Wasserstoff-Import aus Südeuropa 13.04.2026, 11:30 Uhr

H2Med-Pipeline: Kommt bald der grüne Wasserstoff vom Mittelmeer?

Eine Pipeline soll grünen Wasserstoff von Spanien nach Deutschland bringen. Die EU hat sie gerade erneut als PCI anerkannt. Wo steht das Milliardenprojekt heute?

Luftaufnahme eines großen Industriehafens am Mittelmeer mit Tanklagern, Containerterminal und einem Frachtschiff am Kai.

Am Mittelmeer soll die H2Med-Pipeline künftig grünen Wasserstoff von Spanien über Frankreich nach Deutschland transportieren.

Foto: picture alliance / robertharding | Michael DeFreitas

Im Dezember 2022 standen Spaniens Ministerpräsident Sánchez und Frankreichs Präsident Macron gemeinsam vor den Kameras und tauften ein Pipeline-Projekt auf den Namen H2Med. Kurz zuvor galt es noch als gescheiterte Erdgasleitung durch die Pyrenäen. Nun sollte kein Erdgas, sondern Wasserstoff durch die Rohre fließen – und zwar quer durchs Mittelmeer.

Am 9. April hat die EU das Projekt erneut als „Projekt von gemeinsamem Interesse“ (PCI) notifiziert. Dadurch profitieren die Teilabschnitte des Korridors zum Beispiel von beschleunigten Genehmigungsverfahren. Vier Regierungen sowie 49 Unternehmen einer gleichnamigen Allianz sind beteiligt. Brüssel hat Fördersummen in Millionenhöhe bewilligt, in Deutschland scharren Industriebetriebe und Gasnetzbetreiber mit den Hufen. Doch bis die ersten Moleküle durch die Pipeline fließen, dürfte es noch etwas dauern.

Wie H2Med aufgebaut ist

Die Basis von H2Med bilden eigentlich zwei Pipelines. Die eine verläuft unter Wasser, die andere über Land.

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  • BarMar ist der technisch anspruchsvollste Abschnitt: 455 km Untersee-Pipeline von Barcelona nach Fos-sur-Mer bei Marseille. Am tiefsten Punkt liegt die Leitung in 2600 m Tiefe, der Wasserstoff wird mit bis zu 210 bar durchgepresst. Kapazität: 2 Mio. t pro Jahr. Die Kosten belaufen sich je nach Quelle auf rund 2 Mrd. €.
  • CelZa ist die kleine Schwester: 248 km Landleitung von Celorico da Beira in Portugal nach Zamora in Spanien. 100 bar, 0,75 Mio. t pro Jahr, geschätzte 350 Mio. €.

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Zusammen mit den nationalen Anschlussleitungen ergibt sich ein Korridor von rund 6000 km Länge, wovon gut ein Drittel aus umgerüsteten Erdgasleitungen bestehen soll. Auf französischer Seite bildet der 1000 km lange Abschnitt HY-FEN das Rückgrat: von Marseille bis Obergailbach (Département Moselle) an der deutschen Grenze. Von dort geht es über Medelsheim im Saarland direkt ins deutsche Wasserstoff-Kernnetz.

Getragen wird das Vorhaben von fünf Fernleitungsnetzbetreibern:

  • Enagás (Spanien),
  • NaTran und Teréga (Frankreich),
  • REN (Portugal) und
  • OGE aus Essen.

Dazu kommt die im Dezember 2024 gegründete H2Med Alliance. Sie besteht seit einer großen Erweiterung im September letzten Jahres aus 49 Mitgliedern, größtenteils Industriebetrieben aus verschiedenen Bereichen der Wasserstoff-Wertschöpfungskette.

Ein Korridor von vielen

H2Med ist einer von fünf geplanten Korridoren des European Hydrogen Backbone (EHB), der bis 2040 rund 53.000 km umfassen soll. An der europaweiten Wasserstoff-Autobahn arbeiten 32 Gasnetzbetreiber aus 28 Ländern.

Zum EHB gehören etwa auch der SoutH2 Corridor, eine 3300 km lange Route von Nordafrika über Italien nach Mitteleuropa, oder der Nordic-Baltic Hydrogen Corridor (NBHC), der Finnland über das Baltikum mit Ostdeutschland verbinden soll.

Ziel ist also nicht weniger als ein europaweites Netz, durch das Wasserstoff so selbstverständlich fließt wie heute Erdgas. Ob es dazu kommt, hängt allerdings davon ab, ob am Anfang der Pipelines genügend Wasserstoff produziert wird.

