kleiner.
  • Projekte wie GetH2 von RWE und OGE bringen Erzeugung und Transport zusammen, aber ohne eigenen Speicher.
  • EWE ist damit das erste Unternehmen, das die komplette Wertschöpfungskette in industrieller Größe an einem Standort hochzieht.

Dass die Oldenburger allein am Standort Emden übrig geblieben sind, liegt daran, dass der norwegische Konzern Statkraft 2025 seine beiden Emder Elektrolyseur-Projekte auf Eis gelegt hat und seither Investoren sucht. Der Standortvorteil bleibt. Vor der Küste fällt häufig Offshore-Windstrom an, den das Netz nicht aufnehmen kann. Diesen Überschussstrom in Wasserstoff umzuwandeln, ist ein Eckpfeiler in EWEs Strategie.

Erzeugung: Warum Emden in einer anderen Liga spielt

Herzstück des Systems ist der Elektrolyseur. Mit 320 MW und rund 26.000 t Jahresproduktion stellt er alles in den Schatten, was bislang in Deutschland läuft: Der aktuell größte Elektrolyseur steht bei BASF in Ludwigshafen und kommt auf 54 MW.

Die großen Gewerke sind inzwischen vergeben. Am 12. Mai unterzeichnete EWE die letzte große Vergabe: Der Anlagenbauer Bilfinger übernimmt die Balance-of-Plant-Komponenten. Alles, was Elektrolysestacks und Verdichter zu einer funktionierenden Anlage verbindet, von der Wasseraufbereitung bis zur Leittechnik. Die weiteren Gewerke im Überblick:

  • Elektrolyse: Siemens Energy
  • Verdichter: Neuman & Esser
  • Tief- und Hochbau: ARGE Ludwig Freytag, Gebrüder Neumann und MBN

Einige Genehmigungen stehen allerdings noch aus, unter anderem nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz sowie wasserrechtliche Erlaubnisse.

Abnahme: Der erste Großvertrag – und was er nicht deckt

Vor wenigen Wochen hatte EWE den Liefervertrag mit der Salzgitter AG unterzeichnet. Ab 2030 soll Emden jährlich rund 10.000 t nach Salzgitter liefern, transportiert über das Kernnetz, mit einer Option auf Aufstockung bis 30.000 t. Die Laufzeit beträgt zunächst sieben Jahre.

Der Wasserstoff soll in der neuen Direktreduktionsanlage von Salzgitter zum Einsatz kommen, die ab Mitte 2027 in Betrieb gehen soll. Statt Eisenerz wie bisher mit Kohle und Koks im Hochofen zu verhütten, reduziert sie es mit Erdgas und schrittweise mit Wasserstoff. Statt CO₂ entsteht dabei Wasser.

Bau des neues Stahlwerks mit DRI-Anlage in Salzgitter. Foto Salzgitter AG

„Wieder einmal haben wir ein Henne-Ei-Dilemma aufgelöst“, erklärte Salzgitter-Vorstandschef Gunnar Groebler. „Ohne erste Lieferverträge wird sich keine deutsche Wasserstoffwirtschaft entwickeln.“ EWE-Chef Stefan Dohler nannte den Vertrag einen „Meilenstein, aber noch nicht das Ziel“.

Klar ist aber auch: Der Vertrag deckt nur einen Bruchteil dessen, was Salzgitter braucht. Das Transformationsprogramm Salcos benötigt im Vollausbau bis zu 150.000 t Wasserstoff pro Jahr. EWE liefert 10.000 t, eine eigene 100-MW-Anlage auf dem Hüttengelände soll weitere 9.000 t erzeugen. Zusammen sind das rund 13 % des Bedarfs. Selbst mit der Option auf 30.000 t wären es nur 26 %.

Woher die übrigen rund 110.000 t kommen sollen, ist unklar. Denkbar sind:

Alle drei Routen sind heute aber noch im Aufbau. Groebler knüpft den Vertrag denn auch an einen Appell: Es brauche „nach wie vor umfassende Maßnahmen, um die Kostenlücke zu schließen“. Sonst bleibe der Vertrag „eine Ausnahme“.

Wie der Bund das fördert

Ohne öffentliches Geld liefe hier nichts. Der Bund fördert den Umbau der Stahlproduktion bei Salzgitter mit 925 Mio. € und die Wasserstofferzeugung in Emden mit 267 Mio. €. Hinzu kommen Mittel aus dem europäischen IPCEI-Programm.

