Hochtemperatur-Elektrolyse 11.05.2026, 13:33 Uhr

Wasserstoff in Schwarzheide: BASFs neuer Industriepark wird H2-Labor

Sunfire baut bei BASF in der Lausitz einen experimentellen Hochtemperatur-Elektrolyseur. Auf dem Gelände wird seit 90 Jahren Chemiegeschichte geschrieben. Jetzt rückt auch die Wasserstoff-Wirtschaft an den Standort.

Der BASF-Industriepark Lausitz in Schwarzheide

Der BASF-Industriepark Lausitz in Schwarzheide aus der Luft: Solarfeld im Vordergrund, Chemieanlagen im Hintergrund. Hier baut Sunfire bis Ende 2026 seine SOEC-Testanlage.

Foto: BASF InfraService & Solutions Lausitz GmbH/ Flightseeing

Der Dresdner Elektrolyseurhersteller Sunfire baut bis Ende 2026 eine Testanlage für seine Hochtemperatur-Elektrolyse im Industriepark Lausitz in Schwarzheide. Damit kommt eine Technologie, die Sunfire bislang vor allem mit der Stahlindustrie oder im Ausland erprobt hat, erstmals an einem deutschen Chemiestandort zum Einsatz. Ziel ist die Validierung der Anlage unter realen Industriebedingungen – als Vorbereitung für künftige Großprojekte.

Interessant ist nicht nur die Technik, sondern auch der Ort. Bislang stand Schwarzheide vor allem für Batterierecycling und Kathoden-Produktion. Doch seit gut einem halben Jahr ist der Chemiepark in der Lausitz im Umbruch: BASF baut ihn vom klassischen Konzernwerk zum offenen Industriepark mit externen Investoren um – und das inmitten der wohl schwersten Krise, die die deutsche Chemieindustrie seit Jahrzehnten erlebt. Sunfire ist binnen acht Monaten schon der zweite namhafte Nutzer dieses neuen Modells. Was wird hier gerade aufgebaut?

Was Sunfire in Schwarzheide plant

Die Anlage soll laut einer Sunfire-Meldung vom 11. Mai bis Ende 2026 in Betrieb gehen und die SOEC-Technologie (Solid Oxide Electrolyzer Cell) des Herstellers im Langzeitbetrieb validieren. Wie Sunfire auf Anfrage mitteilt, wird die Anlage eine nominale Leistungsaufnahme von rund 1,3 MW haben und 36,5 kg Wasserstoff pro Stunde produzieren. Damit ist sie etwa halb so leistungsstark wie die ebenfalls von Sunfire gebaute SOEC-Anlage in der Neste-Raffinerie Rotterdam.

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Die Investitionssumme bewegt sich laut Unternehmen im höheren einstelligen Millionenbereich. Der produzierte Wasserstoff wird nicht vermarktet; stattdessen dient die dient als Proof of Concept zur Validierung der SOEC-Technologie. Dabei baut der sächsische Hersteller auf den Ergebnissen des vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) geförderten Leitprojekts H2Giga auf. Die Europäische Investitionsbank (EIB) kofinanziert die Entwicklung mit einem Darlehen, dessen Höhe noch unbekannt ist.

„Mit der Testanlage im Industriepark Lausitz gewinnen wir wertvolle Erkenntnisse aus dem realen Industrie-Umfeld“, erklärt Christian von Olshausen, CTO von Sunfire. „Die gute Infrastruktur, die verfügbaren Flächen und die industrielle Expertise vor Ort ermöglichen praxisnahe Langzeittests in industrieller Skalierung.“

SOEC: Die Hochtemperatur-Wette aus Dresden

Sunfire fährt anders als viele Wettbewerber zweigleisig. Die Sachsen entwickeln zwei Elektrolyse-Technologien parallel: die klassische Druck-Alkali-Elektrolyse (AEL) und die Hochtemperatur- oder Festoxid-Elektrolyse (SOEC). Die SOEC arbeitet bei Prozesstemperaturen von rund 850 °C und kann industrielle Abwärme zur Aufheizung nutzen, etwa aus Raffinerien oder Stahlwerken. Dadurch benötigt sie weniger elektrische Energie und erreicht laut Sunfire Wirkungsgrade von bis zu 84 %; für die dritte Generation werden sogar 89 % erwartet.

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Praxiserfahrung gibt es bereits: In Rotterdam läuft seit Oktober 2025 in der Neste-Raffinerie eine 2,6-MW-SOEC-Anlage; laut Sunfire ist es die weltweit größte ihrer Art. Im AEL-Bereich präsentierte das Unternehmen im April 2026 mit dem neuen 50-MW-Modul HyLink Alkaline 23 einen Ansatz, die Gesamtanlagenkosten von Großprojekten um bis zu 50 % zu senken. Auch Großkunden hat man für die AEL schon gewonnen, etwa zwei 100-MW-Anlagen für die spanischen Repsol-Raffinerien in Cartagena und Bilbao, eine 100-MW-Anlage für RWE in Lingen im Rahmen des Projekts Get-H2, dazu eine Kooperation mit Rheinmetall im Projekt „Giga PtX“.

Die Schwarzheider Testanlage soll diese SOEC-Linie für IPCEI (Important Projects of Common European Interest)-relevante Großprojekte reif machen. Welche das konkret sind, bleibt offen.