Deutschland braucht die Pipeline – aber braucht die Pipeline Deutschland?

Die Bundesregierung rechnet mit einem Wasserstoffbedarf von bis zu 110 TWh im Jahr 2030. Die heimische Elektrolysekapazität? Ende 2027 bestenfalls bei 1,5 GW, rechnete das Energiewirtschaftliche Institut an der Universität zu Köln (EWI) Anfang des Jahres vor. Damit ist man weit entfernt vom Regierungsziel von 10 GW bis 2030. Zwischen 50 % und 80 % des Bedarfs werden importiert werden müssen, darüber sind sich die meisten Experten einig.

Die deutsche OGE hat sich deshalb frühzeitig bei H2Med engagiert. „Durch diese Pipeline werden wir langfristig auf große Mengen grünen Wasserstoffs zugreifen können und dann entsprechende Preiseffekte sehen“, kommentierte OGE-Technikchef Detlef Brüggemeyer gegenüber dem Fachportal H2News. Für die Essener ist die Beteiligung auch ein Wettrennen gegen die Zeit: Import und Kernnetz-Hochlauf müssen synchron laufen, sonst steht die Infrastruktur, aber der Wasserstoff kommt nicht durch.

Die Nachfrage scheint da zu sein: Allein westdeutsche Abnehmer könnten bis 2035 die Hälfte der H2Med-Kapazität beanspruchen. In Deutschland dockt der Korridor über H2ercules South-West an das rund 9000 km umfassende Wasserstoff-Kernnetz an.

Viel Sonne, wenig Umsetzung

Die Länder in Südeuropa haben, was Deutschland fehlt: erneuerbare Energien im Überfluss. Die Stromkosten für Erneuerbare liegen bei rund 1 Cent/kWh. Die Internationale Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA) sagte bereits vor Jahren voraus, dass grüner Wasserstoff in Spanien ab 2026 günstiger sein dürfte als konventionell hergestellter grauer.

Entsprechend gut sieht es auf dem Papier aus. 11 GW bis 12 GW Elektrolyseurkapazität plant die spanische Regierung bis 2030, mehr als jedes andere europäische Land. Der Wasserstoffverband AeH2 zählt rund 360 Projekte. Das Problem: Gerade einmal 15 davon befinden sich tatsächlich in der Umsetzung.

Die Produktionsregion mit der größten geplanten Kapazität ist Andalusien. Deutsche Hersteller sind bereits aktiv. Sunfire aus Dresden sicherte sich zum Beispiel im Januar 2026 einen Großauftrag über zwei 100-MW-Anlagen für Repsol. Und im März 2026 fiel eine der bisher wichtigsten Investitionsentscheidungen für den gesamten Korridor: Der Energiekonzern Moeve (ehemals Cepsa) gab grünes Licht für Onuba, die erste Phase seines „Andalusian Green Hydrogen Valley“ im südspanischen Huelva. Thyssenkrupp Nucera aus Dortmund liefert dafür 15 Elektrolyseure mit insgesamt 300 MW Leistung.

Kommt die Pipeline rechtzeitig?

Die technische Machbarkeit der Untersee-Route ist bestätigt, doch Genehmigungsverfahren, Umweltverträglichkeitsprüfungen und finale Investitionsentscheidungen stehen noch aus. In den kommenden zwei bis drei Jahren müsste der Bau beginnen, wenn der Zeitplan halten soll. Der Betriebsstart wurde bereits von 2030 auf 2032 verschoben.

Noch kritischer sieht es produktionsseitig aus. Von Spaniens 360 geplanten Wasserstoffprojekten befinden sich 15 in der Umsetzung. In Deutschland sieht es nicht besser aus: Laut EWI wurden von den Projekten mit geplantem Start 2025 nur 30 % fristgerecht realisiert. EWI-Expertin Ann-Kathrin Klaas nannte gegenüber ingenieur.de das Grundproblem: Angebot, Nachfrage und Infrastruktur müssten gleichzeitig aufgebaut werden. Wer zuerst investiert, riskiert am meisten.

Allerdings ist festzuhalten, dass wenige Infrastrukturprojekte in Europa so viel Rückendeckung von den beteiligten Regierungen erhalten. Zuletzt hatten Emmanuel Macron und Friedrich Merz die Bedeutung von H2Med bei einem gemeinsamen Termin bekräftigt. Und dass die EU den Leitungskorridor noch auf dem Zettel hat, ist spätestens seit dem 9. April klar.