Im Bundeswirtschaftsministerium dürfte Katherina Reiche (CDU) den Vorgang aufmerksam verfolgen. Sie war bis zu ihrem Amtsantritt Vorsitzende des Nationalen Wasserstoffrates und kennt die Sorgen der Branche aus erster Hand. Ob sie auf europäischer Ebene Mehrheiten für eine Reform der strengen RFNBO-Kriterien organisieren kann, ist eine der offenen Fragen des Jahres. Womit wir beim Haken wären.

50 % Mehrkosten und der RFNBO-Vorbehalt

Das Hauptrisiko des gesamten Systems steht in einem Nebensatz der Pressemitteilung zum Salzgitter-Vertrag: Die Lieferung steht unter dem Vorbehalt einer RFNBO-Zertifizierung. Die EU-Regeln zur Zusätzlichkeit und Zeitgleichheit beim Strombezug schreiben vor, dass Elektrolyseure ihren Strom aus neuen Erneuerbare-Energien-Anlagen beziehen und die Produktion stündlich mit der Erzeugung abgleichen. Ein flexibler, preisoptimierter Betrieb ist damit kaum möglich.

Dohler hatte schon 2025 dem Fachportal H2News vorgerechnet, dass diese Kriterien die Produktionskosten in Emden um etwa 88 % erhöhen würden – pro Kilogramm über 50 % Mehrkosten. Bis 2030 profitiert die Anlage noch vom Bestandsschutz. Erst danach greifen die strengeren Vorgaben – doch genau dann soll die Salzgitter-Lieferung beginnen.

Beide Unternehmen fordern längere Übergangsfristen und flexiblere Stromvorgaben. Tatsächlich will die EU-Kommission laut einem im April 2026 bekannt gewordenen Aktionsplan ihre RFNBO-Kriterien ab dem zweiten Quartal 2026 überprüfen, rund zwei Jahre früher als ursprünglich vorgesehen.

Die Baustelle des 320-MW-Elektrolyseurs in Emden – ab Ende 2027 soll hier grüner Wasserstoff entstehen, ab 2030 auch für die Salzgitter AG. Foto: Ludwig Freytag

Was sich noch tun müsste

Über die RFNBO-Reform hinaus fordern EWE und Salzgitter:

  • wettbewerbsfähige Strompreise für Elektrolyseure
  • eine frühzeitige Verlängerung der Strompreiskompensation
  • Instrumente, die die Nachfrage ankurbeln, etwa Quoten für grünen Stahl und weitere Industrieprodukte mit reduziertem CO₂-Fußabdruck

Der Deutsche Wasserstoff-Verband ergänzt die Liste um den termingerechten Aufbau des Kernnetzes. Denn ohne das Netz nützt der beste Liefervertrag wenig, weil die Lieferung von Emden nach Salzgitter dann physisch nicht möglich wäre. Deshalb zählt der Spatenstich vom 30. Juni: H₂Coastlink 1 ist das erste Stück dieses Netzes, das im Nordwesten sichtbar wird.

„Der Liefervertrag zeigt, was möglich ist. Jetzt kommt es darauf an, aus solchen Leuchttürmen eine breite industrielle Bewegung zu machen“, hatte DWV-Vorstand Andreas Kuhlmann anlässlich der Unterzeichnung mit Salzgitter gesagt. Das ließe sich auch über das ganze Ökosystem in Ostfriesland sagen. Für die H2-Branche ist es ein starkes Signal. Aber eines, das ohne Nachahmer einsam bliebe.

Der Aufbau einer industriellen Wasserstoffwirtschaft ist eine der zentralen Aufgaben für die Zukunftsfähigkeit des Technologiestandorts Deutschland. Die VDI-Initiative „Zukunft Deutschland 2050″ begleitet diese Transformation mit faktenbasierten Analysen und Handlungsempfehlungen für Politik und Wirtschaft.

Grafik: VDI

Mehr zur Initiative erfahren Sie hier: https://www.vdi.de/themen/zukunft-deutschland-2050

Ein Beitrag von:

  • Magnus Schwarz

    Magnus Schwarz schreibt zu den Themen Wasserstoff, Energie und Industrie. Nach dem Studium in Aachen absolvierte er ein Volontariat und war mehrere Jahre als Fachredakteur in der Energiebranche tätig. Seit Oktober 2025 ist er beim VDI Verlag.

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