Gentechnik 14.05.1999, 17:21 Uhr

Gen-Food wird den Welthunger nicht stoppen

Die meisten Deutschen wollen keine gentechnisch hergestellten Lebensmittel. Die Forscher hoffen indes, daß die Gentechnik einmal globale Nahrungskrisen lösen können wird.

Die Gentechnik könnte zumindest teilweise zur Sicherung der Welternährung beitragen“, behauptet Ralf Greiner von der Bundesforschungsanstalt für Ernährung in Karlsruhe. Ernteschäden und Lagerverluste ließen sich drastisch vermindern sowie Ertragssteigerungen durch schädlingsresistente Pflanzen erzielen, sagte er jetzt auf einer Gentechnik-Tagung in Hohenheim.
Ganz anderer Meinung ist dagegen Peter Rottach, Agrarexperte bei „Brot für die Welt“. Daß die Gentechnik das Elend der weltweit über 800 Mio. Hungernden lindern könnte, bezweifelt er. „Allein die Tatsache, daß 80 % der Forschung und Entwicklung in privatwirtschaftlicher Hand liegen, spricht gegen diese These.“ Dem hält Dr. Manfred Kern von der Hoechst Schering AgrEvo entgegen, die Gentechnik könne etwa ein Viertel des Mehrbedarfs an Nahrungsmitteln decken, den das Bevölkerungswachstum in den nächsten 25 Jahren fordere. „Die weltweite Zulassung von bisher 60 transgenen Nutzpflanzen ist bereits ein erster Schritt in diese Richtung.“
Für das Umweltbundesamt (UBA) in Berlin ist der Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft noch nicht nachhaltig. Zu groß seien die Wissenslücken, um ein Urteil darüber abgeben zu können, ob sie zu einer dauerhaft umweltgerechten Landwirtschaft beitragen könne. Die Frage sei auch, ob damit der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln wirklich langfristig sinken werde.
Mehr als 28 Mio. ha wurden 1998 weltweit mit gentechnisch veränderten Pflanzen bestellt. Eine riesige Fläche, beträgt doch das gesamte deutsche Ackerland gerade einmal 12 Mio. ha. In den USA wird schätzungsweise ein Drittel der Landwirtschaftsfläche mit transgenen Pflanzen bestellt. Auch die Biologische Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft (BBA) baut jetzt mit Raps und Mais gleich zwei gentechnisch veränderte Kulturpflanzen auf ihren Versuchsfeldern an. Beim transgenen Mais wollen die Forscher eine gentechnisch eingebaute Widerstandsfähigkeit der Pflanze gegen Insekten testen.
Umstrittene Versuchsreihen zur Wirkung transgener Pflanzen standen kürzlich bereits zum zweiten Mal im Kreuzfeuer von Wissenschaft und Medien. Sie dürften den Gentechnik-Gegnern gute Argumente geliefert haben. Der Biochemiker Dr. Arpad Pusztai vom Rowett-Institute in Aberdeen (Schottland) hatte im vergangenen Sommer Ratten mit genmanipulierten Kartoffeln gefüttert. Kurz darauf stellte er bei den Tieren Schrumpfungen an Leber, Herz und Gehirn sowie eine Schwächung des Immunsystems fest. Das schottische Institut zweifelte die Ergebnisse an und entließ den Forscher fristlos.
Damals erhitzten sich die Gemüter an der Glaubwürdigkeit der Experimente. Nun wurden sie von Wissenschaftlern aus aller Welt bestätigt, die damit den schottischen Kollegen rehabilitieren. Seine Ergebnisse seien korrekt und notwendig gewesen, so das Fazit ihrer Studie. Nun könnte dies wiederum Folgen für die moderne Gentechnik nach sich ziehen, wenn sämtliche genmanipulierten Nahrungsmittel zunächst im Fütterungsversuch ihre Unbedenklichkeit beweisen müßten. Erst dann wäre die in der Novel-Food-Verordnung der EU vorgeschriebene Sicherheit einigermaßen garantiert.
Gegenstand der Diskussion waren übrigens Kartoffeln, denen man ein Schneeglöckchen-Gen eingepflanzt hatte. Das Gen sorgt durch die Bildung von Lektin dafür, daß die Pflanzen vor Insektenfraß geschützt sind. „Eigentlich wollte Pusztai mit seinen Versuchen die Unbedenklichkeit der transgenen Knollen belegen“, erklärte Dr. Beatrix Tappeser vom Öko-Institut, Freiburg, kürzlich vor der Wissenschafts-Pressekonferenz in Bonn. „Nun stellte sich das genaue Gegenteil davon heraus.“ Tappeser war selbst an der Überprüfung in Sachen Glaubwürdigkeit der Experimente beteiligt. Das Öko-Institut reagierte auf die Studie mit der Forderung, Fütterungsversuche unbedingt vor jeder Zulassung von gemanipulierten Pflanzen vorzuschreiben. Auch bereits zugelassene Gen-Pflanzen sollten nachträglich einem Test unterzogen werden.
„Die Studie läßt keinerlei Rückschlüsse auf eine angebliche gesundheitliche Gefährdung der Verbraucher durch bereits zugelassene gentechnisch modifizierte Lebensmittel zu“, behauptet hingegen Prof. Klaus-Dieter Jany, Bundesforschungsanstalt für Ernährung in Karlsruhe. Die Untersuchung zeige nur den hohen Stand der Sicherheitsforschung.
„Im europäischen Vergleich sind die Deutschen der Gentechnik gegenüber besonders mißtrauisch“, meint Prof. Tilman Becker, Universität Hohenheim. Dies hatte die Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg ermittelt. Nur für die Medizin könne man sich ihren Einsatz gut vorstellen. Die Mehrheit der Europäer aber ist für eine Unterstützung der Gentechnik zur Entdeckung von Krankheiten sowie zur Herstellung von Arznei- und Impfstoffen, wie das sogenannte Eurobarometer der Europäischen Kommission bereits 1997 zeigte.
BETTINA RECKTER
Genmanipulierte Kartoffeln hatten bei Ratten Organschrumpfungen verursacht. Viele Forscher fordern deshalb Fütterungsversuche grundsätzlich für alle Gen-Pflanzen.

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