Wasserstoff im Backpulver: Wie eine Rostocker Firma grünes Gas verschiffen will
Backpulver soll grünen Wasserstoff transportabel machen. Eine Rostocker Firma testet das Verfahren nun mit einer Pilotanlage. Doch die Konkurrenz auf dem Markt für Trägerstoffe ist groß.
Johannes Emigholz vor der Akros-Pilotanlage in Rostock-Laage. Seit Anfang Mai läuft hier der erste industrielle Test des Backpulver-Verfahrens.
Foto: picture alliance/dpa | Bernd Wüstneck
Was hat Backpulver mit der Wasserstoffwirtschaft zu tun? Potenziell sehr viel, wie eine Containeranlage in Rostock-Laage seit Anfang Mai zeigt. Akros Energy, eine Tochter des Rostocker Wasserstoffproduzenten H2Apex, hat dort einen Piloten in Betrieb genommen, der grünen Wasserstoff chemisch an Kaliumhydrogencarbonat bindet – das Kalium-Pendant zum Natron-Backpulver aus der Küchenschublade. Aus dem Bicarbonat und dem Gas entsteht Kaliumformiat, ein ungiftiges Salz, das sich „im Grunde wie Milch, Bier oder Diesel“ lagern und transportieren lässt, so der Mitentwickler Henrik Junge.
Damit adressieren die Rostocker eines der hartnäckigsten Probleme der Wasserstoffwirtschaft: Das flüchtigste Gas im Periodensystem lässt sich nur unter hohem Druck oder bei -253 °C als Flüssigkeit transportieren. Beides ist teuer und aufwendig. Wenn die Akros-Idee hält, was sie verspricht, könnte ein unscheinbares Pulver die Lösung sein. Allerdings betritt das Unternehmen damit einen Markt, in dem bereits mehrere Verfahren konkurrieren. Die echte Frage lautet also: Passt das Backpulver wirklich noch rein?
Inhaltsverzeichnis
Warum Deutschland Wasserstoff importieren muss
Allein in der deutschen Industrie werden derzeit rund 2 Mio. t Wasserstoff pro Jahr verbraucht, so die Annahme der Nationalen Wasserstoffstrategie (NWS) vom Juli 2023. Bislang stammt er fast ausschließlich aus Erdgas, wobei pro produziertem Kilo 10 kg CO2 anfallen. Wollte man diesen „grauen“ Wasserstoff vollständig durch grünen ersetzen, wären dafür rund 20 GW Elektrolysekapazität nötig. Die NWS sieht bis 2030 jedoch nur 10 GW vor – und selbst dieses Ziel hält niemand mehr für erreichbar.
Die Differenz wäre also durch Importe zu schließen. Auf 70 bis 80 % des deutschen Bedarfs schätzen Experten und Verbände den langfristigen Importanteil. Pipelines können einen Teil davon abdecken, etwa aus Skandinavien, Südeuropa oder Nordafrika. Doch für Importe aus Übersee muss der Wasserstoff in eine handhabbare Form gebracht werden. Vorhang auf für den Wettbewerb der Trägerstoffe.

Welche Trägerstoffe konkurrieren
Wasserstoff lässt sich grundsätzlich auch ohne Trägerstoffe transportieren, etwa in Hochdruck-Trailern oder tiefkalt verflüssigt bei – 253 °C. Beides ist aber energieaufwendig und für Importmengen aus Übersee unwirtschaftlich. Die Alternative sind chemische Träger, die Wasserstoff binden und transportabel machen. Drei werden heute diskutiert:
- Ammoniak: Beim Transport über die Weltmeere führt heute kaum ein Weg an der basischen Chemikalie vorbei. Rund 20 Mio. t werden laut dem Chemieanlagenbauer Thyssenkrupp Uhde jährlich in flüssiger Form über die Ozeane verschifft, rund 130 Häfen weltweit verfügen über die nötige Lade- und Lagerinfrastruktur. Der Vorteil: Ammoniak verflüssigt sich bereits bei -33 statt -253 °C: Zwei Schiffe Ammoniak transportieren so viel Energie wie drei mit flüssigem Wasserstoff.
