Zementfreier Beton erhält erstmals offizielle Umweltdeklaration
Zementfreier Beton erhält erstmals eine offizielle Umweltdeklaration und erreicht höchste Nachhaltigkeitsstufe – ein Meilenstein für klimafreundliches Bauen.
Betonrohre aus zementfreiem Earth Friendly Concrete könnten künftig dazu beitragen, die CO₂-Emissionen im Tief- und Infrastrukturbau deutlich zu senken.
Foto: Smarterpix / gosti1350
Beton ist der wichtigste Baustoff der modernen Welt. Gleichzeitig gehört er zu den größten Klimaproblemen der Bauindustrie. Der Hauptverursacher ist dabei nicht Sand oder Kies, sondern der Zement. Seine Herstellung verursacht enorme Mengen CO₂. Schätzungen zufolge entfallen weltweit zwischen 5 und 8 % der gesamten Treibhausgasemissionen auf die Zementproduktion.
Nun hat ein Baustoff in Deutschland eine wichtige Hürde genommen, der genau auf diesen Emissionstreiber verzichtet. Der sogenannte Earth Friendly Concrete (EFC) kommt ohne klassischen Portlandzement aus. Er hat erstmals eine offizielle Umweltproduktdeklaration (EPD) erhalten. Zudem verfügt das Material über eine Zulassung des Deutschen Instituts für Bautechnik (DIBt) und erreicht in der Festigkeitsklasse C50/60 die höchste Nachhaltigkeitsstufe des Concrete Sustainability Council (CSC).
Damit gehört EFC zu den wenigen zementfreien Betonsystemen, die sowohl technisch als auch regulatorisch für anspruchsvolle Anwendungen abgesichert sind.
Inhaltsverzeichnis
Beton ohne Portlandzement
Der zentrale Unterschied zu herkömmlichem Beton liegt im Bindemittel.
Während klassischer Beton auf Portlandzement basiert, nutzt EFC ein alkaliaktiviertes Bindemittelsystem. Dabei kommen industrielle Nebenprodukte und mineralische Ausgangsstoffe wie Hüttensand zum Einsatz. Spezielle Aktivatoren sorgen dafür, dass diese Stoffe ähnliche Bindungsmechanismen entwickeln wie Zement.
Das Prinzip wird häufig der Gruppe der Geopolymere beziehungsweise alkaliaktivierten Baustoffe zugeordnet. Die genaue Zusammensetzung bleibt allerdings Teil des herstellerspezifischen Systems.
Der Vorteil liegt auf der Hand: Die energieintensive Herstellung von Portlandzement entfällt weitgehend. Dadurch lassen sich die CO₂-Emissionen des Betons nach Herstellerangaben je nach Rezeptur und Anwendung um bis zu 75 % reduzieren.
Warum die Umweltproduktdeklaration so wichtig ist
Für die Branche dürfte weniger die CO₂-Einsparung selbst entscheidend sein als die nun vorliegende Umweltproduktdeklaration.
Eine EPD dokumentiert die Umweltauswirkungen eines Baustoffs nach standardisierten internationalen Verfahren. Erfasst werden unter anderem:
- Treibhausgasemissionen
- Energieverbrauch
- Ressourcenbedarf
- Umweltauswirkungen über den gesamten Lebenszyklus
Solche Nachweise gewinnen bei öffentlichen Ausschreibungen, Nachhaltigkeitszertifizierungen und ESG-konformen Bauprojekten zunehmend an Bedeutung. Innovative Baustoffe scheitern häufig nicht an ihrer technischen Leistungsfähigkeit, sondern an fehlenden Nachweisen für Planerund Auftraggeber. Mit der EPD erhält EFC nun eine wichtige Grundlage für den breiteren Einsatz im deutschen Bauwesen.
Höchste Nachhaltigkeitsstufe erreicht
Zusätzlich wurde der Beton durch das Concrete Sustainability Council bewertet. Das CSC vergleicht die CO₂-Emissionen eines Baustoffs mit einem konventionellen Referenzbeton. Je nach Einsparung erfolgt die Einstufung in vier Nachhaltigkeitsstufen.
Für das höchste Nachhaltigkeitslevel 4 muss die CO₂-Belastung um mindestens 60 % sinken. Nach den vorliegenden Nachweisen überschreitet EFC diesen Wert deutlich und erreicht damit die höchste Stufe.