Vom Kohlebenzin zum Elektrolyseur

Schwarzheide blickt auf eine lange Chemie-Geschichte zurück. 1935 wurde hier das erste Werk errichtet, um synthetische Kraftstoffe aus heimischer Braunkohle zu gewinnen. Die Investition war eine Antwort auf die damalige Abhängigkeit des Deutschen Reichs von ausländischen Ölquellen. In der DDR wurde der Standort zum größten Polyurethan-Produzenten des gesamten Ostblocks. Seit 1990 gehört er zu BASF.

Im Juni 2023 eröffnete BASF in Schwarzheide Europas erste vollautomatische Großproduktion für Kathodenmaterial, nach eigenen Angaben die erste Anlage ihrer Art in Deutschland. Der damalige Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck erklärte anlässlich der Einweihung: „Dort, wo lange Zeit Kohle zu Benzin verflüssigt wurde, soll künftig das Aktivmaterial für Elektroauto-Batterien produziert werden.“

Mit Sunfires SOEC-Testanlage kommt jetzt die nächste Energiewende-Technologie an den Standort. Allerdings hat sich dieser seit Habecks Rede im Jahr 2023 erneut verändert.

Industriepark Lausitz: Was sich seit September 2025 geändert hat

Etwa die Hälfte der rund 2000 Beschäftigten arbeitet seither in der neu gegründeten BASF InfraService & Solutions Lausitz GmbH, die als Vermieter und Infrastrukturdienstleister auftritt. Über 60 Unternehmen sind am Standort bereits aktiv, in den BASF nach eigenen Angaben mehr als 300 Mio. € investiert hat. Zielbranchen sind Chemie, Kreislaufwirtschaft, Halbleiter- und Energiewirtschaft. Seit Februar ist die Region zudem Teil der länderübergreifenden Initiative Net Zero Valley Lausitz, die die Ansiedlung emissionsarmer Industrien unterstützen soll.

Sunfire ist bereits der zweite externe Ankermieter dieses neuen Modells binnen acht Monaten. Im Februar hatte das Joint Venture Infinite Loop Europe – ein Zusammenschluss der kanadischen Loop Industries und der REED – Société Générale Group – eine dreistellige Millioneninvestition in die erste europäische PET-Recyclinganlage angekündigt. Dort sollen ab 2030 rund 150 neue Arbeitsplätze entstehen.

Hinzu kommen die bestehenden BASF-Aktivitäten am Standort: Kathodenmaterialien für E-Auto-Batterien seit 2023, Black-Mass-Recycling seit 2024, weiterhin Polyurethan-Grundprodukte, Pflanzenschutzmittel und Veredelungschemikalien.

Elektrolyse bei BASF

Natürlich ist auch Wasserstoff aus Elektrolyse keine Neuheit im BASF-Konzern: Am Stammsitz Ludwigshafen betreibt das Unternehmen seit 2025 einen 54-MW-PEM-Elektrolyseur von Siemens Energy, derzeit die größte Anlage ihrer Art in Deutschland.

In Schwarzheide fungiert BASF jedoch nicht als Anlagenbetreiber, sondern als Gastgeber für Sunfires Hochtemperatur-Technologie. Stoffströme zwischen den beiden Unternehmen gibt es zunächst nicht: Sunfire bezieht nach eigenen Angaben zwar alle Medien – Strom, Wasser, Stickstoff, Druckluft und Dampf – von BASF, der produzierte Wasserstoff und die Abwärme der Elektrolyse fließen aber nicht in BASF-Prozesse zurück.

Testlabor für die Chemie- und Wasserstoff-Transformation?

Die Sunfire-Meldung gewinnt vor diesem Hintergrund erst ihre eigentliche Bedeutung:

  • Mit der SOEC-Testanlage entsteht eine deutsche Schlüsseltechnologie für die Wasserstoff-Wirtschaft an einem Chemie-Standort mit Versorgungsinfrastruktur und potenziellen Industrieabnehmern. Vorerst läuft die Anlage allerdings nur im 1,3-MW-Pilotmaßstab, und der produzierte Wasserstoff bleibt ohne Abnahme durch BASF im Versuchsbetrieb des Elektrolyseurbauers.
  • BASF öffnet mit dem Industriepark-Modell einen seiner traditionsreichsten ostdeutschen Standorte für externe Investoren, und das in einer Phase, in der der Konzern den Abbau von rund 5.000 Stellen angekündigt hat und das Stammwerk Ludwigshafen erkennbar an Volumen verliert. Ein offen aufgestellter Industriepark wie Schwarzheide besitzt also eine strategische Funktion, die Branchenberater seit Monaten als Schlüssel zur Zukunftsfähigkeit der deutschen Chemieindustrie fordern: Energie und Chemie zusammen zu denken.

Mit Sunfires Inbetriebnahme Ende 2026 wird Schwarzheide zu einem der wenigen deutschen Standorte, an denen Chemie- und Wasserstoff-Transformation parallel erprobt werden. Wie weit das Modell darüber hinaus trägt, dürfte die Branche mit Interesse beobachten.

Ein Beitrag von:

  • Magnus Schwarz

    Magnus Schwarz schreibt zu den Themen Wasserstoff, Energie und Industrie. Nach dem Studium in Aachen absolvierte er ein Volontariat und war mehrere Jahre als Fachredakteur in der Energiebranche tätig. Seit Oktober 2025 ist er beim VDI Verlag.

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