Wasserstoff aus Emden: Letzter Bauauftrag für EWEs Elektrolyse-Giganten
In Emden rollen die Bagger: EWE baut den größten Elektrolyseur Deutschlands. Nun wurde der finale Zulieferer bestimmt. Was das Projekt auszeichnet – und was es ausbremst.
So soll der 320-MW-Elektrolyseur in Emden ab 2027 aussehen.
Foto: EWE/Jan Lübkemann
UPDATE: 13. Mai 2026
EWE treibt eines der größten Wasserstoffprojekte Europas weiter voran: Am 12. Mai hat der Oldenburger Energieversorger den Anlagenbauer Bilfinger mit dem letzten großen Vergabepaket für seinen 320-MW-Elektrolyseur in Emden beauftragt. Damit sind die wesentlichen Gewerke vergeben:
- Elektrolyse (Siemens Energy)
- Verdichter (Neuman & Esser)
- Tief- und Hochbau (ARGE Ludwig Freytag, Gebrüder Neumann und MBN)
- Balance-of-Plant (Bilfinger).
Ab Ende 2027 soll in Emden grüner Wasserstoff entstehen. Seit der norwegische Energiekonzern Statkraft im Mai 2025 seine Elektrolysevorhaben in Emden auf Eis gelegt hat, wäre EWE der einzige Wasserstoffproduzent am strategisch günstig gelegenen Nordsee-Standort. Bisher läuft alles nach Plan. Doch die Frage ist: Wird es Abnehmer geben?
Inhaltsverzeichnis
Bilfinger übernimmt die Balance-of-Plant – das letzte Großgewerk
Der Auftrag an Bilfinger umfasst laut einer EWE-Meldung vom 12. Mai die Detailplanung, Lieferung, Installation und Inbetriebnahme zentraler Komponenten rund um die eigentliche Elektrolyse. Dazu zählen:
- mehrere Kilometer Rohrleitungssysteme
- Stahlbauarbeiten
- Integration technischer Nebenanlagen. Dazu zählt alles, was die Elektrolysestacks und Verdichter zu einer funktionierenden Anlage verbindet: mehrere km Rohrleitungen, Stahlbau, Wasseraufbereitung, Kühlsysteme, Gasaufbereitung und die Leittechnik
Mit der Vergabe dieser „letzten großen Bauleistungen“ sei eine „entscheidende Voraussetzung“ für das Projekt geschaffen, betont Tobias Moldenhauer, Geschäftsführer der EWE Hydrogen GmbH: „Wir haben jetzt eine belastbare Grundlage und können darauf aufbauend wettbewerbsfähige und langfristige Angebote für grünen Wasserstoff anbieten.“ Das sei „ein zentraler Schritt vom Projekt hin zum Markt“.
EWE steht laut eigenen Angaben mit mehreren Industriepartnern in Vertragsverhandlungen über langfristige Lieferbeziehungen. Konkrete Namen nennt das Unternehmen nicht. Auf der Baustelle laufe die Umsetzung parallel, sagte EWE-Sprecherin Nadine Auras der Nordwest-Zeitung: Der Zeitplan, der eine Inbetriebnahme Ende 2027 vorsieht, werde gehalten.
Allerdings stehen noch wichtige Genehmigungen aus, unter anderem nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz und wasserrechtliche Erlaubnisse.
Wasserstoff ab 2027: Siemens Energy liefert die Technik
Das technische Herzstück des Elektrolyseurs, die PEM-Elektrolyse-Stacks, liefert Siemens Energy. Der Hersteller hat bereits die 20-MW-Anlage „Trailblazer“ von Air Liquide in Oberhausen sowie den Großelektrolyseur von BASF in Ludwigshafen ausgestattet. Die Verdichter stammen vom Maschinenbauer Neuman & Esser aus der Nähe von Aachen.
Zum Vergleich: Der aktuell größte Elektrolyseur Deutschlands befindet sich bei BASF in Ludwigshafen. Seine Kapazität: 54 MW. Mit 320 MW und einer geplanten Jahresproduktion von rund 26.000 Tonnen grünem Wasserstoff spielt Emden in einer anderen Liga.
Clean Hydrogen Coastline: Die drei Teilprojekte im Überblick
- Elektrolyse Ostfriesland: 320-MW-Elektrolyseur in Emden, Inbetriebnahme Ende 2027
- Speicher Huntorf: Umrüstung einer Salzkaverne zur großtechnischen Wasserstoffspeicherung
- H2-Pipeline-Infrastruktur Nordwest: Anbindung an das deutsche und europäische Wasserstoffkernnetz
EWEs Masterplan gegen das Henne-Ei-Problem
Die Anlage ist kein Einzelprojekt, sondern Teil des Großvorhabens „Clean Hydrogen Coastline“. Die Idee: Wasserstoff nicht nur erzeugen, sondern auch speichern und transportieren. Ein geschlossenes System also, das mit einem regionalen Ansatz die typischen Henne-Ei-Probleme des Markthochlaufs umgehen soll.