Für Bauunternehmen und Auftraggeber*innen wird dieser Nachweis zunehmend wichtiger. Viele Bauprojekte berücksichtigen heute bereits Nachhaltigkeitskriterien bei der Vergabe.
Einsatz auch in aggressiver Umgebung
Besonders interessant ist die Zulassung für anspruchsvolle Einsatzbereiche. Der Baustoff kann künftig auch in der Expositionsklasse XA3 eingesetzt werden. Diese Klasse beschreibt Bauteile, die starken chemischen Belastungen ausgesetzt sind.
Typische Anwendungsgebiete sind:
- Kläranlagen
- Kanal- und Abwassersysteme
- Industrieanlagen
- chemisch belastete Böden
- Infrastruktur in aggressiven Umgebungen
Gerade in solchen Bereichen stoßen alternative Bindemittelsysteme häufig an ihre Grenzen.
EFC weist nach Herstellerangaben eine hohe Widerstandsfähigkeit gegenüber Sulfatangriffen und verschiedenen chemischen Belastungen auf. Das macht den Baustoff insbesondere für langlebige Infrastrukturbauten interessant.
Darüber hinaus eignet sich das Material laut Hersteller für zahlreiche weitere Anwendungen. Dazu zählen Fertigteile, Transportbeton sowie Konsistenzen vom erdfeuchten Beton bis hin zu hochfließfähigen Mischungen der Konsistenzklasse F5.
Erste Großprojekte liefern Praxiserfahrung
Die Technologie ist nicht neu. Ihre Wurzeln liegen in Australien. Dort wurde EFC bereits bei mehreren Infrastrukturprojekten eingesetzt. Zu den bekanntesten Beispielen gehört der Brisbane West Wellcamp Airport. Für Rollwege, Vorfelder und weitere Flugbetriebsflächen wurden dort große Mengen des Materials verbaut.
Nach Angaben der Projektbeteiligten konnten dadurch mehrere tausend Tonnen CO₂ eingespart werden. Auch in Deutschland existieren inzwischen erste Anwendungen. Dazu gehören unter anderem ein Tiny House aus 3D-gedruckten Fertigteilen in Beckum sowie verschiedene Projekte im Wohnungs- und Infrastrukturbau. Die neue EPD dürfte dazu beitragen, dass weitere Projekte folgen.
Wo die Herausforderungen liegen
Trotz der Fortschritte bleiben einige Fragen offen. Ein Teil der eingesetzten Rohstoffe stammt aus industriellen Nebenprodukten. Deren langfristige Verfügbarkeit könnte sich verändern. Besonders Flugasche wird mit dem Ausstieg aus der Kohleverstromung künftig knapper werden.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Während klassischer Beton auf Erfahrungen von weit mehr als 100 Jahren zurückblickt, fehlen für viele alkaliaktivierte Bindemittelsysteme Langzeitdaten über ähnlich lange Zeiträume.
Auch die Normung entwickelt sich noch weiter. Zahlreiche Regelwerke orientieren sich bislang an Portlandzement als Referenz.
In Fachkreisen wird zudem diskutiert, ob Baustoffe ohne Zement überhaupt noch als Beton bezeichnet werden sollten. Technisch betrachtet bestehen sie weiterhin aus Gesteinskörnung, Wasser und einem mineralischen Bindemittel. Der Unterschied liegt vor allem in der Art des Bindemittels.
Ein wichtiger Schritt für klimafreundlicheres Bauen
In den vergangenen Jahren wurden zahlreiche CO₂-arme Betonalternativen vorgestellt. Viele davon blieben jedoch auf Forschungsprojekte oder einzelne Demonstrationsbauten beschränkt.
Beim Earth Friendly Concrete zeichnet sich nun eine andere Entwicklung ab. Die Kombination aus DIBt-Zulassung, Umweltproduktdeklaration und CSC-Level 4 schafft die Voraussetzungen für den Einsatz in regulären Bauprojekten.
Ob sich der Baustoff langfristig durchsetzt, hängt von mehreren Faktoren ab. Entscheidend werden die Wirtschaftlichkeit, die Verfügbarkeit geeigneter Rohstoffe und die Akzeptanz in der Baupraxis sein.
Die Richtung ist jedoch klar. Wenn die Bauindustrie ihre Klimabilanz verbessern will, muss sie den Zementverbrauch deutlich reduzieren. EFC zeigt, dass dafür inzwischen Lösungen verfügbar sind, die nicht nur im Labor funktionieren, sondern zunehmend auch auf der Baustelle.
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