Chronik: Vom gescheiterten Erdgasprojekt zur Wasserstoff-Pipeline

Die Geschichte von H2Med beginnt mit einem Scheitern. 2019 hatte Frankreich den Bau der Erdgas-Pipeline MidCat zwischen Barcelona und Carcassonne endgültig abgebrochen. Das Projekt galt als zu teuer und unzeitgemäß. Dann kam der russische Einmarsch in die Ukraine – und die Idee einer Energieverbindung zwischen Spanien und Frankreich wurde wieder interessant.

  • Oktober 2022: Paris und Madrid beschließen, das Vorhaben als Untersee-Pipeline BarMar fortzusetzen.
  • Dezember 2022: Sánchez und Macron taufen das Projekt in H2Med um – es soll hauptsächlich Wasserstoff fließen.
  • Januar 2023: Beim Élysée-Jubiläum verspricht Macron, die Pipeline nach Deutschland zu erweitern.
  • Oktober 2023: OGE tritt dem Konsortium bei und unterzeichnet in der spanischen Botschaft in Berlin eine Absichtserklärung.
  • November 2023: Die EU-Kommission nimmt H2Med in die PCI-Liste auf.
  • Juni 2024: Joint Development Agreement für BarMar in Madrid unterzeichnet. Parallel vereinbaren Enagás und REN eine Zusatzvereinbarung für CelZa.
  • November 2024: Call for Interest gestartet – 170 Unternehmen melden sich mit über 500 Projekten.
  • Dezember 2024: H2Med Alliance in Madrid gegründet.
  • Januar 2025: Die EU bewilligt 35,6 Mio. € CEF-Förderung für BarMar und CelZa. Insgesamt fließen 97,2 Mio. € an Projekte entlang des Korridors.
  • Juni 2025: CINEA-Fördervereinbarungen unterzeichnet (BarMar: 28,3 Mio. € für Ingenieurstudien und marine Erkundungen, CelZa: 7,2 Mio. € für Planungsphasen).
  • Juli 2025: BarMar-Gesellschaft gegründet (Enagás 50 %, NaTran 33,3 %, Teréga 16,7 %).
  • November 2025: Geophysische Untersuchungen bestätigen die BarMar-Route. Betriebsstart von 2030 auf 2032 verschoben.
  • April 2026: Die EU erneuert den PCI-Status. Neue Projekte wie HySoW, MidHY und H2ercules South-West werden in den Korridor aufgenommen.

FAQ

Was ist die H2Med-Pipeline? H2Med ist ein geplanter Wasserstoffkorridor vom Mittelmeer nach Mitteleuropa. Er verbindet Portugal, Spanien, Frankreich und Deutschland über die Untersee-Pipeline BarMar (Barcelona–Marseille, 455 km) und die Landleitung CelZa (Celorico da Beira–Zamora, 248 km). Die Transportkapazität soll 2 Mio. t Wasserstoff pro Jahr betragen.

Wann soll H2Med in Betrieb gehen? Der kommerzielle Betriebsstart ist für 2032 geplant. Ursprünglich war 2030 angepeilt, der Termin wurde im November 2025 nach Abschluss der geophysischen Untersuchungen angepasst.

Wie viel kostet die H2Med-Pipeline? Die geschätzten Baukosten liegen bei rund 2,5 Mrd. € (davon ca. 2,1 Mrd. € für BarMar und 350 Mio. € für CelZa). Die EU hat 35,6 Mio. € aus der Connecting Europe Facility bewilligt, insgesamt fließen 97,2 Mio. € an Projekte entlang des Korridors.

Welche Unternehmen stehen hinter H2Med? Fünf europäische Fernleitungsnetzbetreiber: Enagás (Spanien), NaTran – ehemals GRTgaz – und Teréga (Frankreich), REN (Portugal) und OGE (Deutschland).

Was hat H2Med mit dem European Hydrogen Backbone zu tun? H2Med ist einer von fünf großen Korridoren des European Hydrogen Backbone, einem geplanten europaweiten Wasserstoff-Pipelinenetz mit rund 53.000 km Gesamtlänge.

Ein Beitrag von:

  • Magnus Schwarz

    Magnus Schwarz schreibt zu den Themen Wasserstoff, Energie und Industrie. Nach dem Studium in Aachen absolvierte er ein Volontariat und war mehrere Jahre als Fachredakteur in der Energiebranche tätig. Seit Oktober 2025 ist er beim VDI Verlag.

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