Damit das gelingt, rüstet EWE in Huntorf eine Salzkaverne zur großtechnischen Wasserstoffspeicherung um. Eine Pipeline-Achse zwischen Wilhelmshaven, Leer und Emden soll den Anschluss an das deutsche Wasserstoffkernnetz sicherstellen und bildet so die Wasserstoff-Arterie des Clusters.
Insgesamt investiert EWE bis zu 1 Mrd. € in Clean Hydrogen Coastline. Mehr als die Hälfte wird über die IPCEI-Förderung von Bund und Ländern finanziert.

50 % Mehrkosten: Wie EU-Regeln den Wasserstoff verteuern – und Brüssel jetzt nachdenkt
Die EU-Regeln zur Zusätzlichkeit und Zeitgleichheit beim Strombezug würden die Produktionskosten in Emden um etwa 88 % erhöhen, hatte EWE-Vorstandschef Stefan Dohler im Sommer 2025 dem Fachportal H2News erklärt. Bezogen auf den Preis pro Kilogramm bedeute das über 50 % Mehrkosten. Dass diese Kostenfrage strukturell wirkt, zeigt der Blick auf das Wettbewerbsumfeld: Statkraft ist nicht allein – auch Shell, Equinor, BP und der deutsche Staatskonzern Sefe haben ihre grünen Wasserstoffambitionen zurückgefahren oder eingestellt.
Das Problem: Die sogenannten RFNBO-Kriterien für grünen Wasserstoff schreiben vor, dass Elektrolyseure ihren Strom aus neuen Erneuerbare-Energien-Anlagen beziehen und die Produktion stündlich mit der Stromerzeugung abgleichen müssen. Ein flexibler, preisoptimierter Betrieb ist damit kaum möglich. Die Anlage in Emden profitiert allerdings noch bis 2030 vom Bestandsschutz. Erst danach greifen die strengeren Vorgaben.
Hier zeichnet sich erstmals Bewegung ab: Laut einem im April 2026 öffentlich gewordenen Aktionsplan plant die EU-Kommission eine zielgerichtete Überprüfung der RFNBO-Kriterien bereits ab dem zweiten Quartal 2026 – rund zwei Jahre früher als ursprünglich vorgesehen. Ob die Review tatsächlich zu einer Aufweichung der Zusätzlichkeitsregeln führt, ist offen. Moldenhauer wertet die Ankündigung verhalten positiv: Die „angekündigten Anpassungen bei der Ausgestaltung der Zusätzlichkeitskriterien sowie der jüngste Beschluss zur Weiterentwicklung der THG-Quote“ seien „wichtige Signale“.
Was sich laut EWE ändern muss
EWE fordert eine Reform der RFNBO-Regeln, wettbewerbsfähige Strompreise für Elektrolyseure sowie politische Instrumente, die die Wasserstoffnachfrage ankurbeln – etwa durch Quoten für grüne Industrieprodukte. Moldenhauer: „Unternehmen wie EWE investieren bereits entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Damit diese Investitionen verstetigt werden können, braucht es stabile Marktmechanismen, Planungssicherheit und pragmatische regulatorische Vorgaben, insbesondere auf europäischer Ebene.“
In Berlin hat EWE eine potenzielle Verbündete: Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) war bis zu ihrem Amtsantritt Vorsitzende des Nationalen Wasserstoffrates und kennt die Argumentation der Branche aus erster Hand. Ob sie auf europäischer Ebene Mehrheiten für eine substanzielle Reform organisieren kann, ist die offene Frage des Jahres.
Mit 37 Salzkavernen verwaltet EWE über 15 % der deutschen Erdgas-Kavernenspeicher. Sie alle eignen sich potenziell zur Wasserstoffspeicherung – und könnten den Nordwesten Deutschlands so zu einem Zentrum der H2-Wirtschaft machen. Vorausgesetzt, dort produziert dann auch jemand.
Der Aufbau einer industriellen Wasserstoffwirtschaft ist eine der zentralen Aufgaben für die Zukunftsfähigkeit des Technologiestandorts Deutschland. Die VDI-Initiative „Zukunft Deutschland 2050″ begleitet diese Transformation mit faktenbasierten Analysen und Handlungsempfehlungen für Politik und Wirtschaft.

Mehr zur Initiative erfahren Sie hier: https://www.vdi.de/themen/zukunft-deutschland-2050
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