- LOHC (Liquid Organic Hydrogen Carriers), bei dem Wasserstoff in eine ölartige Flüssigkeit gebunden wird, ist demgegenüber eher für kürzere Strecken geeignet, etwa vom Hafen ins Hinterland. Die Technologie ist zudem noch nicht ausgereift; der deutsche Hauptentwickler Hydrogenious LOHC musste im Februar 2026 aufgrund der schleppenden Marktentwicklung etwa die halbe Belegschaft entlassen.
- Methanol wird ebenfalls oft als Wasserstoffträger geführt, ist aber umstritten. Denn beim Cracking entsteht wieder CO2; die Bilanz bleibt nur dann klimaneutral, wenn das für die Methanolsynthese verwendete CO2 zuvor aus der Atmosphäre oder biogenen Quellen stammt. Methanol wird deshalb häufiger als Endprodukt diskutiert, etwa als Schiffstreibstoff, denn als reines Trägermedium.
Was hebt das Akros-Backpulver von den anderen Medien ab?

Wie Akros Backpulver zum H2-Medium macht
Akros Energy wurde 2024 als Ausgliederung des F&E-Bereichs von H2Apex gegründet und basiert auf einer langjährigen Forschungskooperation mit dem Leibniz-Institut für Katalyse (LIKAT) in Rostock. Sechs Patente hält das Unternehmen inzwischen für die chemische Wasserstoffspeicherung, davon zwei gemeinsam mit dem LIKAT.
Das Verfahren funktioniert in drei Schritten:
- Beladen: In einem Reaktor mit einer wässrigen Lösung des Backpulver-Pendants Kaliumhydrogencarbonat wird Wasserstoff bei rund 60 °C in Gegenwart eines Ruthenium-Katalysators an das Bicarbonat gebunden. Es entsteht Kaliumformiat: ein ungiftiges, drucklos lagerfähiges Salz.
- Transportieren: Das beladene Formiat lässt sich in handelsüblichen Tankcontainern bewegen, ohne hohen Druck oder spezielle Kühlung.
- Freisetzen: Am Zielort kommt das beladene Salz in einen zweiten Reaktor – ebenfalls mit Ruthenium-Katalysator. Wird hier der Wasserstoffdruck niedrig gehalten, kehrt sich die Reaktion um: Das Formiat zerfällt wieder zu Kaliumhydrogencarbonat, der gebundene Wasserstoff entweicht und kann genutzt werden. Das zurückbleibende Bicarbonat steht für eine neue Beladung bereit.
Seit Mai 2025 führt Johannes Emigholz das Unternehmen, ein Software-Ingenieur mit Erfahrung im Hochskalieren von Technologien. Im August 2025 erhielt Akros einen Förderbescheid über 4,4 Mio. € aus Mitteln des Landes Mecklenburg-Vorpommern und der EU für das Verbundprojekt FormaPort. Als Industriepartner für die jetzt in Betrieb genommene Anlage haben die Rostocker die Großkonzerne Evonik und Siemens gewinnen können.
Wo ist der Platz für Backpulver?
Das ursprüngliche Konzept der LIKAT-Forscher um Henrik Junge zielte 2024 noch auf lokale Anwendungen, etwa als Wasserstoff-Pufferspeicher für überschüssigen Wind- oder Solarstrom im ländlichen Raum. Mittlerweile positioniert Akros sein Verfahren aber als Lösung für den globalen Wasserstoffhandel aus Marokko, Australien oder Chile. Das ist also genau das Terrain, das Ammoniak heute besetzt – wobei hier eine etablierte Industrie inklusive Infrastruktur hintersteckt.
Welche Rolle das Wasserstoff-Pulver im Wettbewerb der Trägermedien spielen kann, wird sich letztlich an drei Fragen entscheiden:
- Wie viel Energie wird für das Beladen und Freisetzen benötigt?
- Wie viel Wasserstoff trägt jedes kg Salz, gravimetrisch betrachtet?
- Wie sieht der Skalierungspfad von der Container-Pilotanlage zum kommerziellen Maßstab aus?
Bislang hat Akros keine dieser Kennzahlen kommuniziert. Man stehe aber „an der Schwelle einer Revolution in der Energiespeicherung“, versichert CEO Emigholz. Auf dem World Hydrogen Summit in Rotterdam will sein Unternehmen die Pilotanlage vorstellen. Ob das Backpulver-Versprechen dann Käufer findet, bleibt abzuwarten.
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